28. Beitrag: "Te gusta Chile?" (29. Januar)

"Te gusta Chile?", fragt die Frau im klapperigen Wagon auf dem Weg zum oberen Teil der Altstadt von Valparaiso. Klar gefällt uns Chile. Das Land ist doppelt so groß wie Deutschland, hat aber nur 15 Millionen Einwohner. Nachdem wir schon den kalten Süden von Chile besucht haben, sind wir nun in der nördlichen Hafenstadt Valparaiso an Land gegangen.
Valparaiso heißt für uns aber auch wieder Passagieraustausch. Die zweite Etappe unserer Weltreise ist zu Ende und das haben wir in der vergangenen Nacht gebührend gefeiert. Erst am Pool, dann in der Kopernikusbar, dann in einer Kabine und letztlich wieder an Deck. Der Transfer von Conny und Manni und anderen aussteigenden Passagieren zum Flughafen ging um 7.30 Uhr. Also schlossen wir an die Party gleich das Frühstück an und winkten anschließend. Immer wieder Abschied.

Dann hieß es für uns wieder packen. Der nächste Umzug in eine neue Kabine stand an. Alles in die Kisten und Koffer, ausräumen und aufräumen. Während wir umzogen, kamen wieder Leute zum Verabschieden. Hier ein Plausch, dort ein Visitenkartenaustausch und mittendrin schon die ersten "Neuen". Es herrschte eine gewisse Anspannung an Deck. Wer noch auf die Flieger wartete (es gab verschiedene Destinationen und Abflugzeiten) hatte keine Ruhe mehr, wer gerade erst angekommen war, hatte noch keine Ruhe. Selbst die Sonnenschirme hielten dieser Stimmung nicht stand und flogen auf dem Deck herum. Das Personal war mit der Ein- und Ausschiffung beschäftigt und so wirbelten die Schirme zwischen den wirbelnden Menschen herum. In meinem Kopf wirbelte es nach der vergangenen Nacht auch noch.
Aber der Wirbel wurde durch einen Zauberer durchbrochen. Marco Brüser kam zu einem Abschiedstalk zu uns. Er war einer der Gastkünstler an Bord gewesen, zauberte gut und feierte auch gern. Sein nächstes Engagement hatte er auf der "Astor", jenem Schiff unserer letzten Weltreise. Also kam nun auch noch Wirbel in meine Gefühlswelt, als ich ein paar Zeilen für gute, alte Freunde schrieb. Marco würde den Boten spielen. Von Schiff zu Schiff.

Dann versuchten wir es mit Mittagsschlaf im Chaos der noch nicht ausgepackten Kisten in unserer neuen Kabine. Kaum eingeschlafen, klopfte es. Der nächste Abschied stand im wahrsten Sinne des Wortes vor der Tür. Winny, im wahren Leben Winfried Koller und Orthopäde, war bis Valparaiso der Schiffsarzt gewesen. Er hätte eigentlich schon weg sein sollen, aber in der Nacht hatte eine Passagierin einen Schlaganfall erlitten und Winny seinen Flug verpasst. Die "MS Amadea" hatte ein gut ausgebautes Hospital, einen Arzt und eine Krankenschwester an Bord. Das Schiff hatte wegen dem Notfall in der Nacht volle Fahrt aufgenommen gehabt, damit die Frau in Valparaiso ins Krankenhaus kam. Winny gab mir einen Abschiedsbrief und Tipps für den weiteren "Kampf" an Bord.

Gerade als wir diesen Brief lasen, wurde der nächste unter der Tür durchgeschoben. Wie bei der letzten Abschiedstragödie in Buenos Aires, war es auch dieses Mal wieder ein kleiner Tropfen auf dem heißen Stein, der meine Tapferkeit schmelzen ließ. Es war ein Brief von unserem Kapitän Werner Detampel. Auch er stieg in Valparaiso aus und ein neuer Kapitän übernahm das Kommando. Es war ein lieber Brief, in dem er sich herzlich und persönlich von Louisa und mir verabschiedete.
Also gut. Schlafen konnten wir noch nach der Weltreise im Mai zu Hause. Also nahmen wir eine Einladung zum Dinner von IT-Manager Ram an und spazierten vor dem Essen noch ein paar Stunden durch die Stadt. Bei unserem letzten Besuch in Valparaiso hatten Louisa und ich eines der Weingüter besucht. Der vino chileno hatte in den letzten Jahren die Welt erobert und viele bekannte Preise abgeräumt. In den 80er-Jahren hatten die Chilenen französische Reben importiert und sich die Tricks für den Weinbau in Kalifornien, Spanien und Frankreich abgeschaut.

