115. Beitrag: "Kampf der Welten" (8. Mai)

Manchmal kann ich nicht schreiben. Ich weiß, was auf dem Plan steht, aber es geht nichts. In meiner Arbeit als Chefredakteurin und auch früher als Redakteurin bin und war ich natürlich Profi. Was fertig werden muss, wird rasch recherchiert und geschrieben. Aber dieser Blog ist über den Weltreisereport hinaus so persönlich, dass ich schreibe, was mein Herz und meine Seele sagen wollen. Heute liegt mir so viel auf dem Herzen, dass mein Kopf sich nicht konzentrieren kann...
Ich sollte vielleicht auch erwähnen, dass ich meine Aufzeichnungen und Rechercheunterlagen von Dubai (ist heute eigentlich dran) gerade nicht finden kann. So eine Wohnung ist im Vergleich zu einer übersichtlichen Kabine ein Dschungel mit viel zu vielen Schränken, Fächern und Schubladen. Viel zu viel Platz (auf 69qm...), um den Überblick zu behalten. Außerdem ist noch ein Teil unserer Sachen bei meiner Mutti in der Wohnung, ein Teil noch, schon oder schon wieder in meinem Büro in der Redaktion. Fast erinnert es mich an unsere zwei Kabinen auf der "Amadea". Nur, dass ich nicht mal eben barfuß den Kram holen kann. Es sei denn, ich mag durch Pfützen und Straßenschmutz hüpfen und es stört mich nicht, mal eine geschlossene Anstalt von innen zu sehen. Aber da Dubai wirklich noch ein Höhepunkt war, will ich das auch in Ruhe und angemessen schreiben. Also morgen :-).
Mein Problem zurzeit ist der Kampf der Welten. Es vermischt sich Vergangenes mit ganz Vergangenem und eine ungewisse Zukunft strahlt dazwischen und ich kann die Dinge nicht verbinden oder separieren oder was halt gerade angebracht wäre. Mit meiner Wohnung und vielleicht auch mit der Stadt verhält es sich wie mit meinem Besuch auf der "Astor" (dem Schiff der ersten Weltreise). Obwohl vertraut, ist es fremd. Und beides hat sich weiter entwickelt, aber in verschiedene Richtungen. Und langsam füllt meine liebe Assistentin Andrea Hille meinen Terminkalender. Morgen von 8 Uhr morgens bis einschließlich Abendessen, am Montag Hamburg, am Mittwoch Bonn. Und "mein altes Leben" greift wie eine Krake mit vielen Armen nach mir und versucht, mich einzuwickeln, festzuziehen, mir mehr und mehr die Luft abzuschnüren. Ein Leben stelle ich mir vor wie eine Linie in einem Diagram - vom Nullpunkt stetig steigend nach rechts oben. Es geht immer voran. Nur bei mir, bei mir ist es, als hätte meine Lebenslinie einen Kreis gezogen und würde nun ein Stück weiter hinten wieder ansetzten. Es ist wie ein Déjà Vu, wenn ich in meiner Küche stehe, in meiner Redaktion bin oder durch die Stadt laufe. "He, an diesem Punkt war ich doch schon." Oder: "He, das habe ich doch schon erlebt."
Und es wird nicht leichter, wenn jetzt viel öfter mein Handy klingelt und sich Leute aus meiner Vergangenheit melden, die eigentlich meine Gegenwart ist. Und es wird nicht leichter, wenn E-Mails aus der näheren Vergangenheit kommen, die etwas mit meiner Zukunft zu tun haben könnten. Und es setzt dem noch die Krone auf, wenn ich Leute treffe, die in meiner Vergangenheit meine Zukunft bedeutet haben. Alles klar? Mir nicht. Es ist strange, wenn sich die Welten mischen.
Wenn mails vom Schiff oder deren Besatzung an Land kommen (und ja, lieber Kommentator Manus, es kommen welche, auch SMS und Anrufe), dann könnten sie in meiner Empfindung genauso gut aus dem Weltall kommen. So weit weg. So stelle ich es mir vor, wenn die Buddhisten nach ihrer x-ten Wiedergeburt plötzlich Menschen aus dem früheren Leben treffen und sich wage erinnern können. Oder wenn sie an Plätzen landen, wo sie sich vielleicht ein paar Leben vorher schon mal verabschiedet hatten.
Und ich erinnere mich an meinen Enthusiasmus unter dem Sternenhimmel in der Südsee. Das eigene Leben aus der Ferne sieht so klar und übersichtlich aus, als brauche man nur hier eine Weiche in die eine Richtung und ein Puzzleteil an einen anderen Platz legen und schon wäre es ein schönes Bild. Aber im wahren Leben vergehen die Tage, an denen man dem fertigen Bild kein Stück näher gekommen ist und die Zeit scheint immer schneller zu laufen. Was für ein Puzzleteil war das noch mal? In welche Richtung wollte ich die Weiche stellen? Und dann hat die eine Schlüsselperson erst in drei Wochen Zeit und das Puzzleteil besteht aus vielen kleinen Teilchen, die entweder erst bestellt werden müssen, inzwischen schon jemand anderem gehören, ausverkauft sind, alt und unbrauchbar, abgenutzt, aus der Mode gekommen, zu teuer, für mich nicht mehr passend, unauffindbar oder schlichtweg unter den Tisch gerutscht. Und falls ihr den ganzen Blog verfolgt habt und euch an den Eintrag "Achterbahn der Gefühle" erinnert: Ich hasse Puzzle.
Könnt ihr ein bisschen verstehen, dass ich mich heute so schlecht auf Dubai konzentrieren kann?
Und wenn ich morgen um 10 Uhr auf der "Amadea" schön gemütlich beim Spätaufsteher-Frühstück sitzen würde, bin ich real schon in meinem dritten Termin. Und alles Termine, die meine lieben Disy -Leute mit spitzen Fingern und weit von sich gestreckten Armen angefasst haben und mit gerümpfter Nase und gekünstelter Stimme gesprochen: "Darum sollte sich Frau Fließbach besser selber kümmern, wenn sie wieder da ist..." Ich will auf mein Schiff!!!
Spruch des Tages: Wo kämen wir hin, wenn alle sagten: Wo kämen wir hin? Und keiner ginge, um einmal zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge.
(Danke für die mail mit den Sprüchen. Hat mich kalt erwischt und dann gewärmt...)

Musiktipp zur Stimmung: "Breathe Easy" von "Blue"
Anja Fließbach: Dienstag, 8 Mai 2007, 23:28 Uhr