48. Beitrag: "Inseln im Wind" (22. Februar)

Erst ist es nur ein zartes Rosa über dem Meer. Dann wird es heller. Ich laufe über Deck 10 zur Spitze des Schiffes. Gerade rechtzeitig, um den ersten Strahl der Sonne über den Bergen von Moorea sehen zu können. Wie der Arm der Freiheitsstatue streckt er sich in den Himmel...
Bevor wir die Südsee verlassen, möchte ich euch von diesen wunderbaren Inseln erzählen. Dieser Sonnenaufgang bei der Einfahrt in Moorea war eines der schönsten Erlebnisse. Am Anfang war ich allein an Deck. Doch nach und nach kamen andere Passagiere - verschlafen, manche im Bademantel, träge. Keiner störte diese friedliche Ruhe des Augenblicks. Das Schiff glitt lautlos der Insel entgegen. Die Sonne genoss scheinbar das Publikum und bot eine tolle Vorstellung. Mal versteckte sie sich hinter den Bergen von Moorea, mal schickte sie ein paar Strahlen hervor, mal bot sie ein gleißendes Licht, dass wir die Augen bedecken mussten und dann spielte sie mit den Farben. Sie tauchte die Wolken in unterschiedliche Rosa-. Rot- und Gelbtöne. Sie beleuchtete die Menschen an Deck liebevoll und verwischte harte Konturen und Sorgenfalten. Und mit dem höchsten Berg der Insel, dem 1207m hohen Tohiea, schmuste sie und lehnte sich scheinbar freundschaftlich an, bevor sie endlich ihren Weg nach oben startete. Die Luft war erfüllt vom Duft von Tausenden Blüten. "Riechst du das?", fragte ich eine unbekannte Frau neben mir. Sie zog die Luft tief ein: "Dieser Duft ist unglaublich", bestätigte sie. Es roch viel besser, als in einem Blumenladen. Süß, schwer, aber nicht erdrückend. Das Paradies auf Erden.

Moorea gehört zu Französisch-Polynesien, das 1957 französisches Überseeterritorium wurde und mit 118 Inseln, die insgesamt knapp 4200 qkm Landfläche bilden, der bekannteste Teil der Südsee ist. Seit 1984 ist Französisch-Polynesien autonom , aber wirtschaftlich immer noch von Frankreich abhängig. Vom Gemüse bis zum Fleisch wird alles importiert, was das Leben auf den Inseln teuer macht. Auch für uns Weltreisende ist es auf unserer Tour das teuerste Gebiet, das wir durchqueren. Ein Cocktail auf Tahiti kostet über 20 Dollar - heftig.
Am bekanntesten in der Region sind die Gesellschaftsinseln, die sich in zwei Gruppen teilen. Die dem Passatwind zugewandten Inseln ("Inseln im Wind") und die abgewandten Inseln im Westen. Zur ersten Gruppe gehören Tahiti, Moorea und Tetiaroa, zur zweiten Gruppe Bora Bora, Huahine und Raiatea.
Weil diese Inseln für pazifische Verhältnisse alle nah beieinander liegen, hatten wir mit der "MS Amadea" zehn Landtage nacheinander. Beginnend mit unserer schönen Beachparty auf Fakarawa folgten: Rangiroa, Bora Bora, Moorea, Tahiti (drei Tage), Huahine, wieder Bora Bora und Raiatea. Es klingt sicher völlig verrückt angesichts der Schönheit und Harmonie der Inseln, dass ich diese Zeit als stressig empfunden habe. Zehn Tage Ausflüge, Landgänge, so viel sehen wie möglich. Wie schon mal gesagt: Luxus ist immer das, was man wenig hat. So gönnte ich uns den Luxus, auch mal nicht an Land zu gehen. Welcher Frevel! Ich weiß. Aber zu meiner Entschuldigung muss ich sagen, dass wir diese Inseln schon bei unserer letzten Weltreise besuchten und dann pflichtgemäß jede einzelne von der ersten möglichen Minute bis zum letzten Tenderboot ausgekostet haben.

