Interview mit Martin Joyeux

Die Fliege - Interview mit Martin Joyeux

 

Wieso gibt es bei einem Opernball keine Alternative zur Fliege?
Joyeux:
Die alten Etiketten besagten, dass man zu Smoking oder Frack Fliege trägt, entweder schwarz oder weiß. Eine Fliege ist individuell. Deswegen habe ich mich immer gefragt, warum es immer nur diese zwei gibt. Abgestimmt auf das Kleid der Debütantinnen, könnten doch auch die Männer einen farblichen Akzent bekommen.

 

Woher kommt die Idee für eine SemperOpernball- Fliege?

Joyeux: Warum sollte man nicht auch den Debütanten einen Accent aigu verleihen? Deswegen habe ich, passend zum De- bütantinnenkleid, eine blaue Samtfliege entworfen. Diese wird von allen Debütanten und auch einigen Laudatoren tragen.

 

Was bedeutet es für Sie als Designer, Partner des Semper-Opernballs zu sein?

Joyeux: Das ist eine große Ehre. Als gebürtiger Oberlausitzer bin ich eng mit Dresden verbunden. Der Dresdner SemperOpernball hat einfach Geschichte. Für mich ist das mit sehr viel Herzblut verbunden. 

 

Wie kam es zu der Partnerschaft?
Joyeux:
Ich bin mit Ekkehard Frey, dem Bruder von Hans-Joachim Frey, befreundet. Wir musizieren oft zusammen. Dadurch durfte ich das Team hinter dem SemperOpernball kennenlernen und war auch bereits zweimal zu Gast. Ich bin überzeugt, dass die kommunikative und emotionale Ebene stimmt, das ist mir    besonders wichtig. Viele sehen nur das Business und das Netzwerken bei einer solchen Partnerschaft. Aber ich habe wirklich Freude daran und bin emotional voll dabei. Es geht darum, dass jeder seine Expertise beim SemperOpernball mit einbringt. Meine Expertise ist die Fliege und das Einstecktuch.

 

Wie kamen sie ausgerechnet zur Fliege?
Joyeux:
Alles begann mit einem blauen Samtanzug von Karl Lagerfeld. Das Material war für mich eine Offenbarung. Den habe ich dann ein wenig verändert, zum Beispiel mit alten Messingknöpfen. Auf den Anzug haben mich viele Leute angesprochen und wollten selbst so einen. Also habe ich einen Schneiderkurs belegt. Grundlage des Handwerks sind die einfachen Formen: Einstecktuch und Fliege. Bei denen bin ich hängengeblieben. Für den kompliziertere Dinge, beispielsweise einem Jackett, steht mir eine Schneidermeisterin zur Seite.

 

Woher kommt Ihre Modebegeisterung?
Joyeux:
Samt- und Brokatstoffe ziehen mich magisch an. Ich habe gespürt, dass Sie meine Lebensaufgabe sind, der Zweck meiner Existenz. Je mehr ich zu mir selbst nde, um so stärker ziehen mich diese Materialien an. Es passiert einfach, sie geben mir Kraft. Man sagt immer ‚Arbeitszeit ist Lebenszeit‘, genau deshalb mache ich das.

 

Wie haben Sie zu Ihrem Stil gefunden?

Joyeux: Ich nenne meine Mode Barock’n’Roll. Ich habe früher Punk-Rock-Musik gemacht und habe mich schon immer extravagant gekleidet. Durch eine Freundin bin ich auf den Stil der 20er Jahre aufmerksam geworden. Diese Eleganz hat mich fasziniert. Mit Fliegen hat alles angefangen. Inzwischen bringe ich auch Kleider heraus. Immer Einzelstücke. Ich möchte keine Serienproduktion. Ich träume von den Entwürfen. Die Schwierigkeit ist es, diese umzusetzen und vor allem Webereien zu nden, die Stoffe exakt nach meinen Wünschen anfertigen können.

