37. Beitrag: "Die Meuterer der Bounty" (7. Februar)

Schon von weitem sahen wir die 4,5 qkm große Insel und näherten uns langsam. Das Wetter war in den letzten Tagen sehr unterschiedlich gewesen. Sonne und Regen, blauer Himmel und Gewitter, düstere Wolken am Abend und dann wieder ein leichter, rosa Morgen. Harter Tobak für die Seele. Mit dem Wetter veränderten sich die Leute. Eben weich und nett, dann hart und grantig. Party und schwere Trägheit, Lachen und... Naja, ihr wisst schon.
Schon oft habe ich gesagt, die Erlebnisse dieser Weltreise wirken wie aus einem Hollywood-Film. Wahres Kino. Mal ist es ein Abenteuerfilm, manchmal hat es etwas von Science Fiction oder einem unlösbaren Fall im Krimi, mal ist es eine Liebesgeschichte, meistens eine Satire - auf jeden Fall mit vielen Emotionen und dramatischen Situationen gewürzt. Selten war der Vergleich zum Film so gegenwärtig wie bei unserem Besuch von Pitcairn, der Insel der Nachfahren der Meuterer der Bounty...
Wir hatten neun Tage auf See hinter uns mit kurzen Stopps auf der Robinson Crusoe Insel und der Osterinsel. Neun Tage nichts als Wasser. Der Ausschnitt vom Globus im "Amadea"- Bordfernsehen, auf dem wir immer sehen können, wo auf der Welt das Schiff gerade ist, war rein blau. Kein Land in Sicht. Für mich ist der Pazifik das schönste Meer auf der Erde. Er ist  wandelbar, mit meistens über 4 km Tiefe unergründbar und trotzdem wirkt er irgendwie sanft. Selbst bei Seegang 5 ist das Meer freundlich. Wenn die Sonne scheint, ist das Wasser so blau als wäre ein Farbtopf hinein gefallen. Neun Tage Wasser, neun Tage Himmel, neun Tage Zeit für Freunde, mein Kind und mich selbst. Schön.

Nun, kurz vor Pitcairn, gab es wieder leichten Seegang und eine Dünung von der Seite. Ich schloss eine Wette ab, dass wir nicht an Land gehen könnten. Wieder nicht, denn auf unserer letzten Weltreise hatten wir auch schon vor der Bounty Bay auf Reede gelegen, ohne dass die einheimischen Tenderboote ruhig genug auf dem Wasser gewesen wären, um uns Passagiere hinüber zu bringen.
Während die meisten Passagier aufgeregt hin und herflitzten und auf die Lautsprecherdurchsagen achteten, die regelmäßig Informationen zur Lage und zum eventuellen Landgang brachten, erzählte ich meiner Tochter einmal wieder auf dem Balkon beim Frühstück eine Geschichte. Sie kannte sie schon von unserem Besuch vor zwei Jahren, aber doppelt hält besser: "Die Bounty, ein schönes, großes Schiff, verließ 1787 in England den Hafen. Es sollte in Tahiti Samen der Brotfrucht laden und ankerte fünf Monate vor der Südseeinsel. Die Mannschaft feierte Partys an Land und viele Männer verliebten sich in die Frauen der Insel (ich formulierte es für Louisa etwas netter...). Deswegen stritten die Chefs des Schiffes Lt. Fletcher Christian und der Kapitän Bligh. Der Kapitän wurde mit 18 seiner Freunde in ein kleines Boot gesetzt. Sie fuhren 41 Tage über das Meer, schafften fast 4000 Seemeilen und erzählten dann den anderen Menschen, wie böse der Fletscher Christian gewesen war." Louisa saß ganz still auf meinem Schoß und lauschte. "Deswegen musste der Fletscher Christian sich verstecken und segelte mit acht anderen Männern vom Schiff und 19 Menschen aus Tahiti zu der Insel Pitcairn. Sie brachten alles an Land, was sie zum Leben brauchten und verbrannten die Bounty, damit keiner sie entdecken konnte." Den Rest der Geschichte konnte ich ihr immer noch bei einem nächsten Besuch in ein paar Jahren erzählen. Denn Mord und Todschlag wegen Frauenmangel wäre wohl kaum die richtige Story für ein Kind gewesen. Auch nicht, dass zum Schluss nur ein einziger Mann, John Adams, übrig blieb, der mit neun Frauen und 19 Kindern zusammen lebte.

