• Dezember 07, 2021
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Tiffanys, Cartier und H. Stern gelten als die drei erfolgreichsten Schmuckmarken der Welt. Der Firmengründer Hans Stern war trotzdem stets bescheiden und zurückhaltend, besonders gegenüber Medien. Vor ein paar Wochen starb der große kleine Mann (84). Disy-Chefredakteurin Anja K.Fließbach und Art Direktorin Anke Mittelhäuser hatte er kurz zuvor noch in die Zentrale in Rio de Janeiro eingeladen und hatte sein Leben, seine Erfolge und seine Lieben ein letztes Mal Revue passieren lassen. Lesen Sie Anja K. Fließ-bachs Bericht über die letzte Begegnung mit Hans Stern und das letzte Interview.

Langsam glitt der Fahrstuhl in die 12. Etage des Towers in Rios Nobelviertel Ipanema. Die Türen öffneten sich zum Imperium des reichsten Mannes Brasiliens. Weltzentrale. Millionenumsätze. Edelsteine. Wir mittendrin...

Doch statt rotem Teppich und Goldlüstern oder modernen Designermöbeln und elegantem Minimalismus betraten wir den schmalen Gang eines in die Jahre gekommenen Bürogebäudes mit dunklem Holz und grellem Licht. Ich war etwas enttäuscht vom ersten Eindruck. Nachdem wir von zwei Männern in einem Wagen mit dunklen Scheiben vom Schiff abgeholt worden waren, zwei Herren am Eingang mit einer kleinen Verbeugung die Türen unseres Autos geöffnet hatten und wir in einem modernen Eingangsbereich mit kleinen Drinks begrüßt worden waren, sah es hier, hinter den Kulissen, recht nüchtern aus.

 

Auch das Büro von Hans Stern war äußerst bescheiden eingerichtet. Der Mann selbst in zerknittertem Anzug und derben Schuhen. Doch in seinen Augen blitzte ein gewisses Amüsement, als er uns begrüßte und meinen Blick beobachtete. Er war sich der Erwartungen und Ernüchterung seiner Besucher wohl bewusst, hatte es sicher oft erlebt. Der alte Herr ließ Espresso bringen und lächelte mich freundlich an.

„Erzählen Sie mir etwas von Ihrer Zeitschrift Disy“,

begann er das Gespräch, in dem es eigentlich um seinen Weg und sein Leben gehen sollte. „H. Stern“ ist eines der bekanntesten Schmuckimperien der Welt mit 

160 eigenen Filialen, 3200 Mitarbeitern und einem Image, das Hollywoodgrößen (zu Sterns Verehrerinnen zählten Charlize Theron, Cameron Diaz oder Sharon Stone) und die Konkurrenz beeindruckt. Zu den Mitbewerbern von „H. Stern“ zählt die Fachpresse gerade mal Tiffanys oder Cartier.

Ich antwortete höflich. Doch statt zu erzählen, wollte ich etwas von ihm lernen. Das Schönste an meinem Beruf ist es, Menschen zu treffen, denen man sonst nie begegnet wäre, und ihre Geschichten zu hören. Bei Hans Stern lernte ich viel. Schon als er zu erzählen begann, war die nüchterne Umgebung und der unscheinbare Anzug vergessen. Es leuchteten eine Persönlichkeit und eine Aura auf, die nun von den großen Saphir-Manschettenknöpfen unterstrichen wurden, die ein winziges Stück hervorblitzten, wenn sich der Patriarch locker zurücklehnte.

„Die schlimmste Eigenschaft der Menschen sind Neid und Missgunst“, begann er von seinem Leben zu erzählen. 

Vor dem Abschied ließ sich Hans Stern aus seinem Tresor verschiedene Kästen bringen und zeigte uns die schönsten, reinsten und größten Edelsteine dieser Welt – bescheiden verpackt und die meisten ungeschliffen auf abgewetztem Samt. Zärtlich legte der alte Mann die Steine auf seine Hand und seine Augen funkelten scheinbar mehr als die Smaragde, Saphire und Rubine vor ihm. Dann lehnte er sich zurück und begann zu erzählen ...