101. Beitrag: "Der Ozeanpianist" (22. April)

"Es war der glücklichste Moment meines Lebens. All diese Menschen voller Hoffnung. Das voneinander Abschiednehmen, die Schiffssirene und dann setzte sich diese schwimmende Welt in Bewegung. Es war wie eine Party, ein grandioses Fest. Alles für mich"...
Seit meiner ersten Reise auf einem Schiff, seit meinen ersten Sonnenuntergängen allein an Deck, den Nächten unterm Sternenhimmel beim Rauschen des Meeres, seit den Tränen des Abschieds, der Freude und des schmerzvollen Glücks, versuche ich zu erklären. Ich versuche denen dieses "Schiffsgefühl" nahe zu bringen, die es nicht kennen. Die nicht wissen, was sie verpassen. Die mich nicht verstehen. Die denken, ich übertreibe. Die nicht mit mir klar kommen, wenn ich wie ein Fisch auf dem trockenen Land nach Luft schnappe. Ich kann mich recht gut ausdrücken und trotzdem war ich so froh, als ich mit Freunden auf der "Amadea" im Kino saß, Sandra eine DVD besorgt hatte und JJ sie uns einlegte. Es war "Die Legende vom Ozeanpianist" und als ich die Worte im Film hörte und die Bilder sah wusste ich, ich bin nicht allein. Da formulierte einer genau das, was ich empfand. Viel treffender und schöner, als ich es jemals ausdrücken könnte.
Es geht los mit den Worten: "Ich frage mich immer noch, ob es eine richtige Entscheidung war, seine schwimmende Stadt hinter mir zu lassen. Die Sache ist die, so einen Freund. einen echten Freund findet man nicht wieder."
Schon dieser Anfang traf mich ins Herz. Ich habe hier bei dieser Reise gelernt, was ein Freund ist. Einer, dem man auf eigenartige Weise ganz nah ist, ohne nahe gerückt zu sein. Der weiß, was man denkt, auch wenn man etwas anderes erzählt. Der sieht, wenn man traurig ist, auch wenn man lacht und den man selbst so gut zu kennen scheint, wie sich selbst und anders herum und sogar besser. Ein Freund, den man bis ans Lebensende nicht verlieren möchte, für den man bereit ist, auf anderes zu verzichten, auf alles zu verzichten und der genau das nicht zulässt, weil er ein Freund ist.
Der Film handelt auch von einer Freundschaft. Eine zwischen zwei Männern. Der Ozeanpianist ist auf dem Schiff geboren und war noch nie an Land. Sein Freund fragt: "Willst du dein ganzes Leben auf See verbringen? Immer hin und her, her und hin - wie ein JoJo? Die Welt ist da draußen. Da ist nur eine Gangway dazwischen, was ist schon eine Gangway? Nur ein paar Schritte, nicht mehr. Herrgott! Alles erwartet dich am Ende der Gangway, warum wagst du es nicht?"
Immer hin und her, her und hin, wie ein JoJo - das ist eine gute Beschreibung. Man ist auf einem Schiff immer in Bewegung und mit den Worten "die Welt ist da draußen" beschreibt der Autor, wie isoliert, geschützt und weit weg man hier von der "eigentlichen Welt" ist. Ich habe mich mit vielen, vielen Leuten viele, viele Nächte über ihre Gründe unterhalten, an Bord zu sein. Die, für die es kein oder nicht nur Urlaub war, haben zugestimmt: "Weit weg, isoliert vom Rest und scheinbar geschützt vor Problemen, Alltag, Gleichförmigkeit..."
Zitat: "Warum, warum, warum, warum. Ich glaube die Menschen an Land verschwenden eine Menge Zeit mit der Frage: Warum? Der Winter kommt. Warum ist es nicht Sommer? Der Sommer kommt und sie fürchten schon den Winter. Und darum sind sie immer auf Reisen. Auf der Suche nach einem Ort, weit weg, wo immer Sommer ist."
Was ich mich schon lange frage, seit mir bewusst ist, wie viele Möglichkeiten die Welt einem bietet: Sind nicht die Menschen glücklicher, die keine Ahnung haben von dem, was sie verpassen? Die zufrieden sind dort, wo sie sind?
Der Ozeanpianist, der im Film 1900 und in der Novelle, die ich mit Louisa immer lese, Novicento genannt wird, führt dazu einen Dialog mit einem Passagier:
"Noch bis vor ein paar Jahren war alles, was ich kannte, mein Acker", sagt dieser. "Das war meine Welt. Sie fing an auf diesem kleinen Stück Land und endete da. Niemals bin ich durch die Straßen einer großen Stadt gegangen. Sie verstehen mich vielleicht nicht, aber ..."
"Mehr als sie glaube. Ich kenne jemanden, dem es fast eben so geht."
"Und ist ihm auch eines Tages sein Land verdorrt?"
"Nein, aber auch er war schließlich allein."
Als ich vor acht Jahren das erste Mal für sechs Wochen auf einem Schiff fuhr, damals von Hongkong nach Venedig (fast die gleiche Strecke wie jetzt), manifestierte sich meine Liebe zum Meer. Bin ich am Strand oder auf dem Schiff, kann ich frei atmen. Dann beruhige ich mich, bin zufrieden und glücklich. So ging es auch dem Mann, mit dem 1900 sprach. Dieser sagte: "Eines Tages, als ich durch eine der vielen, mir unbekannten Städte kam, stand ich auf einem Hügel und da sah ich das Wunderbarste, was ich je gesehen habe: Das Meer. Ich hatte es nie zuvor gesehen. Ich stand da wie vom Blitz getroffen, denn ich hörte seine Stimme..."

Was die Stimme rief, lest ihr morgen in meinem Teil 2 des "Ozeanpianisten".
Manuelas Spruch des Tages (und wir sprechen uns nie ab...): "Wer auf dem Ozean gewesen ist, der scheut sich nicht mehr vor Pfützen."
Musiktipp zur Stimmung: Titel "White Flag", Dido, Album "Life for rent"

Anja Fließbach: Sonntag, 22 April 2007, 23:00 Uhr