79. Beitrag: "Die Große Mauer" (30. März)

Nein, man kann die Große Mauer nicht vom Mond aus sehen. Dafür ist sie einfach zu dünn. Aber wir, wir standen direkt davor. Wir konnten sie anfassen, darüber streichen, fühlen, auf ihr herum laufen, steile Abschnitte nach oben schnaufen, vorsichtig auf der anderen Seite herunter tapsen. Atemlos ob der Anstrengung, Bewunderung und Ungläubigkeit. Wir waren wirklich da...

http://blog.brigitte.de/.shared/image.html?/photos/uncategorized/2007/03/30/seoul_255.jpg Es war eindeutig der Höhepunkt unserer Weltreise. Zumindest für mich. Das größte http://blog.brigitte.de/.shared/image.html?/photos/uncategorized/2007/03/30/seoul_200.jpg Bauwerk der Menschheitsgeschichte, zur Zeit der Ming-Dynastie ganze 6300 Kilometer lang. Heute sind noch rund 5000 Kilometer erhalten. Stellt euch doch mal eine Mauer von dieser Länge vor. Unglaublich. Und was mich am meisten beeindruckte, wie extrem steil sie an vielen Stellen war. Sie verlief schließlich mitten durch die Berge, unwegsames Gelände. Sie klebte förmlich an den Hügeln, ist bis zu sechs Meter hoch und bis sieben Meter breit. Was für eine Arbeit, dieses Bauwerk zu errichten. Es übersteigt jede Vorstellung.http://blog.brigitte.de/.shared/image.html?/photos/uncategorized/2007/03/30/seoul_219.jpg

Schon vor mehr als 2000 Jahren bauten verschiedene Fürsten in China eigene Mauern. Als das chinesische Reich 221 v.Chr. vereinigt wurde, riss man zwar die Mauern zwischen den einzelnen Fürstentümern wieder ab, verstärkte aber die Abschnitte, die http://blog.brigitte.de/.shared/image.html?/photos/uncategorized/2007/03/30/seoul_239.jpgals Grenze nach außen dienten. Auch die nächste Dynastie, die Han, baute die Mauer weiter aus. Als Verbindung zwischen den aus Stein gemauerten Teilen, wurden oft auch behauene Felsen oder Wälle aus Erde genutzt. Die nächste Dynastie, die Ming, schließlich vollendeten die Mauer und so wurde sie dann als Grenze und Schutz gegen die vertriebenen Mongolen genutzt. Das mächtige Bauwerk diente übrigens auch als Nachrichtensystem. Von den Türme, die in Abständen eingebaut waren und in denen die Wachleute auch wohnten und schliefen, wurden Rauchzeichen gegeben und mit Fahnen Botschaften übermittelt. Wenn sich ein Feind näherte, wurde er von den Türmen schnell http://blog.brigitte.de/.shared/image.html?/photos/uncategorized/2007/03/30/seoul_207.jpg gesehen, die Nachricht wurde übermittelt und die Wachleute konnten sogar mit ihren Pferden auf der Mauer entlang reiten.

Louisa will wissen, wer die Mauer gebaut hat. Sie ist sehr beeindruckt, als sie die vielen Steine betrachtet, die übereinander und nebeneinander perfekt eingepasst ein Ganzes ergeben. "Es waren Soldaten, Gefangene und Bauern", erkläre ich. Wieder lasse ich den Teil weg, dass die meisten zu dieser Arbeit gezwungen wurden und viele aus Erschöpfung und Anstrengung beim Bau gestorben waren. Die Toten wurden, so sagt man, gleich mit eingemauert. Denn gemauert sind nur die Außenseiten. Gefüllt wurden die Innenräume mit Erde, Sand, Gestrüpp, Steinen, Holz – was gerade rechts und links des Weges zur Verfügung stand. Es ist ein bewegendes Erlebnis, auf diesem monumentalen Werk zu laufen. Wir können uns nur schwer trennen, aber die Zeit drängt und wir wollen noch zu den Ming-Gräbern.

