Europa 30 Jahre nach dem Fall der Mauer

„Persönlichkeiten im Dialog“ - Unter diesem Motto lädt der Rotary Club-München-Bavaria regelmäßig zu einer spannenden Veranstaltung ein. Die Event-Reihe hat jährlich einen festen Platz im Terminkalender derjenigen, die sich mit den Themen der Zeit befassen und die an den Menschen interessiert sind, die diese mitgestalten. Auch dieses Mal, zwei Tage vor dem Beginn der Europawahlen, ging es um ein brandaktuelles Thema: „Europa 30 Jahre nach dem Fall der Mauer.“ 

Ein fester Bestandteil der Dialog-Reihe ist die Kunsthistorikerin Dr. Sonja Lechner. Sie moderiert jedes Mal die Diskussion.  Sie hatte bereits Toni Meggle auf der Bühne, der über „Ethik im Unternehmertum“ sprach, ebenso wie Charlotte Knobloch, die von ihrer Kindheit im nationalsozialistischen München bis zur gegenwärtigen Situation für Deutsche jüdischen Glaubens berichtete. Nun, bei der jüngsten Ausgabe der Event-Reihe, die im Gemeindesaal St. Matthäus in München stattfand, stellte sich General a.D. Klaus Naumann den Fragen von Dr. Sonja Lechner

Klaus Naumann war damals Stabsabteilungsleiter für Militärpolitik und Operative Führung im Führungsstab der Streitkräfte im Bundesministerium der Verteidigung in Bonn und dabei, als die Bundesregierung nach dem Fall der Mauer ihren 10-Punkte-Plan vorlegte, der die Wiedervereinigung vorbereiten sollte. Naumann, der sich übrigens auch nach seiner Pensionierung intensiv für Friedensbemühungen im Nahen Osten einsetzt, gab den Zuhörern vor Ort spannende Einblicke in die damaligen Verhandlungen: Dass es damals keineswegs abzusehen war, dass beide deutsche Staaten tatsächlich eine gemeinsame Bundesrepublik bilden würden, da sich viele der europäischen Staaten zunächst dagegen aussprachen, da diese eine Hegemonie Deutschlands befürchteten. Eindrücklich schilderte Naumann, wie die Wiedervereinigung dann doch gelang und welche Hoffnungen er als Europäer damit verband und verbindet. Hoffnungen, die es in der aktuellen Wahl zu verteidigen gelte, indem nicht die Europagegner gestärkt werden dürften: „Die Europäische Union hat es unmöglich und undenkbar gemacht, dass die Mitglieder der EU gegeneinander Krieg führen. Eine Renationalisierung würde die Tür wieder öffnen zu Krieg und Gewalt. Insofern ist jeder bei der Wahl aufgerufen, diejenigen zu wählen, die Europa nicht zerstören wollen“, so sein Appell.

Gerade im Hinblick auf China, das den Weg wirtschaftlichen Wohlergehens um den Preis individueller Freiheit beschreitet, sei es aus Sicht Klaus Naumanns extrem wichtig, sich auf die freiheitlichen Grundlagen zu besinnen, die uns Europäer einen: „Wir stehen am Beginn einer globalen Auseinandersetzung über die Weltordnung der Zukunft. Das eine Modell ist das Modell des Westens, in der die Freiheit des Individuums im Mittelpunkt steht und durch das Recht geschützt wird. Das andere Modell propagiert die Pflichten des Individuums um den Preis der Freiheit.“ 

Bei der auch künftigen Umsetzung der europäischen Freiheiten spielt Amerika nach Auffassung Naumanns eine entscheidende Rolle. Für ihn sei es unabdingbar, Amerika „im Boot des Westens zu halten“, was angesichts der „America first“-Haltung Donald Trump keine gegebene Tatsache mehr sei. Die freiheitlichen Ideen seien die Basis, die den Westen und die verschiedenen europäischen Länder einten, trotz ihrer jeweils eigenen Historie. Jeder Europäer könne viele Heimaten haben, davon ist Klaus Naumann überzeugt. Obwohl er selber stets parteilos war, zitieret er in diesem Fall gerne Franz Josef Strauß: „Bayern ist unsere Heimat, Deutschland unser Vaterland, Europa unsere Zukunft.“

Dr. Sonja Lechner bezeichnete sich selbst „als leidenschaftliche Europäerin“: „Nicht nur, weil meine Vorfahren aus ganz Europa kommen und ich selbst Finnin und Deutsche bin, sondern auch, weil Europa für mich eine Notwendigkeit darstellt, für die man sich einsetzen muss. Mit allem, was einem möglich ist.“ Entsprechend leidenschaftlich fiel ihr Schlusswort aus. Sie appellierte an die Gäste, unbedingt wählen zu gehen: „1828 bezeichnete sich Heinrich Heine in den Englischen Fragmenten als „so recht europamüde“. In unserer Gegenwart, in der vom 23. bis zum 26. Mai rund 400 Millionen Europäer aufgerufen sind, ihre Stimme abzugeben, müssen wir wach sein. Und wir müssen uns bewusst machen, dass es absurd wäre zu glauben, irgendein einzelner Nationalstaat könne im 21. Jahrhundert allein im Konzert der Supermächte mitspielen und alleine seine Interessen besser vertreten als das gemeinsame Europa. Mit 500 Millionen Europäern und einem beachtlichen Bruttoinlandsprodukt stellt Europa eine große Macht dar. Aber nur dann, wenn diese nicht in die Hände von Extremisten fällt, deren Ausrichtung den Kerngedanken von Europa konterkariert. Dieser Kerngedanke bedeutet keine Selbstaufgabe der jeweils eigenen Geschichte, der jeweils eigenen Sprache, der jeweils eigenen Kultur eines jeden einzelnen Landes. Er bietet uns vielmehr eine zusätzliche Heimat in dem, was die Basis unserer europäischen Verbundenheit ist und bleiben muss: die Wertschätzung, die Einhaltung und notfalls die Verteidigung des Freiheitskataloges, der sich in der freien Meinungsäußerung ausdrückt, der Pressefreiheit, der Religionsfreiheit, der wirtschaftlichen Freiheit des Binnenmarktes, der Freiheit, letztlich zu leben wie, und zu lieben wen wir wollen. Lassen Sie uns hierfür wählen!“

Die über 100 Gäste in dem modernistischen Baudenkmal der St. Matthäuskirche am Sendlinger Tor klatschen begeistert Beifall. Neben dem Gastgeber Ernst Federle (Präsident des Rotary Clubs München Bavaria) und dem Kirchenherr Gottfried Freiherr Segnitz von Schmalfelden waren viele Gestalter und Macher, Intellektuelle und Denker gekommen, denen das europäische Thema ein großes Anliegen ist, darunter u.a.: Prof. Dr. Karsten Reuter (TU München), Wolfgang Schäuble (Leiter der Branddirektion München), Chirurg Dr. Wolfgang Hörl, Dr. Rosmarie Gudenus (Biotechnologin), Autor Dr. Peter Grassmann, Wirtschaftsprüfer Prof. Heinz KleekämperProf. Christoph Clemm (Krebsspezialist), Historikerin Jutta Weishäupl, Alexander Freiherr von Cramm (Mount-Everest-Bezwinger), Dr. Antje Kuttner (Bankwesen), uvm. Alles für den guten Zweck: Der Erlös des Abends, u.a. aus dem Verkauf der Eintrittskarten, kommt  „Lichtblick Seniotenhilfe e. V.“ zugute.

 

Text: Andrea Vodermayr