126. Beitrag: "Blauer Himmel am Roten Meer" (21. Mai)

Langsam aber sicher fuhren wir dem Ende unserer Weltreise entgegen. Zwar hatten wir noch ein paar Seetage dazwischen, aber effektiv lagen zwischen uns und der Heimreise noch zwei Häfen. Der Enthusiasmus für Landgänge und fremde Länder hielt sich inzwischen in Grenzen, war der Geist doch schon mit Gedanken an die Abreise, die Zukunft und die Umstellung beschäftigt...
Deshalb beschlossen wir, in Ägypten nicht mit den Ausflugsbussen zum Tal der Könige zu fahren und auch nicht nach Kairo und zu den Pyramiden. Wir hatten uns das vor ein paar Jahren schon mal bei einer Nilkreuzfahrt angesehen. Stattdessen wollten wir uns einen letzten schönen Badetag gönnen.

Das rote Meer ist mit seinen Korallenriffen und Lagunen schon lange ein Ziel vieler Tauchfreunde. An der über 1000 km langen Küste entstanden zahlreiche Hotelanlagen und Feriensiedlungen. Zentrum des Touristentrubels ist Hurghada. Also beschlossen wir, mit dem Taxi in das eine Stunde von unserem Hafen in Safaga entfernte Ferienparadies zu fahren. Das Taxi war teuer und alle Verhandlungen hatten ihre Grenzen. Dafür verpflegte uns der Fahrer des kleinen Autos mit Bonbons, Salzgebäck und ägyptischer Musik aus einem krächzenden Radio. Der Sound war laut und wir drei Weiber, Sandra begleitete uns, klatschten und bewegten uns wild im Rhythmus. So "rockten" wir die Wüste, während wir die lange, gerade Straße unter der glühenden Sonne Ägyptens lang fuhren. Kaum Autos, keine Häuser, nur Sand, Sand, Sand.

Kurz vor Hurghada mussten wir intensive Sicherheitskontrollen passieren, um in die Stadt hinein zu dürfen. Auch das Hotel, das Christian Adlmaier uns empfohlen hatte, war durch strenge Sicherheitsvorkehrungen für Nichthotelgäste geschlossen. Nicht mal intensive Diskussionen mit dem Manager konnten daran etwas ändern. Die Ägypter hatten Angst, dass durch neue terroristische Anschläge der boomend Tourismus wieder ins Stocken geraten könnte. Bei meinem letzten Besuch, kurz nach den Anschlägen auf Touristen beim Tempel der Hatschepsut, hatte man uns Ausländer mit Polizeieskorte und geschlossenen Vorhängen im Bus transportiert, nachdem wir eine Einweisung erhalten hatten, uns bei Schüssen auf den Boden zu werfen. Aber das war Jahre her. Inzwischen liefen die Sicherheitsvorkehrungen ziemlich routiniert und - für uns in diesem Fall nervig - ohne Ausnahme. Wir waren eine Stunde nach Hurghada gefahren und sollten keinen Platz zum Baden finden? Wir versuchten es bei verschiedenen Hotels und wurden immer schon an der Einfahrt abgewiesen. Einen öffentlichen Strandabschnitt gab es hier nicht. Selbst wenn, dann hätte ich den in einem Land wie Ägypten nicht wirklich genießen können.

Die einzige Alternative, die uns blieb, war ein Aqua-Park. Für 23 Dollar Eintritt durften wir hinein und waren nach den idyllischen Plätzen, die wir auf unserer Weltreise besucht hatten, schlicht gesagt entsetzt. Es war schmutzig, es gab ausgefranste und schnuddelige Handtücher, die extra bezahlt werden mussten, es war voll und das Wasser war eiskalt. Die unzähligen Rutschen waren von Jugendlichen belagert und bei jedem Rutschenden hatte ich Angst, er könnte sich den Hals brechen. Ob die hier wenigstens eine kleine Ahnung von Sicherheitsbestimmungen hatten? Ehrlich gesagt sah es nicht so aus.