Heute ist Pitcairn englische Kolonie und untersteht dem britischen Generalkonsul in Auckland, Neuseeland. Von den 66 Einwohnern sind 52 direkte Nachkommen der Meuterer der Bounty. Liegt es an der Geschichte oder an meinem sechsten Sinn - ich mochte die Leute damals nicht und habe auch heute kein gutes Gefühl. Schonals sie unser Schiff von weitem sehen, beladen sie die Boote mit Dingen, die sie uns verkaufen wollen, und entern die "MS Amadea". Nein, sie werden natürlich eingeladen. Damals wie heute glaube ich nicht, dass sie uns wirklich auf ihrer Insel haben wollen. Trotzdem versucht unser neuer Kapitän den Landgang zu ermöglichen, was in einer kleinen Katastrophe endet. Die Leiter bricht ab und versinkt im Meer, zwei Besatzungsmitglieder fallen ins Wasser, die "MS Amadea" wird beschädigt und der Kapitän verletzt sich an der Hand. Sag ich doch, diese Insel hat kein gutes Omen.
Fast alle Einheimischen vom Bürgermeister bis zum Kleinkind sind auf dem Schiff. In der Atlantik-Lounge bauen sie ihren Markt auf, sie essen sich satt, konsultieren die Ärztin und sammeln Geld und Geschenke ein. Sie verkaufen Briefmarken, die bei Sammlern begehrt sind. Seit 1940 wurden nur 500 Stück herausgegeben. Sie bringen Fisch und Früchte an Bord, nehmen Fleisch und technisch Ersatzteile mit. Das Prozedere ist für mich spannend zu beobachten und ich staune mit welcher Coolness die leitenden Köpfe der "MS Amadea" mit der Situation umgehen. Die Pitcairner können handeln, aber unsere Leute sind auch nicht schlecht.
Wie schon auf der Osterinsel treffen wir alte Bekannte. Die Nachfahren der Bounty sind zwei Jahre älter und haben sich kaum verändert. Little Joe hat eine neue Tätowierung fällt mir auf und ich habe sogar ein altes Foto dabei, mit dem ich es beweisen kann. Auf den ersten Blick geht auf der Insel alles seinen Gang:  Zwei Stunden Strom am Morgen, vier am Abend. Die Hälfte der Einwohner heißt immer noch Christian und der neuseeländische Lehrer in der kleinen Grundschule ist immer noch da. Zigaretten und Alkohol sind auf der Insel immer noch verboten und aller drei Monate kommt ein Versorgungsboot.

Aber: Eine Frau, die ich noch nicht kenne, treffe ich draußen auf Deck acht am Pool. Es ist Mary und sie erzählt mir die Neuigkeiten von der Insel, die sehr schlecht sind. Sie wurde von Neuseeland nach Pitcairn geschickt, um die Justiz zu unterstützen und das Gefängnis zu leiten. Von den 66 Einwohnern sind sechs verurteilt wurden, sitzen einige im Gefängnis. Die längste Strafe liegt bei sechs Jahren. Ich frage nach dem Grund. "Sexuelle Delikte. Vergewaltigung und auch Kriminalität gegen Kinder", verrät Mary leise. Ich habe eben doch einen guten Instinkt für negative Schwingungen. Es hatte insgesamt 96 Tatvorwürfe gegeben und drei Richter aus Neuseeland waren extra wegen der Verhandlung auf die Insel gereist. Der ehemalige Bürgermeister war genauso verurteilt wurden wie sein Sohn. Die Zukunft der Insel stand auf dem Spiel. Die Männer wurden für die Versorgung gebraucht und konnten auf der Insel nicht entbehrt werden. Außerdem, wie sollte die kleine Gemeinschaft nach solchen Konflikten weiter bestehen? "Es ist immer noch schwer und die Zukunft der Insel ist noch nicht sicher", erzählt mir die resolute Frau.

Hoffen wir trotzdem, dass die Pitcairner es schaffen. Schließlich sind es die Nachfahren der Meuterer der Bounty. Ein Teil der Geschichte. Und es würde mich nicht wundern, wenn Hollywood sich schon die Rechte an der aktuellen Story von Pitcairn gesichert hätte. Eben doch wie im Film. Es gibt ja nicht nur gute.

Anja Fließbach: Mittwoch, 7 Februar 2007, 23:48 Uhr
 

Kommentare zum 37. Beitrag

Schon Wahnsinn was für Geschichten du so erfährst. Wie machst du das immer in so kurzer Zeit? Instinkt? Übung? Glück? Man.

Kommentiert von: Man. | Donnerstag, 8 Februar 2007, 2:24 Uhr

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@Man: Erst muss man mal die Glotze ausmachen und den Lehnsessel im spiessiegen deutschen Wohnzimmer verlassen. Dann muss man das typisch deutsche Misstrauen ablegen und sich einfach mal in die Welt hinaustrauen und auf andere Menschen zugehen. Der Rest ergibt sich dann schon.

Kommentiert von: Maria | Donnerstag, 8 Februar 2007, 12:34 Uhr

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Hallo Anja,
WOW, dieses blau ist unglaublich. Ich habe den Pazifik bisher nur ein einziges Mal gesehen, an der Westkueste Kanadas. Da es dort aber auch oefters mal wolkenverhangen sein kann, war das Wasser eher gruen/grau/blau! Finde ich sehr spannend, was du ueber die Insel zu erzaehlen hast.
@Maria - Warum denn so verbissen auf Man's Kommentar reagieren?

Kommentiert von: Emma | Donnerstag, 8 Februar 2007, 14:04 Uhr

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hallo,
das ist eine ziemlich aufregende geschichte gewesen, wobei ganz ausgestanden ist sie ja noch nicht... jedenfalls lebte ich zu beginn der prozesse in neuseeland... es war lange nicht klar, wie und wo verhandelt werden sollte, richter und staatsanwälte reisten auf die insel, selbst das gefängnis auf pitcairn wurde, erinnere ich mich, extra erbaut.
der link für zu einem der vielen, vielen artikel über die geschichte

www.nzherald.co.nz/search/story.cfm


weiterhin eine wunderbare reise!
anntom

Kommentiert von: annton | Donnerstag, 8 Februar 2007, 14:18 Uhr

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Hallo Anja, alles klar bei dir? Warum stand heute kein neuer Eintrag von dir drin? Geht es dir gut? S.

Kommentiert von: S. | Freitag, 9 Februar 2007, 15:45 Uhr

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(Letzte Aktualisierung: 18.02.2007)