122. Beitrag: "Mein Essen mit dem Kapitän" (16. Mai)

Das Ziel eines jeden Kreuzfahrers ist es, einmal neben dem Kapitän am großen Galatisch zu sitzen. Fragt mich nicht, warum. Es ist so! Die alten Damen stecken dann ihre Diademe auf, die Herren polieren die Manschettenknöpfe und die Bordfotografen haben an diesem Abend ein sicheres Einkommen...
Ganz so stilvoll bin ich an die Sache nicht herangegangen. Genau gesagt, bin ich erstmal auf der Einladung herum getreten. Dann habe ich sie aufgehoben und in den Papierkorb geworfen. Es war weder ein Boykott, noch war ich auf Kapitän Jens Thorn wütend. Da die Einladung in einem Umschlag unter der Tür durchgeschoben worden war, hatte ich sie nicht als solche erkannt und dachte, es wäre ein Schmierzettel von Louisa.
Zum Glück hatte mich Kreuzfahrtleiter Christian Adlmaier über die Einladung informiert und ich suchte den Umschlag. „Der Kapitän der MS Amadea gibt sich die Ehre, Sie herzlich zum heutigen Kapitäns-Gala-Dinner an seinen Tisch einzuladen“, stand da. Das übliche Prozedere wäre jetzt Diadem aufstecken, Manschettenknöpfe polieren... In meinem Safe fand sich weder das eine noch das andere. Selbst aus der eleganten Hochsteckfrisur wurde nichts, weil der Wind an Deck mein Haar so zerzaust hatte, dass Friseurin Sandra begeistert war. Volumen, Locken und Wildheit gepaart mit ein paar Spritzer Salzwasser und einer Prise Meeresfrische ersetzten Glätteisen und Haarspangen. Also verließ ich den Friseursalon wieder unverichteter Dinge.Vor lauter Natürlichkeit vergaß ich auch noch, mich zu schminken, was ich aber erst merkte, als ich mit Louisa an der Hand zum vereinbarten Apperitiv in die Harry´s Bar kam.
Restaurantleiterin Svitlana empfing uns und geleitete uns zum Tisch in der Bar. Wir waren die letzten Gäste, was nichts über unseren Enthusiasmus über diesen Abend aussagte. Im Ernst, ich freute mich sehr darauf, Kapitän Jens Thorn näher kennen zu lernen. Mit unserem "alten" Kapitän, Werner Detampel, hatte ich sehr oft gesprochen gehabt, bevor er in Valparaiso ausgestiegen war. Jens Thorn steuerte die "MS Amadea" nun schon seit rund drei Monaten, aber zu einem Gespräch war es noch nicht gekommen. Ich gestehe, ich hatte auch alle relevanten Cocktails und Empfänge geschwänzt gehabt. Nun jedenfalls war es so weit.
Kapitän, Kreuzfahrtleiter und drei Passagierehepaare standen auf, um uns zu begrüßen. Bei diesem Prozedere war ich mir mit den Etiketten nie sicher. Erst den Gastgeber begrüßen, dann vom Rang her nach unten. Aber wann sollte ich mich den drei Damen zuwenden? Da die Damen aber aufgestanden waren, obwohl sie laut Knigge hätten sitzen bleiben sollen, kannten sie die Regeln wohl auch nicht so gut. Lage gecheckt. Sicheres Terrain. Das hatte ich im Griff.
Schon beim Sekt kam ich mit dem Kapitän in ein interessantes Gespräch und er fesselte mich mit seiner  herzlichen Art und seiner Redegewandtheit. Was so ein Kapitän heutzutage alles können musste. Es ging um Zukunftsvisionen in der Hochseeschifffahrt. Kreuzfahrtliner für über 3000 Passagiere, ganze Inseln mit Häfen, Hotels und Schule, die um die Welt fahren werden. Boah! Ob das dümmlich aussah, wenn ich ihn so mit großen Augen und offenem Mund anstarrte? Aber waren das nicht Wahnsinnspläne? Und, habt ihr gehört, mit Schulen "an Bord"..
Nach dem Sekt geleitete uns die Restaurantleiterin erst zur Fotowand, vor der wir für die obligatorischen Erinnerungsfotos posieren mussten und dann weiter zum Restaurant "Vier Jahreszeiten". Hier trat wieder ein Phänomen ein, das ich zunehmend genoss. An den ersten Abenden hatte ich dabei immer unsicher an meinen Knöpfen und Reißverschlüssen genäselt, ob auch alles geschlossen war. Aber dass sich die Köpfe der Restaurantgäste synchron zur Tür und bei unserem Duchlaufen mit uns mit bewegten, passierte jeden Abend und wohl auch mit jedem Gast, der das Restaurant betrat. Mensch, waren die neugierig. Man spürte, wie es in ihren Köpfen arbeitete und wie nach einer kurzen Pause das Tuscheln und Flüstern losging. Heute wollten sie bestimmt wissen, warum ausgerechnet wir mit am Kapitänstisch sitzen durften. Und mit Kind! Generell gab es, so habe ich mir erklären lassen, kein offizielles Auswahlkriterium. Stammgäste hatten das Privileg, wohl auch Jubilare und Hochzeitspaare. Auf jeder Etappe gab es mindestens zwei Kapitänstische, bei Festtagen auch mehr. So kam wohl jeder der 42 Weltreisenden in viereinhalb Monaten mindestens einmal zu dem Vergnügen.
Wir setzten uns entsprechend der Tischkarten und ich saß rechts vom Kapitän. Es gab ein mehrgängiges Galaessen,(z.B. Fassanenessenz mt Pistaziennockerln, Tomaten-Basilikumsorbet und Duett vom Zander und pochiertem Heilbutt),  guten Wein und gehaltvolle Gespräche. Dabei verteilte der Kapitän seine Aufmerksamkeit routiniert gleichmäßig an alle Gäste. Die Themen bei Tisch gingen wir auch bei den Offizierstischen bald in Richtung internationale Wirtschaft, Finanzwesen und Börse. Themen, die ich liebte. Zum Glück hatte die Passagierin, die mir gegenüber saß, das Thema Kindererziehung inzwischen wieder fallen lassen. Schließlich wollte ich etwas lernen, sah ich solche Gespräche als Challenge auf einem gewissen Niveau und nicht als Kindergartenfeierabendzaungespräch. Als es um "Google" ging fiel mir ein, dass ein alter Freund unserer Familie aus dem Sauerland, damals, als das noch kein Mensch kannte, mit eingestiegen war. Zwar wusste ich die Zusammenhänge nicht mehr genau, aber wenn es darauf ankam, hatte mein Gehirn immer noch ein Geheimfach, in dem etwas Passendes abgespeichert war. Deshalb liebte ich solche Gespräche, die für meinen Geist immer wie eine Trainingseinheit waren. Außerdem lernte ich viel über das Leben eines Kapitäns, dass Jens Thorn in Florida lebte und dass es Hochschulschiffe gab, auf denen Studenten ein Semester studieren können mit Projekten in verschiedenen Ländern.
Es war ein festlicher Abend, weniger streng protokollarisch als ich ihn mir vorgestellt hatte.
Und bei meiner nächsten Weltreise werde ich alle Briefe öffnen, die auf meinem Fußboden liegen, denn das Dinner mit dem Kapitän würde ich nicht verpassen wollen.
"Amadea" - Spruch des Tages: Die Stunde ist kostbar. Warte nicht auf eine spätere, gelegenere Zeit.   Katarina von Siena

Musiktipp zur Stimmung: Rod Stewart, "Downtown Train"
Anja Fließbach: Mittwoch, 16 Mai 2007, 19:52 Uhr