http://blog.brigitte.de/.shared/image.html?/photos/uncategorized/2007/03/30/seoul_286.jpg Die sind nicht weit von der "Großen Mauer" entfernt. Wie alles in China ist auch dieser "Friedhof" riesig groß. Genau gesagt handelt es sich um ein 40qkm großen Talkessel, wo 13 der 15 Ming-Herrscher begraben wurden. Auch viele Frauen liegen hier: Kaiserinnen und Konkubinen. Wir besichtigen das Changling, das Grab des Yongle-Kaisers. Dem hier verbreiteten Glauben nach, irren die Seelen der Toten noch drei Generationen auf der Erde herum und sollen sich an diesen Plätzen, wo sie beerdigt wurden, wohl http://blog.brigitte.de/.shared/image.html?/photos/uncategorized/2007/03/30/seoul_281.jpg fühlen. Deshalb sind die Kammern der Grabgebäude wie die Zimmer im Palast eingerichtet. Wir können einige wertvolle Grabbeigaben in einer Ausstellung bewundern. "Die meisten Gräber sind noch geschlossen", so Reiseleiter Cheng. "Grabräuber gab und gibt es hier auch nicht."

http://blog.brigitte.de/.shared/image.html?/photos/uncategorized/2007/03/30/seoul_303.jpg Wir spazieren anschließend über die Geisterstraße, die eigentlich ganz friedlich wirkt. Ein langer Weg, der von Tier-Statuen und Mandarinen gesäumt wird. Sie sollen die Gräber vor bösen Geistern schützen. Ein Tor ist die endgültige Sperre. "Die Geister können doch aber daran vorbei fliegen“, meint meine Tochter. "Nein, unsere Geister können nur geradeaus", erklärt Cheng und beschreibt den Glauben.

Die Sonne geht über der Geisterstraße unter und wir machen uns auf den Weg zum Abendessen.http://blog.brigitte.de/.shared/image.html?/photos/uncategorized/2007/03/30/seoul_306.jpg

Typisch chinesisch, sitzen wir in großen Gruppen an runden Tischen und bekommen Unmengen von Schüsseln und Schalen vor die Nase gestellt. Jeder kann sich nehmen , was er möchte, solange er die Kunst des dezenten Bewegens der runden Scheibe drauf hat, auf der das Essen steht. Es ist sehr lustig, immer wieder drauf zu warten, dass die ausgesuchte Speise gerade vorbei kommt. Meistens löffelte auf der einen Seite http://blog.brigitte.de/.shared/image.html?/photos/uncategorized/2007/03/30/seoul_317.jpggerade noch einer, wenn auf der anderen schon gedreht wurde und alles schwappte daneben. Auch ging die Aufgabe des Vorkosters reihum. Der musste dann das Undefinierbare probieren, wurde von den anderen beobachtet und gab dann das Zeichen: "Kann man essen" oder "Lasst es lieber." Geschmacklich war es übrigens kaum vergleichbar mit dem, was man bei uns in chinesischen Restaurant bekommt.

Zum Schluss wollte ich gern noch eine Porzellanvase kaufen. Wenn schon China, dachte ich, dann wäre das das passende Souvenir. Ich betrachtete die schönen Stücke, ließ mich gleich von fünf Verkäufern http://blog.brigitte.de/.shared/image.html?/photos/uncategorized/2007/03/30/seoul_319.jpg beraten, die die guten Vasen auch nach Deutschland liefern würden und entschied mich dann doch gegen den Kauf des 5600 Euro – Souvenirs.

Im Bus witzelten meine Freunde, sie hätten Verständnis. Schließlich müsste ich bei mir zu Hause die ganze Eingangshalle erst farblich anpassen, dann würde auch die runde Auffahrt nicht mehr passen und so eine personengroße Vase würde in meinem großen Anwesen einfach verloren wirken. Wir spürten das Staunen im Bus und grinsten nur still in uns hinein. Mal sehen, was die Gerüchte auf dem Schiff in den nächsten Tagen hergeben würden. Wir verabschiedeten uns von Cheng und durften, man stelle sich vor, nur mit unserem Schiffsausweis wieder an Bord. Die Behören hatten offensichtlich in sozialistischem Stil pünktlich Feierabend gemacht.

Kurz vor dem Auslaufen unserer "Amadea" kamen wir so müde, aber überglücklich auf dem Schiff an. Küche und Service machten für uns Überstunden, damit wir nach den chinesischen Experimenten auch noch etwas "Richtiges" essen konnten.

Als die Auslaufmelodie erklang, wir ablegten und ich vor Kälte und Erschöpfung zitterte, überkam mich und meine Freunde neben mir trotzdem dieses Glücksgefühl. "Wir waren da", sagten wir und stießen auf die "Große Mauer" an.

Musiktipp zur Stimmung: Titel "Zeilen aus Gold", Xavier Naidoo, Album: "Telegramm für X"

Anja Fließbach: Freitag, 30 März 2007, 17:39 Uhr