93. Beitrag: "Vietnam ausgelassen" (14. April)

Welch ein Frevel, auf einer Weltreise einfach ein Land auszulassen. Man ist in Vietnam und geht nicht von Bord? Unmöglich! Aber bei der Vielzahl von Eindrücken und Erlebnissen und dem Pensum an selbst auferlegter Arbeit war diese Pause eine Art "Überlebensstrategie". Außerdem war Vietnam der letzte Hafen vor Singapur, wo meine Freunde aussteigen sollten und ich hatte noch viel zu tun...
Zu meiner Entschuldigung muss ich sagen, ich war schon einmal in Vietnam. Ich hatte das Land zwischen dem Roten Fluss und dem Mekongdelta vor Louisas Geburt besucht, war in Da Nang (liegt hinter dem Wolkenpass Deo Hai Van) und Hue (die Hauptstadt der letzten Kaiserdynastie) gewesen. Saigon hatte ich damals auch besucht und erinnere mich an die hübschen jungen Frauen (zwei Drittel der Vietnamesen sind unter 30 Jahre alt) auf ihren Fahrrädern und den freundlichen Menschen, die trotz ihrer teilweisen Armut (20 Prozent Arbeitslose, Fabrikarbeiter verdienen rund 5  Euro am Tag) scheinbar immer lächeln. Ich erinnere mich, wie beeindruckt ich von dem Arbeitseifer der Leute war, die vor Sonnenaufgang mit der Arbeit begannen und nach einem kurzen Abendessen bis zum Schlafengehen weiter arbeiteten.
Dieses Mal blieb ich nun (leider) an Bord. Louisa war mit unseren Freunden unterwegs, die in Singapur aussteigen würden. Sie genossen die letzten gemeinsamen Erlebnisse. Ich kümmerte mich um Dinge wie Wäsche waschen, für die Freunde Fotos raussuchen, CDs überspielen, Abschiedsgeschenke einpacken und ich schrieb den Rest eurer 289 Postkarten, die ich auf drei Tage aufgeteilt hatte. Freundlicherweise hatten mir die Rezeptionsmitarbeiter der Amadea die Adressen schon eingetragen.
Als die Passagiere am Abend wieder auf das Schiff kamen, waren sie voller Optimismus und Freude, hatten ein Lächeln auf den Lippen. Ich sah sofort meine Erinnerungen von Vietnam bestätigt. Es war wohl immer noch ein freundliches Land. Die Passagiere erzählten, dass die Fahrräder in Saigon den Mopeds gewichen waren. Überhaupt sei Vietnam im wirtschaftlichen Aufschwung mit rund 7 Prozent Wirtschaftswachstum jährlich und heute schon fast 100.000 privaten Unternehmen. Sie erzählten von ihrem Drink im berühmten Rex Hotel und ich fragte, ob der große Elefant immer noch auf der Terrasse stand. Stand er. Von manchen Plätzen auf der Welt hatte ich ein exaktes Bild abgespeichert. So auch vom Rex in Saigon.
Einige Passagiere waren etwas stiller. Die, die den Ausflug zu den alten, zum Teil noch gut erhaltenen Tunnelsystemen des Vietcong aus dem Vietnamkrieg (1964 bis 1975) gebucht hatten und mit dem Leid von damals, mit immerhin vier Millionen Toten, in Berührung gekommen waren.
Bei der Abfahrt unserer Amadea am Abend waren sich alle über Vietnam einig, dass es einen längeren Besuch lohnt. Für mich ja nun auf jeden Fall!

Musiktipp zur Stimmung: STS, "Zeig mir dein Himmel"
Spruch des Tages: "Jeder Morgen bietet die Chance eines ganzen Tages"
Anja Fließbach: Samstag, 14 April 2007, 23:03 Uhr