Disy-Mitarbeiter testen: Extreme - Teil 1: Bungee-Jumping

Ab sofort stürzen sich tapfere Disy-Mitarbeiter für ihre treuen Leser in jeder Ausgabe in ein neues Abenteuer. In der Rubrik „Extrem“ zeigen wir Fluchtwege aus dem Alltag. Als Aufwärmübung für kommende moderne Heldentaten wagten wir diesmal einen Bungee-Sprung.

Bis vor zwei Minuten war noch alles super. Vor zwei Minuten habe ich noch gelacht. Aber vor zwei Minuten stand ich auch noch nicht an der Kante einer schwankenden Gondel, die in 60 Meter Höhe gezogen wird. Jetzt steh’ ich hier und weiß nur eins: Da muss ich runter.

Eine Freundin hatte mir gesagt, ich solle versuchen, mich an meine Gedanken während des Sprungs zu erinnern. Alles, was jetzt durch mein Gehirn spukt, sind die sanften Worte von Marc, dem Besitzer der Sprunganlage, der mir mit leiser Stimme erklärt, wie der Sprung ablaufen soll. Er hat mir nicht die ganze Wahrheit gesagt, die hätte heißen müssen: „Wir fahren da jetzt rauf, und wenn du oben bist, kriegst du richtig Schiss, weil es wirklich total hoch ist. Dann – wenn deine Panik-Attacke auf dem Höhepunkt ist – schmeiß ich dich da runter und du wirst nicht wissen, ob du schreien oder weinen sollst.“ Stattdessen flüstert Marc mit meditativer Ruhe, ich solle mich festhalten, bis er beginnt, einen Countdown zu zählen und mich bei drei langsam mit dem Oberkörper nach vorn fallen lassen.

„Deine Gedanken während des Sprungs“ höre ich meine Freundin wieder sagen. Nichts! Ich denke absolut nichts. Ich dachte, vielleicht würde ich mein Leben noch einmal an mir vorbeiziehen sehen, wie man es von Leuten hört, die dem Tod ins Auge geblickt haben wollen. Pustekuchen! Ich denke nichts! Nette Aussicht hier oben. Aber für den bezaubernden Blick über Dresden habe ich jetzt eigentlich nicht den richtigen Nerv. Und sonst? Nichts! Doch, jetzt kommt ein Gedanke: Was meinte meine Disy-Chefin wohl, als sie mir mit ernstem Tonfall und ganz aufrichtig viel Glück wünschte? Weiß sie etwas, das ich nicht weiß, aber besser wissen sollte? Würde sie einen Mitarbeiter für eine gute Geschichte opfern? Also, jetzt macht sich wirklich Panik in mir breit.

Aber für Panik bleibt keine Zeit mehr! Marc zählt mit: „...eins, zwei, drei!“ Erstaunlich eigentlich, wie sehr man bereit ist, sich auf die Technik und das Wort eines Fremden zu verlassen: Ich löse meine Hände vom Geländer der Plattform und lasse mich nach vorn fallen. Ich stürze, spüre den Wind im Gesicht, fühle, wie das Adrenalin durch meine Adern schießt. Ich habe aufgehört zu atmen, merke stattdessen, wie sich ein eigenartiges Gefühl in der Magengegend breit macht – wie ein starkes Kitzeln, nicht angenehm, aber auch nicht unangenehm. Ich rase im freien Fall mit über 50 km/h auf ein großes Kissen zu, als sich auch schon das Seil spannt und meinen Fall sanft abfängt. Erleichterung! Das Seil hat gehalten, ich kann endlich wieder Luftholen.

Die Leute, die unten um den Kran herumstehen, jubeln jedem Lebensmüden zu, der sich von der Plattform stürzt. Auch mir. Ein dickes Grinsen macht sich auf meinem Gesicht breit – teils wegen der Leute, teils wegen der Erleichterung, vor allem aber wegen der jetzt sehr hohen Dosis Glückshormone in meinem Körper. Ich baumle wild an dem Seil herum, es verdreht sich in alle Richtungen, schnippst mich noch ein paar Mal in die Höhe – aber das fühlt sich jetzt angenehm an. Die Angst ist weg, es ist schön, sich einfach so hängen zu lassen – frei von allen Sorgen und Gedanken.

(Norbert Scholz, Disy Men 2005)