12. Beitrag: "Ankunft am Zuckerhut" (8. Januar)

"Cidade maravilhosa - wundervolle Stadt", sagen die Brasilianer zu ihrem Rio de Janeiro...
Als ich Rio das letzte Mal bei Regen und Wolken erlebte, mochte ich es gar nicht. Aber dieses Mal war alles anders. Dank unserem Kapitän genossen wir zwei Stunden lang die Einfahrt nach Rio mit Sekt auf dem eigenen Balkon. Übertrieben? Dieser einmaligen Stadt angemessen.
Es war ein aufregender Tag. Morgens, rund sechs Stunden Seefahrt von Rio entfernt, ankerten wir vor Armacao dos Buzios. Schon Brigitte Bardot verbrachte 1964 ihre Ferien in dem reizenden Ort. Seitdem entwickelte sich das Fischerdorf zu einem der vornehmsten Seebäder Brasiliens. Die 22.000 Einwohner leben heute vom Tourismus (rund 13.000 Betten). Der Transfer der Passagiere durch die Tenderboote (kleine Shuttle-Boote, die zwischen Schiff und Land hin und her fahren) verschob sich immer wieder. Wind und Wellen machten die Überfahrt zu einem wackeligen Abenteuer, auf das ich mit meiner Tochter dann doch verzichtete. Die "Ausflügler", die zum Mittag zurückkamen, urteilten, dass Buzios durchaus mit St. Tropez mithalten könne.

Der Wind legte sich bei der Weiterfahrt und schon um halb sechs hörten wir über die Bordlautsprecher die ersten Beschreibungen über die vor gelagerten Inseln von Rio. Mit Sekt und Sprite genossen wir die Einfahrt in der Abenddämmerung. Der Kapitän drehte eine große Extra-Runde am Strand von Ipanema vorbei (hier wurde der Bikini und der Tanga erfunden) und fuhr anschließend den berühmten Strand von Leme entlang, an der Copacabana. Ich wollte schon immer mal vom Balkon den Menschen an der Copacabana winken. Nicht wirklich, denn nie im Traum hätte ich mir dieses Bild vorstellen können. Nun erlebte ich es. Louisa winkte auch und die Brasilianer winkten zurück. Die "MS Amadea" glitt fast lautlos am Zuckerhut vorbei und die dahinter aufblitzende Abendsonne gab dem Augenblick einen mystischen Hauch. "Mama, ist das der Zuckertütenhut?" wollte Louisa wissen. Ich lachte und wieder einmal hatte ich Tränen der Rührung in den Augen. Unter den Augen der Cristusstatue auf dem Gipfel des Corcovado (Buckelberg) glitten wir Richtung Innenstadt. Wir staunten über die Flugzeuge, die an den Wolkenkratzern vorbei zu ihrer Landebahn mitten im Stadtzentrum flogen und waren, wie meine Oma es immer nennt, "fix und fertig", als wir unseren Liegeplatz im Hafen endlich erreicht hatten.

Obwohl wir sechs Tage in Rio de Janeiro sein würden, waren wir beim Abendessen auf dem Schiff unruhig. Da draußen lag diese riesige, pulsierende Stadt mit sechs Millionen Einwohnern (die Dunkelziffer ist doppelt so hoch) und wir sollten auf dem Schiff bleiben? Am Nachbartisch saß die Chefin der Agentur, die die "MS Amadea" in Brasilien betreut und ich sprach sie an. Sie organisierte für uns spontan ein Auto mit Fahrer. Der Chefkoch der „Amadea“, der daneben stand und unsere Freundin Anke, die mit am Tisch saß, fanden die Idee auch gut und so starteten wir zu fünft zu einer Lichterfahrt durch Rio. Der Chefkoch war groß und stark, der Fahrer einheimisch mit dunkler Sonnenbrille – wir drei Frauen (Louisa durfte mitkommen) wurden gut beschützt. Trotzdem hielten wir nur kurz beim größten Weihnachtsbaum der Welt (83 Meter) und an einer Strandbar oberhalb von Ipanema. Auch der Blick über die Lichterkette an der Copacabana und die dunkle Silhouette des Zuckerhutes waren überwältigend, aber die Sicherheit ging vor. Rio bei Nacht…

