91. Beitrag: "Hallo Stress, na wieder da?" (12. April)

Es sind noch 18 Tage bis unsere Weltreise zu Ende ist und auf subtile Weise kommt der Stress zurück. Es ist wie vor einer Abfahrt aus dem Hafen. Schon 45 Minuten vor der offiziellen Auslaufzeit werden die Maschinen angeworfen, um zum Start hochtourig genug zu laufen. Pseudo-Maschinisten gibt es hier genug, die sich verantwortlich zu fühlen scheinen, "unsere Maschinen anzuwerfen"...

Im Moment ist es die Putzfrau, die mit ihrem Staubsauger die Fusseln zwischen unserer Kabine und dem Flur zu erwischen versucht. Also genau die unter der Tür. Immer wieder stößt sie mit dem Staubsauger gegen die Türfüllung, als ob laute Klopfgeräusche den Schmutz anlocken würden.

Aber die Ruhe kann ich mir für den Rest der Reise wahrscheinlich sowieso abschminken. Gestern Nacht um halb zwei sind nämlich die Neuen gekommen (wie sind schon in Dubai, Passagierwechsel, Artikel zur Stadt kommt noch). Und die sind viele. Und die sind aufgeregt. Und die sind laut. Die stellvertretende Hausdame sagte mir, dass auf unserem letzten Weltreiseabschnitt JEDE Kabine belegt sei, rund 520 Passagiere. Schön für den Veranstalter Phoenix, eine Umstellung für uns Weltreisegäste.

Aber umstellen müssen wir uns so oder so langsam. Die Probleme, die anstrengenden Menschen, der Stress an Land kommen unweigerlich näher und ich sollte den "Pseudo-Maschinisten" dankbar sein, dass sie uns vorbereiten.

Das erste war, dass einer an Land mir meine Kreditkarte geklaut hat. Redaktion anrufen, Geld abheben- und Karte sperren lassen. Es ging weiter mit einer Einladung der Taj Hotel - Gruppe in Dubai und dessen General Manager Helmut Meckelburg. Business. Kontakte. Meetings. Interviews. Ich liebe meinen Job sehr. Aber aus der Ruhe einer Weltreise heraus, war die Umstellung groß. Wir checkten für drei Tage aus von der Amadea. Koffer packen. Abmelden. Ins Hotel umziehen. "Das ist, als ob wir schon nach Hause fahren würden", jammerte Louisa, die übrigens gern auf der Amadea bleiben würde.

Ich nahm meine Freundin Sandra vom Schiff mit ins Hotel und machte mir Stress, dass es ihr auch gefallen würde. Ich traf am Abend drei weitere Freunde vom Schiff und machte mir Stress, dass es auch ihnen gefallen würde. Ich hatte meine kleine Louisa dabei und machte mir Stress, dass es ihr trotz meiner Terminen gefallen würde. Na, ihr könnt euch das schon vorstellen.

Irgendwie hatte dann auch schon der Taxifahrer Stress, denn er fuhr, als ob er den Stress abbauen wollte. Mir wurde schlecht und als das Auto hielt, wollten Sandra und ich die Plätze tauschen und öffneten die Türen (vorn geht es mir besser). Der Fahrer schrie uns an, erzählte etwas von Gefängnis und schimpfte bis zum Hotel über das Mißachten der Regeln in Dubai und über die Auswirkungen.

Im Hotel selbst war es für mich dann schon wie zu Hause. Offiziell wurde ich von einem Manager des Hotels nach dem anderen begrüßt - PR, Frontdesk, Spa. Sales, Restaurant... Ich bekam einen großen Blumenstrauß, unzählige Visitenkarten und einen Tagesplan für Meetings und Treffen. Es war alles richtig, genau wie es sein sollte, aber - ich war es nach vier Monaten Ruhe nicht mehr gewohnt. Endlich entspannen konnte ich mich erst, als sich beim Lunch der General Manager des Taj Palace Hotels und Chairman der Luxury Hotels und Appartements zu uns gesellte. Ein Mann der klaren Ansage, ein Mann mit Einblick in die Wirtschaft und Politik der arabischen und asiatischen Welt, ein Mann mit Charisma. Jetzt wurde Dubai für mich richtig gut, bis mich am nächsten Tag ein Anruf vom Amadea- ReiseleiterJean-Jacques aus der "anderen Welt" aus dem konzentrierten Dubai-Aufenthalt riss. "Ach übrigens, du musst eben mal aufs Schiff kommen und umziehen. Wir brauchen deine Kabine, die neuen Gäste sind schon da."