Wir konnten wegen dem Eiswasser nicht baden, die Rutschen waren "tödlich", die Plastikliegen rar und den Taxifahrer hatten wir erst am Abend bestellt. Nein, das war nicht der lustige Abschiedsbadetag, den wir uns gewünscht hatten. "Ist das nicht toll hier", fragte mich ein junger Mann neben mir. "Wir kommen jedes Jahr hier her." Ich tauschte mit Sandra einen Blick. Lag es an uns?Hatten wir die falschen Maßstäbe?

Wir beschlossen, erstmal etwas zu essen. Der Raum, in dem man Essbares kaufen konnte - ich würde es nicht Restaurant nennen - roch nach Bratenfett und Bier. Wir verzichteten. Etwas abseits fanden wir etwas Barähnliches und setzten uns zwischen die anderen Gäste, die es sich in Badesachen und ohne Handtücher auf den Plastikstühlen bequem gemacht hatten und mit Bier anstießen. Ein Junge, vielleicht sechs Jahre alt, rannte nackt zwischen den Tischen hin und her. Wir bestellten Pizza und Pommes und es dauerte eine Ewigkeit bis das Essen kam. "Sie haben gar kein Bändchen", bemerkte der Kellner. Wir erfuhren, dass die meisten Gäste hier aus den anliegenden Hotels stammten und "All inclusiv" - Paxe waren. Sie konnten essen und trinken so viel sie wollten. Und offensichtlich wollten sie vor allem trinken - Bier.
Die Pizza schmeckte allerdings richtig lecker und so hob sich unsere Stimmung etwas. Wir suchten uns einen der Eispools aus und wateten zögernd, schimpfend und keuchend in das Wasser, das in der Arktis nicht viel kälter sein konnte. Zumindest fühlte sich das für uns Südseeverwöhnte so an.

Als die Sonne sich senkte und die laute Musik aus den Lautsprechern der Anlage leiser wurde, schwamm ich meine Abschiedsbahnen. Das muss man der Anlage lassen, die Pools waren riesig. Die kreischenden Kinder waren sicher bereits auf dem Weg ins Bett, Mama und Papa auf dem Weg zu den "All inclusiv" - Buffets und die russischen, wie sagt man, knackigen, jungen Frauen frischten ihr Styling für die Abendschicht auf. Louisa saß am Poolrand und hatte keine Lust mehr auf Eiswasser. Und ich? Ich schwamm. Langsam und genussvoll. Bei jedem Zug beobachtete ich, wie das Wasser glatte Wellen verursachte, wenn ich es mit meinen Händen weg schob. Dabei achtete ich darauf, dass es sich nicht kräuselte, sondern sich wie Seide bewegte. Ich schaute nur ganz knapp über die Wasseroberfläche und beobachtete die Färbungen, die das abendliche Sonnenlicht verursachte. Meine Ohren waren die meiste Zeit unter Wasser und es gluckerte und plätscherte wie aus einer anderen Welt. Es hatte etwas meditatives und ich empfand einen tiefen Frieden und Ruhe. In diesem Moment fühlte ich mich kräftig genug, die Rückkehr in mein altes Leben zu meistern. Und vielleicht war es auch Absicht einer guten Kraft gewesen, dass der heutige Badetag nicht so schön gewesen war, dass uns der Abschied sehr schwer fiel.
Wie immer steckte in allem Schlechten etwas Gutes, auch wenn man es kräftig hineininterpretieren musste.

"Amadea" - Spruch des Tages: Das Ärgerliche am Ärger ist, dass man sich schadet, ohne anderen zu nützen. (Kurt Tucholski)

Musiktipp zur Stimmung: "You win again", Jerry Lee Lewis
Anja Fließbach: Montag, 21 Mai 2007, 21:41 Uhr