94. Beitrag: "Kein Singapur Sling im Raffles" (15. April)

Es gibt Traditionen, die breche ich nie. Es ist schön, Gewohnheiten zu haben, die einem einen gewissen Rahmen geben. Besonders auf Reisen. So gehe ich zum Beispiel bei jedem Besuch in Singapur ins Raffles Hotel auf einen Singapur Sling. Nur  dieses Mal nicht...
Geplant war der Tag ganz anders, aber wenn es auf dem Schiff An- und Abreise gibt, kommt alles durcheinander. Zumindest für mich. Die Crew und das Phoenix - Team, die damit eigentlich die Arbeit haben, hatten das besser im Griff als ich. Mir ist durch den Abschiedstrubel alles aus der Hand geglitten und bedauerlicherweise konnten wir dadurch mit unseren Freunden nicht mehr zusammen in die Stadt fahren. Das Besondere an dem traditionellen Besuch im Raffles waren immer die Menschen gewesen, mit denen ich dort war. Ich weiß nicht mehr das Jahr oder das Wetter, aber ich weiß genau, wer mit mir dort war. Es waren immer mir wichtige Menschen, so wie es hätte dieses Mal auch sein sollen. Aber manchmal laufen die Dinge anders als geplant und man kann eben nicht noch mal auf "Anfang" drücken. Chance verpasst. Dumm gelaufen. Selbst dran Schuld. Es gibt nicht viele Dinge, die ich mir in meinem Leben anders gewünscht hätte. Aber dieser letzte Tag mit diesen besonderen Menschen und nach dieser besonderen Reise hätte anders sein müssen. Kennt ihr das Gefühl, wenn man keine Möglichkeit mehr hatte, alles zu sagen? Wenn man eine Sache irgendwie unfertig zurücklässt und es Tag und Nacht an einem nagt, was man hätte tun oder nicht tun, nicht sagen oder sagen sollen? Bis heute hält dieses Gefühl bei mir an, egal, was ich tue, mit wem ich rede, was ich erlebe oder in welchem Land ich gerade bin. Deshalb ist die Reise für mich seit Singapur eine komplett andere Reise. Nicht schlecht, aber so verschieden, als wäre ich auf einem anderen Schiff.
Nicht falsch verstehen, ich genieße es immer noch und die neuen Leute geben sich sehr viel Mühe, sind inzwischen auch zu Freunden geworden. Aber anders eben.
So anders wie der letzte Tag in Singapur. Die Löwenstadt, wie das malaiische Wort "Singapura" übersetzt heißt, hatte uns freundlich empfangen. Wie bei der letzen Weltreise gab es diesen "Aha"-Effekt, als wir morgens auf den Balkon traten. Die "MS Amadea" lag direkt zwischen der Insel Sentosa und der Hauptinsel Singapur. Über das Schiff fuhren in 65 Metern Höhe die Gondeln der Seilbahn vom World Trade Center aus. Vor zwei Jahren war ich so mit Louisa nach Sentosa "gegondelt". Wir waren damals in der Underwater World gewesen mit dem Glastunnel, der einen durch ein Becken mit 2300 tropischen Pflanzen und Tieren führt und in dem sich drei Millionen Liter Wasser befinden. Wir besuchten damals auch den Schmetterlingspark und die Delphinvorführungen (die Fotos sind von unserem letzten Besuch).
Die Stadt mit dem Colonial District und der bekannten Skyline hatten wir bei einem anderen Singapur-Stopp gesehen, hatten Chinatown und Little India besucht und kannten auch den Botanischen Garten mit mehr als einer halben Million tropischen Gewächsen. Mich hatten damals vor allem die vielen Orchideen beeindruckt.
Dieses Mal nun wollten wir shoppen gehen, dafür ist Singapur nach wie vor bekannt, und uns anschließend im Raffles niederlassen bevor unsere Freunde sich zum Flughafen aufmachen mussten. Da aber der Termin für die Ausschiffung unserer Freunde unsicher war, wir wiederum sie auf jeden Fall verabschieden wollten, konnten wir das Schiff nicht verlassen. Nur über Mittag verschwanden wir für eine Stunde und flitzten durch die Mal am Cruise Terminal, die sich seit unserem letzten Besuch vor zwei Jahren größenmäßig mindestens verzehnfacht hatte. Früher eine kleine Halle, heute eine Einkaufsstadt. Louisa brauchte dringend neue Kleidung, sie wächst und wächst... Und so suchte ich in Windeseile Kleider, Jacken und Röcke zusammen, bezahlte mehr als ich gewöhnlich für meine Kleidung ausgebe und wir rannten zum Schiff zurück.