Dieses Mal blieben wir in Valparaiso, der Hafenstadt (280000 Einwohner), deren Name "Paradiestal" ist. Die mehr als 30 Hügel (bis 400 Meter hoch), die das kleine Tal umschließen, sind steil und eng mit kleinen Holzhäusern bebaut. Die Altstadt wurde von der Unesco zum Kulturerbe der Menschheit erklärt. Mir war die Stadt etwas unheimlich, obwohl die Menschen freundlich waren. Fast eine Million Chilenen stammen von den Indianern ab, die meisten von den Mapuche. Die anderen sind spanischer Abstammung oder die Nachfahren von Seeleuten aus allerWelt, die in dem von Pedro de Valdivia 1542 gegründeten Hafen ankamen und blieben. Wir fuhren mit einem der Schrägaufzüge, dem Ascensor Artilleria nach oben. Louisa hatte ihren Spaß auf der 175 m langen Strecke, die immerhin 30 Grad steil ist. Der über 100 Jahre alte Wagon ächzte und krachte, aber er kam schüttelnd in der Oberstadt an.

Der Ausblick auf die Stadt im Abendlicht, den Hafen und die „MS Amadea“ war überwältigend. Neben der „Amadea“ lag übrigens die „Deutschland“. Das Traumschiff aus dem Fernsehen. Im Gegensatz zu unserer „Amadea“ sah das Traumschiff ziemlich mickrig aus. Klein, alt, ohne Balkons. Vielleicht sollte sich das Deutsche Fernsehen mal ein neues Traumschiff suchen. Ich hätte da schon eine Idee…
Ein Taxifahrer brachte uns anschließend in das Vergnügungsviertel Valparaisos. Gern hätte ich mich mit ihm über den finsteren Putschisten Pinochet  (1973 ließ er 3000 Regimegegner ermorden, war 17 Jahre lang Diktator des Landes) oder über Salvador Allende, seinen Vorgänger unterhalten. Allende, demokratisch gewählter Marxist, galt als "Anwalt der Armen" und hatte einen gemäßigten Weg des Sozialismus erfolglos probiert. Lebte eigentlich Margot Honecker noch hier? Der Taxifahrer verstand leider nicht einmal genau wo wir hin wollten. Letztlich fanden wir das Vergnügungsviertel, schlenderten durch einen Park mit Riesenrädern und Hüpfburgen und gingen auf Wunsch von Louisa Sushi essen. Nicht gerade chilenisch, aber mein Kind war glücklich.

Bei mir stellte sich das Glück dann wieder nachts allein an Deck ein. Nachdem die letzten neuen Passagiere an Bord gekommen waren, verließ die "MS Amadea" Valparaiso. Es war ein sanftes, ruhiges Hinausgleiten vor einer bezaubernden Kulisse. Wie die Ränge eines Theaters erhoben sich die Hügel der Stadt vor uns, beleuchtet mit Tausenden kleiner Lichter. Meiner Tochter, die schon schlief, erklärte ich die Ausfahrt am nächsten Tag so: "Es war als ob die Beleuchtung des größten Weihnachtsbaumes der Welt ins Meer gefallen ist und in der Nacht weiter funkelte und glitzerte." Dieser Eindruck verstärkte sich, je weiter wir uns vom Festland entfernten. Warum schliefen die anderen Passagiere denn alle? Wenn hier einer müde sein müsste, dann wohl ich. Aber wie gesagt, schlafen konnte ich auch im Mai noch.

Auf euren Wunsch - der Musiktipp zur Stimmung (hat nichts mit handelnden Personen zu tun!): Album "Nur zu Besuch:Unplugged im Wiener Burgtheater", Die Toten Hosen, "Der letzte Kuss"

Anja Fließbach: Montag, 29 Januar 2007, 16:52 Uhr

Kommentare zum 28. Beitrag

"Neben der „Amadea“ lag übrigens die „Deutschland“. Das Traumschiff aus dem Fernsehen. Im Gegensatz zu unserer „Amadea“ sah das Traumschiff ziemlich mickrig aus. Klein, alt, ohne Balkons."
Die MS Amadea ist bereits ein paar Jahre (6 Jahre ?) älter als die Deutschland. Der Verzicht auf Balkone und die historische Einrichtung auf diesem Schiff der "Zwanziger Jahre" waren so vom Reeder Deilmann gewollt.

Kommentiert von: Peter | Dienstag, 30 Januar 2007, 9:32 Uhr

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Liebe Anja ,
ich lese Deine Beiträge sehr gerne und freue mich schon jeden Morgen auf die Fortsetzung.
Erkläre mir doch bitte, warum nach Beendigung einer Reiseetappe ein Kabinenwechsel erforderlich ist .
Liebe Grüße Ute

Kommentiert von: Ute | Dienstag, 30 Januar 2007, 10:51 Uhr

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Hallo Anja,
na mit dem Traumschiff lehnst du dich ganz schön weit aus dem Fenster. Du weißt doch wie die Deutschen sind. Was sie kennen und gewohnt sind, das lieben sie. Aber so wie du die Amadea beschreibst, wäre das doch für das TV mal eine Überlegung wert... Sascha

Kommentiert von: Sascha | Dienstag, 30 Januar 2007, 11:37 Uhr

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So schöne Texte! Danke.

Kommentiert von: Manus | Dienstag, 30 Januar 2007, 11:48 Uhr

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(Letzte Aktualisierung: 31.01.2007)