3. Beitrag: "Alles ist relativ" (23. Dezember)

"Relativ geht es mir wieder gut", erklärte meine Tochter gestern ihrer Ärztin. Wir lachten über die Wortwahl des Kindes mit seinen sechs Jahren. Außerdem ist es relativ sicher, dass wir in dieser Nacht endlich zu unserer Weltreise starten. Relativ gut sind auch die letzten Tage verlaufen. Relativ...

"Was machst du denn noch hier?" war die Standartfrage in dieser Woche. Oder: "Wieso bist du da?" Nun, das kann auch einen selbstbewussten Menschen auf Dauer zermürben. Als ich zum vierten Mal mit abwehrenden Handbewegungen erklärte: "Eigentlich bin ich gar nicht da", griff ich mir selbst an den Kopf, warum ich das Spiel mitmachte. Klar hatte ich mich schon von allen definitiv verabschiedet. Natürlich war mein Platz in dieser Woche auf dem Schiff und nicht hier. Projekte waren abgeschlossen, meine Redaktion übergeben und die Aufgaben verteilt. Mein Terminkalender war leer, genau wie meine Schränke. Die Einladungen waren abgesagt, ich stand auf keiner Gästeliste mehr. Das Handy klingelte nicht. Ich war eben "gar nicht mehr da." Eigentlich, relativ gesehen.

Da ich der Meinung bin, dass eine leichte Theatralik dem Leben Würze gibt, würde ich es mit dem klassischen Bild beschreiben: Es war, als würde ich als Engel auf die Erde zurück kehren und sehen, wie das Leben hier ohne mich gemütlich weiter läuft.
Also fiel ich schon am Dienstag wieder in Aktionismus, schreckte meine Leute auf, die sich innerlich schon leise auf Weihnachten eingestellt hatten und nicht auf den Wirbel, den ich doch hin und wieder veranstalte. Ich plante die nächsten Disy-Ausgaben noch mal neu, konferierte mit unserem Steuerberater mehrere Stunden, arbeitete mit den Mitgliedern der Leserredaktion an ihren Texten, kümmerte mich um ein neues Vertriebsprojekt, übernahm zwei Interviews selbst, mehrere Kundentermine, schloss Verträge ab... Fast wie immer eben.

Doch eigentlich war ich doch gar nicht da. Normalerweise hätte ich diese Dinge nicht mehr erledigt. Zumindest nicht persönlich oder nicht in dieser Woche. Hätte das einen großen Unterschied gemacht? Ein paar Anzeigen weniger, vielleicht nur fast perfekte Texte. War es das wert, letztlich doch wieder durch die Tage zu hetzen?
Erstaunlich wie relativ die scheinbar wichtigen Dinge sind.
Morgen jedenfalls geht es los. Dass wir unser Schiff auf Lanzerote doch noch erreichen, ist wirklich wichtig. Oder?

Autorin: Anja Fließbach
(Geschrieben am Samstag, dem 23. Dezember 2006, 10:32 Uhr)

Kommentare zum 3. Beitrag

Hallo Anja,
Ich finde es ganz, ganz toll wie du dir deine Traeume erfuellst, und vor allem, wie selbstverstaendlich du dein Kind mit einbeziehst! Genau so habe ich es auch schon immer gemacht (bin auch alleinerziehend) -- oft gegen moerderische Aufschreie von der Umwelt.
Viele verstehen nicht, dass ein Kind kein Hindernis, fuer das man "zurueckstecken" muesste, ist, sondern ein selbstverstaendlicher Teil des Lebens, den man einfach mit einbezieht, fertig, und sein Ding durchzieht. Ohne "Entbehrungen", ohne sich von anderen abhaengig zu machen. Die Kinder werden es uns tollen Muttis danken. Ich spreche aus Erfahrung.
Dass du dir ausgerechnet die Brigitte ausgesucht hast, um deinen Blog zu veroeffentlichen, finde ich... na ja. Mit deiner Lebenseinstellung, die du ja ganz selbstversaendlich und ohne grosses Trara durchblicken laesst, wirst du hier, unter den familien-gebundenen, aufopfernden, treu-deutschen Hausfrauen, nicht gerade in freundlichen Gewaessern segeln (ha, ha... no pun intended!)
Die bisherigen Reaktionen zu deinen Berichten -- argwoehnisch-betretenes Schweigen, nur unterbrochen vom gelegentlichen leicht saeuerlichen Kommentar -- spricht Baende! :-D
Ich wuensche dir und deiner Tochter eine gute Reise und viele spannende Abenteuer! Ich werde deinen Blog mit Interesse verfolgen.
Gruesse aus New York,
Susa

Kommentiert von: Susa | Sonntag, 24 Dezember 2006, 14:26 Uhr

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Hallo Susa,
natürlich bist du eine tolle Mutti - du weißt das offensichtlich ja am besten. Denn Du ziehst Dein Ding trotz Kind durch, Du lebst in der tollsten Stadt der Welt und darfst daher alle in Deutschland lebenden, Brigitte-lesenden und mit Mann zusammenlebenden Mütter automatisch von oben herab milde belächeln. Ganz klar... Was mir bisher nicht klar war, ist, dass man in New York solch ein Schubladendenken lernt. Hoffentlich hat Dein Kind diese Hochnäsigkeit nicht abbekommen - die hat nämlich mit dem Selbstbewußtsein, das Anja unter anderem durch diese Reise vermittelt, nichts zu tun.
Euch, liebe Anja & Louisa, wünsche ich einfach nur eine tolle Reise mit vielen interessanten Begegnungen. Bin gespannt auf Eure Einträge hier.
Winterliche Grüße aus Süddeutschland,
Kerstin

Kommentiert von: Kerstin | Donnerstag, 28 Dezember 2006, 10:35 Uhr

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(Letzte Aktualisierung: 28.12.2006)