Es ist auf jeden Fall eine traumhaft schöne Gegend, die ich jedem Menschen empfehlen muss: Falls das mit dem Paradies nach dem Tod doch nicht klappen sollte, hat man hier auf Erden wenigstens schon mal einen Ausblick bekommen. Weiße Strände, blaue Lagunen, Fische zum "an die Nase stupsen" und schöne Menschen. Die Gesichtszüge und schlanken Körper der Polynesier, deren Vorfahren Franzosen und chinesische Arbeitskräfte waren, vervollkommnen den romantischen Südseetraum, der immer noch diesen Hauch Exotik verkörpert.
Immerhin ist die Südsee von Europa ganz schön weit weg - 22 Stunden ist man mit dem Flugzeug unterwegs. Welche Richtung man nimmt spielt keine Rolle, entweder fliegt man über Amerika oder über Asien.
Mir persönlich hat Moorea am besten gefallen: Die üppige Vegetation, die schroffen Felswände und die Herzform der 136qkm großen Insel (12000 Einwohner). Hier genossen wir einen Badetag und mieteten uns in einem der Luxushotels ein mit Massagen am Strand, Liegen, die im flachen Wasser standen, frischen Kokosnüssen, die in Häppchen gereicht wurden und Möglichkeiten zum Schnorcheln.
Von Raiatea, der zweitgrößten Insel Französisch-Polynesiens aus, besuchten wir die 4km entfernte Insel Tahaa. Hier fuhren wir mit einem alten Wagen zu einer Vanille-Plantage (die Vanille wird angepflanzt, nach neun Monaten geerntet und getrocknet), besuchten eine Perlen-Zucht und schwammen mit bunten Fischen im Meer. Die zwei Männer, die uns mit einem Boot zurück fuhren, sangen zweistimmige Lieder und lachten so herzlich wie fast alle Polynesier.
Huahine liegt 175 km nordwestlich von Tahiti und ist eine ruhige und friedliche Insel, die 1998 von einem Zyklon schwer verwüstet wurde. Es gibt nur wenige touristische Einrichtungen und man kann noch wunderbar das idyllische polynesische Dorfleben genießen.

Bei unserem zweiten Besuch mit der "MS Amadea" auf Bora Bora (für uns schon das dritte Mal) kümmerten wir uns um die Valentinstags - Geschenke für unsere Freunde an Bord. Es wurde uns hier so viel Gutes getan, dass wir gern auf Bora Bora verzichteten, um alles vorzubereiten.
Nun, seit einer Woche etwa, ist es wieder etwas ruhiger auf dem Schiff und die Seetage wechseln sich in einem gemütlichen Verhältnis mit den Landtagen ab. Die Gemüter haben sich beruhigt, die neuen Passagiere sind "abgetourt" und jeder hat wieder seinen eigenen Tagesablauf gefunden.
Ganz ehrlich? Eine Weltreise nur mit Seetagen würde ich unter Umständen auch buchenJ.
Musiktipp zur Stimmung: Titel  Norma - Casta Diva, Maria Callas, Tullino Serafin, Album:  Classical Legends

Fotos. Paul Osenda (1), Anja K. Fließbach (6)
Anja Fließbach: Donnerstag, 22 Februar 2007, 8:04 Uhr

Kommentare zum 48. Beitrag

Hallo. Ich habe mich aus den letzten Kommentaren rausgehalten, weil ich mich mit Kindern nicht so auskenne. Aber als Außenstehender staune ich manchmal, dass Anja bei ihren Berichten meistens gar nicht so wirkt wie eine typische Mutter. Irgendwie ist eine Mutter für mich häuslicher, weniger an Karriere interessiert, nicht so reiselustig, nicht so lebenslustig und auf Abenteuersuche, nicht so kommunikativ und partyfreudig. Nicht falsch verstehen. Mir ist das so viel lieber. Bei meiner Freundin hätte ich eher Angst, dass sie diese Eigenschaften verliert, wenn ein Kind da ist. Es wäre schön, wenn sie wie Anja trotz Kind so eine tolle Frau bleiben würde. Sascha

Kommentiert von: Sascha | Donnerstag, 22 Februar 2007, 9:21 Uhr

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Hi Sascha, ich hoffe, eine "typische" Mutter wie Du sie beschreibst, gibt es heute nicht mehr! Was Anja mit ihrer Tochter unternimmt ist super, Kinder lieben Abenteuer, das hat nichts mit verwoehnen oder anderen Sachen zu tun.Solche Unternehmungen gehen nur wenn die Kinder noch nicht, oder nicht mehr in der Schule sind! Was Deine Freundin angeht, (sorry, eigentlich nicht meine Sache, Du hast sie erwaehnt)es liegt nur an ihr, nicht eine "Glucke" zu werden ! (vielleicht mit Deiner Hilfe).Man kann sogar (dazu muss man nicht einmal mehr so jung sein) nochmehr Abenteuer habe, und mit Kind auswandern z.b. nach Canada ;-) Was wir aus unserem Leben machen liegt nur an uns !!!

Kommentiert von: aki | Donnerstag, 22 Februar 2007, 22:48 Uhr

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(Letzte Aktualisierung: 24.02.2007)