51. Beitrag: "Pappardella und Wagner" (25.2.)

Heute ist Gala-Abend anlässlich der Hälfte des vierten Abschnittes unserer Weltreise. Das Motto ist Moulin Rouge. Die Restaurants sind festlich geschmückt, auch die Kellner passend zum Thema gekleidet, die Küche hat ein 9-Gänge-Menü vorbereitet und das Amadea-Showensemble eine entsprechende Vorstellung. Und ich? Ich sitze auf meinem Balkon mit Parpadelle und Wagner...
Es ist diese besondere Art der Freiheit auf einem Schiff, auf diesem Schiff. Es ist diese besondere Form von Luxus, selbst zu entscheiden, was man gerade machen möchte.

Ich war schon frisiert, gestylt und in Galarobe. Der Empfang vor dem Essen mit Musik und Sekt fand auf allen Etagen statt. Gerade wollte ich nach dem Sektglas greifen, das ein Kellner mir anbot, als ich dachte: "Warum?" Ich war heute nicht im geringsten in Stimmung für eine Feier. Ist doch keiner jeden Tag. Zuhause gehört es zu meinem Job zu Empfängen, Galas und Bällen zu gehen. Gesellschaftliche Verpflichtungen. Doch hier war ich keinem verpflichtet. Okay, ein schlechtes Gewissen hatte ich natürlich gegenüber der Küche, den Dekorateuren und Planern des Abends wegen ihrer Mühe - aber es würde keinem auffallen, wenn einer von der Vielzahl der Passagiere fehlen würde. Schließlich war ich nur irgendein Passagier und konnte genauso gut einen Abend mit mir und meiner Tochter allein verbringen.

Also fragte ich mich selbst wonach mir der Sinn stand und ich fand mich auf meinem Balkon wieder. Während Louisa im Bordfernsehen "Madagaskar" schaute, bestellte ich zwei Gänge des Menüs auf die Kabine: Parpardelle mit Chardonnay Sauce und Kartoffel-Steinpilz-Lasagne mit Trüffelöl. Und weil ich, wenn es mir nicht wirklich gut geht, einen Hang zur Dramatik habe, gönnte ich mir zum Essen Wagner. Ich hatte den "Ring der Nibelungen" auf meinem iPod und startete die Walküre. Ich liebte Wagner. Vor ein paar Jahren hatte mich der Sohn meiner Patentante eines Sonntages in die Dresdner Semperoper eingeladen. Nach dem ersten Schock, die Oper ginge fast fünf Stunden, war ich sofort in den Bann dieser Musik gezogen und war fasziniert von der Geschichte des Wandels. Wie die alte Götterwelt versucht, ihre Daseinsberechtigung zu behalten, wie sie kämpfen und letztlich untergehen. Weil es einfach eine andere Zeit ist, weil etwas Neues anbricht.

Die Walküre war der erste Teil des Ringes, den ich eben damals an jenem Sonntag sah. Völlig unvorbereitet, nur eine grobe Vorstellung von Wagner und mit verschüttetem Schulwissen. Ich schlitterte hinein und fand mich schluchzend und schniefend wieder, als sich Wotan von seiner geliebten Tochter verabschiedete. Er liebte sie über alles, aber er verbannte sie und zog um sie diesen Feuerkreis. War mir das peinlich - Heulen in der Oper. Aber diese Kraft in der Musik, das Kämpferische, die Hoffnung und letztlich das Aufgeben und die Trauer. Wunderbar.

Und solch einen wunderbaren Abend gönnte ich mir auf meinem Balkon. Wissend, dass die anderen zusammen waren. Wissend, dass sie Spaß hatten und ich traurig war. Wissend, dass es völlig in Ordnung war, sich auch mal zurückzuziehen, um die Erlebnisse und die Gespräche zu verarbeiten. Und all das in der zehnten Etage über dem Pazifischen Ozean, beschienen vom Mond und begleitet vom Rauschen der Wellen mit Parpadelle und Wagner. Es war okay, nur irgendein Passagier zu sein.

Musiktipp zur Stimmung: Richard Wagner, Die Walküre: Wotans Abschied und Feuerzauber, Album:  Die Grosse Operngala (Disc3)
Anja Fließbach: Sonntag, 25 Februar 2007, 11:30 Uhr
Fotos: AKF

Kommentare zum 51. Beitrag

Die Macht der Musik, die Kaempfe der alten Goetterwelt... wunderschoen. Der IPod ist doch das beste, was der Mensch jemals erfunden hat, oder?

Kommentiert von: HappySingleMom | Sonntag, 25 Februar 2007, 12:28 Uhr

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Stark ist wer den Mut hat schwach zu sein!

Kommentiert von: C. | Sonntag, 25 Februar 2007, 12:39 Uhr

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Liebe Anja. Das meinte ich. Nun bist du wieder da. S.