Wir fuhren mit einem unauffälligen VW mit dunklen Scheiben aus denen wir das Leben auf den Straßen beobachten konnten, man uns aber nicht sah. Wir konnten finstere Gestalten erkennen, Prostituierte und viele Menschen, die Mülltonnen durchsuchten. Das erforderte eine längere Erklärung für meine Tochter. Nach europäischen Verhältnissen sind 70 Prozent der Bevölkerung Rios arm. "Die haben Hunger?", fragte mein Kind fassungslos mit Blick auf die Menschen.
Louisa und ich ließen uns am Hafen absetzen und während die anderen im relativ sicheren Viertel von Leblon ins Nachtleben Rios eintauchten, brachte ich mein Kind ins Bett. Nun, an dieser Stelle wurde mir der kleine, aber feine Unterschied zwischen einer Mutter und den "anderen" wieder einmal vor Augen geführt.
Trotzdem war ich glücklich darüber, mit meiner kleinen Süßen überhaupt so tolle Dinge erleben zu dürfen. "In jedem Schlechten steckt etwas Gutes", sagt man immer. Also saß ich, während mein Kind schlummerte, am Schreibtisch und bereitete mich auf den nächsten Tag vor: ein Interview mit Hans Stern, dem reichsten Mann Brasiliens. Ja, ja. Es hat geklappt. Ich sollte ihn treffen.

Autorin: Anja K. Fließbach
(Geschrieben am Montag, dem 8. Januar 2007, 4:23 Uhr) 

Kommentare zum 12. Beitrag

Bin begeistert von Ihren Berichten und schaue täglich, was es neues von Ihnen beiden gibt. Bin stolze Mutter von 9-Monate-alten Zwllingsmädchen und denke seit Ihrem Weblog verstärkt über eine Schiffsreise nach, die mein Fernweh stillen soll - irgendwann. Liebe Grüße aus Leipzig auf die andere Seite der Erde.

Kommentiert von: ZA76 | Montag, 8 Januar 2007, 11:05 Uhr

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Was kostet denn so eine Reise eigentlich?

Kommentiert von: Hannah | Montag, 8 Januar 2007, 11:10 Uhr

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Liebe Mutti der Zwillinge,
vielen Dank, dass Sie die Berichte verfolgen. Ich finde gut, dass Sie den Traum haben, eine Schiffsreise zu unternehmen. Meiner Meinung nach ist das eine sehr gute Möglichkeit, bequem und relativ sicher mit Kindern durch die Welt zu kommen. Doch nicht alle Schiffe sind kinderfreundlich. Allerdings sind die Veranstalter gerade dabei, sich auf die Passagiere der Zukunft zu besinnen und es findet ein gewisses Umdenken statt. Gern gebe ich Ihnen Tipps, wo Sie gut aufgehoben wären. Aber meiner Meinung nach, sollten Sie noch warten, bis die Kinder wenigstens zwei sind. Meine Tochter war vier bei der ersten Reise. Das war ein gutes Alter.
Ich bin sicher, dass Sie sich Ihren Traum erfüllen werden.
Herzlichst
Ihre Anja K. Fließbach

Kommentiert von: Anja K. Fließbach | Dienstag, 9 Januar 2007, 21:32 Uhr

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Liebe Hannah,
es kommt darauf an, welche Kategorie man bucht und mit wie vielen Personen man reist. Auf manchen Schiffen sind die preiswertesten Kabinen ganz unten, ohne Fenster und für bis zu vier Personen gedacht. Manchmal gibt es preiswerte Glückskabinen. Man bekommt die, die gerade frei sind. Die teuersten sind natürlich die Suiten ganz oben, manche über zwei Etagen. Wenn die dann noch allein benutzt werden, zahlt die Person extrem viel Geld. Verschiedene Schiffe haben verschiedene Preise. Eines der teuersten ist die "Europa". Unsere "MS Amadea" hat ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Am besten du schaust mal auf die homepage des Veranstalters (Adresse im Autorenprofil).
Viele Grüße
Anja K. Fließbach

Kommentiert von: Anja K. Fließbach | Dienstag, 9 Januar 2007, 21:43 Uhr

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Liebe Hanna,
das hast Du aber alles sehr schön beschrieben.

Kommentiert von: gerd fuchs | Mittwoch, 10 Januar 2007, 13:48 Uhr

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(Letzte Aktualisierung: 10.01.2007)