110. Beitrag: "I have survived" (3. Mai)

Was soll ich sagen? I have survived. Der Mensch ist zu erstaunlichen Leistungen fähig, wenn ihm keine andere Wahl bleibt. Wir mussten unsere "MS Amadea" verlassen. Unsere Zeit war abgelaufen, die Weltreise zu Ende. Den Abschiedsmorgen erlebten wir in einer hochtourigen, angespannten Phase. Nur nicht innehalten, nur nicht nachdenken...

Seit zwei Tagen überlege ich, wie ich euch diese eigenartige Atmosphäre in den letzen Stunden an Bord erklären könnte. Rund 700 Menschen haben das Schiff am gleichen Tag verlassen, davon viele, die viereinhalb Monate auf diesem engen Raum zusammen im Takt der Wellen Höhen und Tiefen erlebt und sich selbst und andere besser kennen gelernt hatten, als man es je an Land könnte, die alle auf einer „Wellenlänge lagen“ (seid ihr sicher, dass der Begriff etwas mit Funkwellen zu tun hat und nicht vielleicht doch mit der Seefahrt?), die sensibel waren, emotional und die alle die Freiheit liebten. Die alle wussten, dass sie mit dem Abschied vom Schiff auch ein großes Stück Abschied von dieser Freiheit nahmen. Die alle wussten, dass sie einander kaum wieder sehen würden. Und von denen deshalb einige mit Sonnenbrillen und andere mit roten oder sehr kleinen Augen herum liefen.

Ich erinnerte mich, dass Sandra und ich schon zu Beginn der Abschiedstage in der Show hatten weinen müssen. Im "Tanz der Vampire" hatte Katrin Wiedmann das Lied gesungen: "Draußen ist Freiheit, fernab von allem was dich quält..." Und so schien es mir, als würde zu dem Abschiedsschmerz bei vielen eine gewisse Atemlosigkeit dazukommen beim Gedanken an das "normale Leben" an Land. Doch uns allen war klar, es gab nur den Gang die Reling hinunter. Keiner von uns würde wie der "Ozeanpianist" nach der Hälfte wieder umdrehen. Die Atmosphäre auf dem Schiff war hektisch, angespannt, knisternd. Hätte einer losgeheult, hätte die anderen bestimmt wie Wölfe eingestimmt. Und so kämpften wir tapfer, kaum fähig zu sprechen, uns tapfer anlächelnd, oft sogar lachend und wie beim "Ozeanpianisten" immer wieder beteuernd: "Bis bald." Jeder musste zu einer anderen Zeit gehen (unterschiedliche Flüge, Zug- oder Bustransfers oder Familie und Freunde, die sie abholten). Also sagten sich einige drei, vier oder fünfmal "Tschüß", weil man sich doch noch mal beim Frühstück, beim Abschiedskaffe in der Harrys Bar oder an der Rezeption traf. Zusammengefasst würde ich den Abschied so beschreiben: Es war, als ob man ein Dorf auflöst. Als ob sich jeder Bewohner von jedem verabschieden wollte und jeder wusste, dass kein einziger auch nur einen weiteren je wieder sehen würde. Man kann es auch mit einem Ameisenhaufen beschreiben. Ein hektisches Hin- und Hergerenne, scheinbar planlos und doch jeder mit einer Bestimmung.

Wie auch immer. Wir haben es überstanden und so schlimm wie auf der Astor war es für mich nicht. Es lag ganz sicher daran, dass mein Abschied von der "Amadea" schon in Singapur begonnen hatte, als meine Freunde ausgestiegen waren. Manchmal hatte ich einen kurzen Anflug von "Ich hätte auch mit aussteigen sollen."  Nach dem Motto: "Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist." Aber dann hätte ich viele tolle Erlebnisse nicht gehabt, interessante Menschen nicht getroffen und der Abschied vom Schiff wäre viel krasser gewesen.

So war der Abschiedsabend recht ruhig verlaufen. Wir hatten eine Einladung von Christian Adlmaier in die Harry´s Bar und als er den Toast aussprach und sich mit sehr herzlichen Worten von mir verabschiedete, musste ich weinen. Peinlich. Aber ich war es nicht gewohnt, dass Jemand so lieb mit mir redete. Zum letzten Abendessen im Restaurant "Vier Jahreszeiten" hatten wir auch eine nette Einladung, saßen mit Sous - Chef Christian, Küchenchef Wolfgang, Proviantmeister Frank und Hotelmanager Rainer zusammen. "Vivat Sea-Chefs" sagte ich und stieß mit den Männern an, die auf der "Amadea" alle für den Caterer arbeiteten. Beim Austrinken streifte mein Blick den Tisch, an dem ich mit meinen zwei besten Freunden ein paar Wochen vorher schon einen Abschiedsabend gefeiert hatte mit einer königlichen King Crab, etwas, was ich noch nie zuvor gegessen hatte. "Vivat ihr zwei“, sagte ich still und dachte an Küchenchef Rupert und Kreuzfahrtleiter Christian. Als die anderen den Abend in der Havanna Bar ausklingen ließen, verabschiedete ich mich zum weiteren Kofferpacken. Ich brachte Louisa ins Bett, packte und als alles fertig war - inzwischen schliefen die meisten auf dem Schiff - ging ich in eine Decke gemummelt in Ruhe eine einsame Abschiedsrunde über das Schiff. Mein geliebtes Deck 11! Ich schlenderte über den grünen Belag, stellte mich an die Spitze des Schiffes und sah das erste Mal seit Wochen über dem Schiff keine Sterne. Es war wolkig und kalt. Ich ging langsam von einem Deck zum anderen und blieb hier und da an Plätzen stehen, um mich an Erlebnisse zu erinnern. Dann schlenderte ich zu allen unseren Kabinen, in denen wir im Laufe der 128 Tage mal gewohnt hatten, strich über die Nummern und fasste in Gedanken die Bilder zusammen, die ich mit diesen Kabinen verband. Zum Abschluss ging ich eine Runde auf Deck 7 um das Schiff herum (Bootsdeck), erinnerte mich an Episoden und rekapitulierte wörtlich eindrucksvolle Gespräche mit wertvollen Menschen. Hier an der Reling mit Blick aufs Wasser heulte ich dann noch mal wie ein Schlosshund und dann war es auch fast gut.

Morgen: Die Ankunft
Übermorgen: Gandhis Haus in Popandar


Anja Fließbach: Donnerstag, 3 Mai 2007, 23:48 Uhr