 

Was macht die 20er Jahre für Sie so besonders?
Joyeux:
Die Lebemannkultur. Damals wurde nicht an morgen gedacht sondern im Jetzt gelebt. Die Salonkultur der 20er Jahre war darauf ausgelegt, dass die feinen Herren sich zu Hause privat trafen, Geschäftsabschlüsse getätigt haben und danach eine riesen Party feierten. Meist gab es eine Tänzerin, die auf dem Tisch getanzt hat, es wurde geraucht und gefeiert. Und fast alle trugen Fliege. Deswegen habe ich mich auch auf den doppella- gigen 20er-Jahre Schnitt konzentriert.

 

Wo verkaufen Sie Ihre Stücke?
Joyeux:
Meine Kreationen gibt es in 150 Geschäften in deutschsprachigen Raum und auch in England und Paris. Das sind kleine Boutiquen in Familienhand. Ich habe zu allen einen persönlichen Bezug und werde immer weiter empfohlen. Meine Kreationen überzeugen von allein. Ich bin positiv überrascht, das viele Geschäfte meine Produkte annehmen.

 

Warum sind Ihre Fliegen vorgebunden?
Joyeux:
Die Etikette erlaubt, das Fliegen vorgebunden sein dürfen, wenn sie aus dicken Materialien sind. Bei dünneren bietet es sich an, den Akt des Bindens zu zelebrieren. Am Ende des Abends lässt man sie dann leger nach unten hängen.

 

Was macht die Fliege so besonders?
Joyeux:
Man sieht in der Politik, der Wissenschaft und der Medienbranche inzwischen öfter Fliege. Die Fliege spiegelt den Charakter eines Individuums wieder. Viele Menschen verstecken sich hinter Kleidung. Kleider machen Leute. Dabei haben sie vergessen, an ihren inneren Werten zu arbeiten. Wenn man aber Kleidung nicht benutzt, um damit anzugeben oder zu polarisieren, sondern sie als Multiplikator des eigenen Ichs benutzt, dann bekommt man eine eigene Aura, die Authentizität und Natürlichkeit ausstrahlt. Es wird viel prunkvolle Mode geschaffen, aber das sind Kostüme. Dahinter fehlt die Seele. Es ist nur eine Maskerade.

 

Sie können nicht beeinflussen, wer Ihre Sachen trägt...

Joyeux: ...aber ich mache Mode, mit denen ich spüre, dass es Lichtgestalten sind. Mit offenem Verstand und Charakter. Ich kann in der Tat nicht beeinflussen, wer meine Sachen trägt. Aber dadurch, dass ich viele Dinge selbst mache und entwerfe, überträgt sich meine Intention. 

 

Wie war die Zusammenarbeit mit Uwe Herrmann?
Joyeux:
Uwe Herrmann ist ein sehr spezieller Typ. Das kommt mir entgegen, denn ich mag Menschen, die ihre Individualität leben, und genau das machen, was sie lieben. Er hat seinen Stil, ich habe meinen Stil. Aber wir können zusammen lachen und das ist das wichtigste. 

 

Wie fand er Ihre Entwürfe?
Joyeux:
Er fand sie Klasse. Ich habe drei Entwürfe zur Auswahl gestellt und er hat die SemperOpernball iege mit ausgesucht.Sie harmonisiert am besten mit dem Kleid. 

 

Worauf freuen Sie sich am meisten beim SemperOpernball?

Joyeux: Es wird ein schönes Gefühl sein, wenn die Debütanten einlaufen und mit einer tollen Aura den Abend beginnen. Ich freue mich darauf, dieses Bild zu sehen und zu spüren. In den Fliegen steckt eine Menge Handarbeit. Deswegen wird die Freude umso größer, meine Schöpfungen an den Debütanten strahlen zu sehen.

 

Gibt es Gäste, auf die Sie sich besonders freuen?

Joyeux: Meine Familie wird mit dabei sein. Meine Schwester hat in diesem Jahr geheiratet. Ich habe sie eingeladen, damit wir alle zusammen zum Ball können. Wir gehen zum ersten Mal zusammen zu so einer Veranstaltung. Das wird für meine Familie und mich eine wunderbare Sache.

 

Was verbindet Sie mit Dresden?
Joyeux:
Sehr viel. Ich bin hier sehr verwurzelt. Viele meiner Freunde leben hier.