Kommentiert von: Simone | Sonntag, 25 Februar 2007, 12:51 Uhr

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Hallo Anja,
heute hast du mich überzeugt. Seit Wochen lese ich täglich deine Berichte. Bisher habe ich mir immer eine gewisse Skepsis gegenüber dieser Art zu reisen bewahrt. Eine Kreuzfahrt? Nie, dachte ich immer. Stück für Stück hast du diese Skepsis abgebaut und mit deinem Wagner-Artikel bist du nun voll zu mir durchgedrungen. Wenn ich nicht immer fein gestylt zum Kapitänsempfang gehen muss, dann probiere ich so eine Reise eben auch mal.
Weiterhin eine schöne Fahrt!
Deine Conny

Kommentiert von: Cornelia Mann | Sonntag, 25 Februar 2007, 13:54 Uhr

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Was bitte sind Parpadelle? Man.

Kommentiert von: Man. | Sonntag, 25 Februar 2007, 13:58 Uhr

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Hallo. Ich bin zwar kein Wagner-Fan, aber das Essen hätte ich auch gern gehabt.
Man.- Parpadelle ist Pasta. Soll ich dir auch erklären, was Wagner ist? Sascha

Kommentiert von: Sascha | Sonntag, 25 Februar 2007, 14:25 Uhr

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Die Dinger heissen PAPPARDELLE und es handelt sich um breite Bandnudeln.

Kommentiert von: punk | Sonntag, 25 Februar 2007, 17:29 Uhr

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Anfang 30 ist das BESTE Alter fuer die Grossen Gefuehle... vielleicht das beste Alter ueberhaupt.
Man ist einigermassen im Erwachsenen-Leben etabliert, hat aber andererseits noch das ganze Leben vor sich.
Man ist meilenweit vom Hormonchaos der Pubertaet, sowie dem der Wechseljahre entfernt.
Der Kopf ist frei. Und wenn man Glueck hat, sind auch die Kinder genau im richtigen Alter: noch klein und lieb, aber nicht mehr total abhaengig.
Leider verschwenden die meisten Menschen in der heutigen Gesellschaft gerade DIESE magische Zeit mit unnoetigem, hausgemachtem Stress. Sie tragen die Welt auf den Schultern, wenn sie fragen sollten "Was kostet die Welt?".
Es ist so erfrischend, hier jemanden zu lesen, der die Anfang 30 mit 6-jaehrigem Kind aehnlich erlebte wie ich: Traeume, Musik, Schreiben, Abenteuerlust.
So, das wollte ich an dieser Stelle mal gesagt haben. :)

Kommentiert von: HappySingleMom | Sonntag, 25 Februar 2007, 18:11 Uhr

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Punk - ich glaube du irrst dich. Sascha

Kommentiert von: Sascha | Montag, 26 Februar 2007, 2:31 Uhr

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Sascha, sieh doch einfach bei Zweifeln im italienischen Woerterbuch nach, da steht es sicher drin.

Kommentiert von: punk | Montag, 26 Februar 2007, 8:53 Uhr

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genau punk, das ist keine glaubens- sondern eine tatsache.
aber eigentlich ist mein kommentar überflüssig.
das lesen der berichte von anja sind immer ein schönes feierabendritual für mich.
würde gern dabei sein, allerdings nicht beim sturm.
mariechen - mit angst vor stürmen

Kommentiert von: Mariechen | Montag, 26 Februar 2007, 17:59 Uhr

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Als Linguistin weiss ich, dass das keine Glaubenssache ist, andere Leute aber wohl nicht ("ich glaube Du irrst dich"). Ich muss pappardelle nicht im Woerterbuch nachsehen und wer's nicht glauben will, soll selber nachsehen. Im Uebrigen hat mich nur die ueberhebliche Erklaerung geaergert, gefolgt von der Frage, ob auch Wagner erklaert werden sollte. Wenn andere Nationen dann parpa- oder sonstwie -delle schreiben wollen, ist mir das eigentlich egal. Hauptsache es schmeckt.

Kommentiert von: punk | Montag, 26 Februar 2007, 18:15 Uhr

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Hallo Anja,
ok,ich machs ;-)
verfolge Ihren Blog fast von Anfang an. Sehr schoen !
Moechte hiermit aber keine Discussion ueber Wagner unter den Kommentatoren entfachen ! Wagner liebt man oder nicht !
Ich hatte das Glueck diese Musik 7 Jahre hintereinander, jeweils eine Woche lang, in Bayreuth zu erleben( bevor ich nach Canada gegangen bin ) Kann Ihre Gefuehle sehr gut nachvollziehen . Sie sind nicht die Einzige die Traenen in den Augen hat bei den Auffuehrungen.
Dieses pic. in Ihrem Bericht passt sehr gut zur Walkuere ( der Feuerring um Bruennhilde ! ) Wagner passt wirklich gut wenn man traurig ist (aber nur wenn man traurig sein moechte, und nicht dabei leidet )
Geniessen Sie Ihre Reise weiter, Gruss an Ihre Tochter (sie soll es auch geniessen ;-) )
aki

Kommentiert von: akinom | Montag, 26 Februar 2007, 19:56 Uhr

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(Letzte Aktualisierung: 6.3.2007)