Von diesem Zeitpunkt an war Louisa nicht mehr vom Schiffsausgang weg zu bekommen. Sie hatte solche Angst, sie könnte ihre Freunde nicht mehr verabschieden. Sie setzte sich auf den Boden vor den Ausgang und ich war seit langer Zeit ratlos. Wie sollte ich meinem Kind in dieser Situation helfen? Schon am Abend vorher auf dem Weg in die Küche hatte sie geweint: "Immer wieder verliere ich meine Freunde. Kaum habe ich mich an jemanden gewöhnt, geht der weg." Sie meinte damit vor allem ihren Freund, Küchenchef Rupert, bei dem sie seit fast vier Monaten jeden Tag manchmal mehrere Stunden im Office gesessen hatte, Spiele gespielt, Trickfilme gesehen, Diskussionen geführt. Und sie meinte ihre Freundin Kirstin, die Hotelmanagerin, mit der Louisa so gern getanzt und die sie in ihr Herz geschlossen hatte. "Mami, müssen die beiden auch wirklich hier vorbei?", fragte Louisa immer und immer wieder und sie war auch schon zwei Stunden vor dem offiziellen Ausschiffungstermin nicht von ihrem Platz vor der Tür wegzubewegen. "Ich bleibe besser hier sitzen." Nun war ich die ganze Zeit so tapfer gewesen und dann sah ich da dieses kleine Würmchen auf dem Boden sitzen mit ihren großen Augen voller Trauer - und es passiert mir jetzt beim Schreiben schon wieder, dass ich einfach weinen muss. Es war wirklich  der erste Moment, die erste und die zweite Weltreise eingeschlossen, bei dem ich mich fragte, ob ich meiner Tochter nicht zu viel zumutete. Musste sie so früh lernen, wie weh es tut, liebe Menschen zu verlieren?
Louisa saß da stoisch und beobachtete das Abschiedsgewimmel. Zwangsläufig geriet ich auch hinein in die Schlangen der Abreisenden und wurde gedrückt und geknutscht, uns wurde Glück gewünscht und eine schöne Weiterreise und ich wunderte mich, wie viele Passagiere man auf einem Schiff doch kennen lernt und war auch erstaunt, wie viele von der Crew von Bord gingen. "Was du gehst auch?", "Ist die Zeit schon wieder vorbei?"
Und Louisa saß da und saß und saß und hatte für die meisten guten Wünsche der Gehenden nur ein müdes Lächeln. Sie wartete. Reiseleiterin Manuela  brachte meiner Tochter eine Picknicktüte und Louisa kaute lustlos auf einem Brötchen herum. Ein Barkeeper schenkte ihr eine Sprite mit Strohhalm. Liebevolle Gesten konnte ich gar nicht vertragen, wenn ich traurig war.
Der eigentliche Abschied dann war kurz. Wir begleiteten unsere Freunde nach draußen und wollten dem Flughafentransfer - Auto winken. Doch wegen der Transitwege verabschiedeten wir uns eher, gingen dann doch zusammen, aber auch nicht, und Louisa rannte den beiden immer wieder laut rufend hinterher. Irgendwie hatte mein Kind das nicht verdient. Ich weiß, das hatte keiner verdient. Dann waren sie weg.
Da wir uns in der Öffentlichkeit befanden und wir unter Beobachtung standen, strafften wir die Schultern und hoben den Kopf, so wie ich es auf dem Buddhaberg gelernt hatte. Da war das Tor nach draußen in die raue Wirklichkeit, da war das Schiff, auf das wir zurück mussten. Ein langer leerer Gang (typisch für offizielle Gebäude in Singapur) lag vor uns und am Ende des Ganges und am Eingang zum Schiff standen der neue Hoteldirektor, der Kreuzfahrtdirektor und der Kapitän nebeneinander. Empfangskomitee oder Jury? Der Gang wurde immer länger.
Wie auch immer. Die Melodie, die immer beim Auslaufen der Amadea über Bordlautsprecher erklingt, werde ich in Zukunft immer mit dem Ablegen in Singapur verbinden. Es gab eine Party an Deck mit Sekt (habe ich schon mal erzählt...) vor der wunderschönen Skyline von Singapur. Der Himmel war mit dunklen Wolken verhangen. Wir zwei liefen zur Spitze des Schiffes und in der Ferne sahen wir, wie sich die Sonne durch ein Loch in den Wolken drängte und uns wie mit einem Punktstrahl den Weg zeigte. Es war dunkel, aber da wo das Schiff hinfuhr, wurde es heller. Zumindest ein bisschen.

Musiktipp zur Stimmung: Kreviazuk Chantal, "Leaving on a Jet Plane"
Mein Wort des Tages: "Sei nicht verzweifelt, wenn es um das Abschied nehmen geht. Ein Lebewohl ist notwendig, ehe man sich wieder sehen kann. Und ein Wiedersehen, sei es nach Augenblicken, sei es nach Lebenszeiten, ist denen gewiss, die Freunde sind." Richard Bach

Anja Fließbach: Sonntag, 15 April 2007, 23:04 Uhr