68. Beitrag: "Die alte Kaiserstadt Kyoto" (16. März)

"Das macht Spaß", rief Louisa und beschleunigte. Rechts, links, schneller. Hand in Hand fuhr ich mit meiner Tochter Schlittschuh - mit großen Pantoffeln auf dem glatten Parkett im Nijo-Schloss in Kyoto...

http://blog.brigitte.de/.shared/image.html?/photos/uncategorized/2007/03/17/osaka_kyoto_059.jpg Es war ein herrliches Schloss, das wir von Osaka aus mit dem Bus in zwei Stunden erreicht hatten. Anfang des 17. Jahrhunderts hatte Tokugawa Ieyasu, ein einflussreicher Shogun, diesen eindrucksvollen Palast bauen lassen. Pompös hieß in Japan schlicht und edel. Die modernen, internationalen Designer entdecken gerade wieder, was die Japaner damals schon schön gefunden hatten. Minimalismus. "Hatten die denn keine Möbel?", wollte Louisa wissen. "Fast keine", antwortete unsere japanische Führerin. "Sie schliefen und aßen auf dem Boden, für Kleidung gab es im Schrank eingelassene Fächer, zum Schreiben kleine Kapptischchen." Wir erfahren, dass die meisten Japaner heute noch so wohnen. Kleine Zimmer, alles spielt sich auf dem Boden ab und der Raum wird mit Kissen zum Wohnzimmer, Schlafzimmer oder Esszimmer umgestaltet.

Das Parkett quietscht auf dem wir schlittern. "Nachtigallen-Parkett", erklärt die Japanerin. Kein Eindringling konnte früher hier entlang, ohne dass ihn die Wachen gehört hätten. Clever, die Japaner. http://blog.brigitte.de/.shared/image.html?/photos/uncategorized/2007/03/17/osaka_kyoto_121.jpg Wir genießen anschließend die ruhige Atmosphäre im großen Palastgarten, der mit kleinen http://blog.brigitte.de/.shared/image.html?/photos/uncategorized/2007/03/17/osaka_kyoto_058.jpg Wasserfällen, Teichen und wunderschönen Bäumen Frieden und Harmonie ausstrahlt.

Überhaupt ist Kyoto so, wie man es der alten Kaiserresidenz nachsagt: Malerisch, majestätisch, romantisch. Der japanische Schriftsteller Yasunari Kawabata, Literaturnobelpreisträger, schwärmte in seinem Roman "Kyoto" über die Aussicht vom "Tempel des klaren Wassers", dem Sonnenuntergang über dem Nishiyama und der Abenddämmerung über der Stadt. Kyoto war seine Liebe und während wir die klare Luft im Garten von Nijo atmen, das Wasser leise rauschen hören und unsere Augen die sanften und harmonischen Linien aufnehmen, in denen der Landschaftsgärtner die Pflanzen angelegt hat, können wir diese Liebe nachfühlen.

Dafür ist es in diesem ruhigen Garten kaum zu glauben, dass Kyoto heute eine Stadt mit 1,7 Millionen Einwohnern und jährlich 30 Millionen Touristen ist.

http://blog.brigitte.de/.shared/image.html?/photos/uncategorized/2007/03/17/osaka_kyoto_070.jpg Genauso friedlich und schön wie Nijo empfinden wir den Kinkaki-ji, den berühmten "Goldenen Pavillon". Als wir um die Ecke biegen, funkelt und leuchtet er in der Sonne, spiegelt sich im klaren Wasser und fügt sich so harmonisch in die Gartenanlage und die Berge dahinter ein, dass es wie ein Gemälde wirkt. Zwei Etagen des Pavillons sind außen mit reinem Blattgold belegt und unsere Japanerin erzählt uns die Geschichte von dem Wahnsinnigen, der einst das wunderbare Bauwerk abgebrannt hatte. "Er liebte den Pavillon so sehr und wollte, dass ihn kein anderer bewundern kann." Eine andere These ist die, dass der Buddhismus eigentlich zur Bescheidenheit auffordert und dem Mann das Bauwerk zu pompös erschienen war. Auf jeden Fall strahlt der nun wieder errichtete Bau, der zum UNESCO Weltkulturerbe zählt, heute in alter Pracht.

http://blog.brigitte.de/.shared/image.html?/photos/uncategorized/2007/03/17/osaka_kyoto_092.jpg Ebenso prächtig war der Heian-Schrein, der 1895 zum 1100sten Jahrestag von Kyotohttp://blog.brigitte.de/.shared/image.html?/photos/uncategorized/2007/03/17/osaka_kyoto_117.jpg erbaut wurde und eine Nachbildung des alten Kaiserpalastes ist. Auch hier halten wir uns lange in der Gartenanlage auf, springen über die Steine, die im Wasser liegen, rennen über die vielen Brücken und bleiben immer wieder staunend stehen, wenn sich an der nächsten Ecke wieder ein anderer atemberaubender Blick auftut. Ich liebe das Meer und die Seetage, auch die wirbelnden Weltmetropolen sind "meine" - aber das Grün der Bäume, das Laufen auf Naturboden, der Duft der Erde und der berühmten Kirschblüten, die sich so langsam aus den Zweigen schälten, waren sehr angenehm und wohltuend.

http://blog.brigitte.de/.shared/image.html?/photos/uncategorized/2007/03/17/osaka_kyoto_087.jpg Abenteuerlicher war dann schon das Essen. In einem einheimischen Restaurant gab es undefinierbare Speisen in verschiedenen Schälchen und frittierte Meerestiere. Typisch japanisch, aber lecker.

Genauso lecker wie das Sushi - Buffet auf dem Schiff, das die Küche zur Abfahrts-Party am Abend aufgebaut hatte. Nach drei Tagen Osaka hieß es um 19 Uhr "Leinen los!" Der nächste Abschnitt unserer Weltreise begann - mit den neuen Passagieren. Und die waren auf den ersten Blick eigentlich ganz nett...

PS: Die letzten Wochen waren sehr aufregend und voll gepackt mit Landtagen, Eindrücken, Erlebnissen, völlig neuen Ländern und Kulturen, Klimawechsel von Sommer auf Schnee, alten Freunden, neuen Freunden, Umzug und den zwischenmenschlichen Dingen, die zum Schiffsleben gehören und die zu schreiben den Rahmen hier sprengen würden. Ich habe eure Kommentare wohl gelesen und morgen kommen die Antworten auf eure Fragen - versprochen!

Musiktipp zur Stimmung: Album "Songbird", Eva Cassidy, Titel "Over the Rainbow"

Anja Fließbach: Freitag, 16 März 2007, 10:57 Uhr