Das hatte einen gemeinen Touch. Nicht weil wir umziehen sollten, nicht weil wir unseren Dubai-Aufenthalt  und die Gespräche abbrechen mussten, nicht, weil wir Termine absagen mussten (da war nicht nur Geschäft dabei, man hatte auch für mich Termine im Ayurveda-Spa im Taj Palace Hotel arrangiert. Schluchz.). Gemein war der abrupte Umzug. Wir konnten uns nicht mal mehr von unserem Balkon verabschieden, das Rauschen des Meeres eine letzte Nacht genießen, unsere Sachen in Ruhe packen. Dass wir noch mal umziehen müssten, hatten wir eigentlich gewusst. Aber Jean-Jacques hatte uns schon vor Singapur an einem Abend freudig mitgeteilt, ich saß gerade mit beiden Hotelmanagern Kirstin und Rainer zusammen: "Ihr müsst nun nicht mehr umziehen. Ihr seid durchgebucht bis Venedig." Ich jubelte laut. Wie nett, dass man uns den Umzug ersparte. Vier Tage vor Dubai bestätigte Jean-Jacques das wieder: "Also ich habe noch mal nachgeschaut, die Kabine ist durchgebucht. Ihr müsst nicht umziehen." Ich jubelte noch lauter. Zwei Tage später ein Anruf von JJ: "Ähm, die Kabine war wohl doch nicht mehr auf euch gebucht, aber sie ist storniert und ihr müsst nicht umziehen." Irgendwann fängt man an, den Menschen zu vertrauen und den Aussagen zu glauben.

Wie auch immer. Jedenfalls sind wir gestern Abend eben umgezogen, haben in der Nacht alle Einzelteile verstaut, die Tüten ausgepackt, die die Umzugshilfen zumindest schon eingepackt und umgeräumt hatten und haben versucht, in der kleineren Kabine (ohne Balkon) alles zu verstauen. Der Umzug an sich war eigentlich kein Problem.

Aber nun war mein Stresspegel oben. Dinge, die ich über Wochen hinweg auf dem Schiff registriert hatte, wegen meiner gelassenen Grundstimmung aber ignorierte, zeigten sich mir nun fast wie im grellen Neonlicht der Realität. Hallo Anja Fließbach, willkommen auf der Erde! Ich ärgerte mich über die Vize-Restaurantchefin Anja (Mist, dass die auch noch meinen Namen hat). Ihr süffisantes Lächeln oder abwechselnd muffliges Gesicht hatte ich sonst immer ignoriert. Doch so hochtourig wie ich war, sprach ich sie an. "Was ist los? Warum schaust du so?" Sie antwortete mit dem ihr eigenen Unterton: "Na, war´s schön?" Ich kannte diese Frau nicht, mochte ihre Ironie nicht, hatte ihr auch nie etwas von meinen Plänen erzählt. Woher also...? "Du hast doch erzählt...", begründete sie. Nein! "Sandra hat doch erzählt..." Nein! "Okay, Buschfunk!"

Ich bin länger als vier Monate auf dem Schiff, habe mich über das Gerüchtesystem an Bord immer mehr amüsiert, als geärgert. Gestern war der erste Tag, an dem es mich aufregte. Weil es einmal so schön lief, traf ich auch noch Tänzer Christian auf dem Gang. Seit vier Monaten grüßte ich ihn immer freundlich. Seit vier Monaten grüßte er nicht zurück. Vier Monate lang hatte es mich nicht gestört. Gestern war der erste Tag, an dem es mich ärgerte. Und dann fiel in der Hektik des Umzuges auch noch mein Fotoapparat runter und ging kaputt...

Ihr wisst, was ich meine. Es liegt alles an uns. Die Dinge können wir nicht ändern, aber wir können ihre Wirkung auf uns ändern. Wir bestimmen selbst, ob wir uns ärgern oder nicht. Klar ist das Fass irgendwann voll und man kann das Überlaufen nicht stoppen. Klar sind wir immer abhängig von der Fähigkeit oder meistens Unfähigkeit unserer Mitmenschen, mit Stress umzugehen und Lösungen zu finden. Natürlich werden unsere Probleme fast immer von anderen Menschen ausgelöst. Oft nicht weil sie nicht WOLLEN, sie KÖNNEN meistens nicht. Also was lerne ich aus diesen drei Stresstagen? Zieh auf eine Insel und leg dich den ganzen Tag in die Sonne? Schließ dich zu Hause in der Wohnung ein und lass keinen Menschen rein? Oder besser: Fahr einfach weiter Schiff, nie mehr an Land? Nein: Relax und nimm die Leichtigkeit der Menschen, die du in den Ländern dieser Reise getroffen hast, mit ins Alltagsleben. Schließ die Augen, konzentrier dich und halte so das Rauschen des Meeres in deinem Ohr. Lächle die Stressmaker, Miesepeter und Unfähigen freundlich an und nimm die Sonne so einfach mit!

Also: Ich weiß jetzt wie es geht. Aber ich habe auch gut reden  - schließlich legt das Schiff heute Abend wieder ab und ich darf noch 18 Tage entspannen. Das geht, weil ich die negative Ausstrahlung einiger weniger auf dem Schiff einfach gegen die Sonne nicht sehen werde.

Na also. Die Putzfrau auf dem Gang hat ihren Staubsauger schon ausgeschaltet!

Anja Fließbach: Freitag, 13 April 2007, 9:49 Uhr