Nostalgie auf Erfolgskurs

Michael Lohnherr über die Sächsische Dampfschiffahrt

Die Sächsische Damfpschiffahrt ist ein florierendes Unternehmen mit Zukunftsperspektiven. Die Gesellschaft mit der ältesten Raddampferflotte der Welt konnte auch im letzten Jahr wieder viele Erfolge verbuchen. Disy sprach mit Michael Lohnherr, Geschäftsführer der Sächsischen Dampfschiffahrt, über die Entwicklung des Unternehmens.

Seit Sie die Leitung der Sächsischen Dampfschiffahrt übernommen haben, ist das Unternehmen auf Erfolgskurs. Auch im letzten Jahr erzielten Sie wieder Rekorde. Welche?

Im Jahr 2005 stieg der Umsatz von 7,2 auf ca. 8,4 Mio. Euro, das heißt, auf einen neuen Rekord. Die Zahl der Passagiere konnte im vergangenen Jahr von 633.000 (2004) auf 711.000 gesteigert werden, ebenfalls ein neuer Höchstwert.

Als Sie das Ruder übernahmen, schrieb das Unternehmen noch Verluste ...

Als ich 1996 in die Firma kam, belief sich der Verlust aus dem operativen Geschäft auf 1,9 Mio. Euro. Innerhalb von zwei Jahren konnte dieses Ergebnis in einen Gewinn von 0,3 Mio. Euro umgewandelt werden. Im Jahr 2001 wurde dann ein Gewinn von ca. 0,7 Mio. Euro erzielt. Nach Verlusten im Flutjahr von 0,7 Mio. Euro und im darauf folgenden Jahr der Niedrigwasserstände mit einem Verlust von 0,5 Mio. Euro wurde im Jahr 2004 wieder ein „normales“ Ergebnis mit einem Gewinn von 0,5 Millionen Euro erzielt. Im Jahr 2005 wird aller Voraussicht nach ein neuer Rekordgewinn von ca. 0,8 Mio. Euro ausgewiesen werden. Die Geschäftsführung ist zuversichtlich, auch in den kommenden Jahren – vorbehaltlich von Beeinträchtigungen durch extreme Hoch- oder Niedrigwasserstände – gute Ergebnisse erzielen zu können.

Wie sieht es mit der Rentabilität aus?

In den Jahren 2001, 2004 und 2005 ist es der Sächsischen Dampfschiffahrt gelungen, die beste Umsatzrentabilität in ihrer Branche im Kreis der vergleichbaren, größeren Schifffahrtsunternehmen in Deutschland zu erzielen.

Was ist das Geheimnis dieses Erfolges?

Eindeutig die Einsatzbereitschaft und Kompetenz der 88 Mitarbeiter. Alle Stellen können aus internem Nachwuchs besetzt werden, denn wir bilden fünf Azubis aus. Seit über zehn Jahren ist nicht ein einziges Mal ein Schiff nicht abgefahren, weil ein Mitglied der Mannschaft gefehlt hätte.

Wie schaffen Sie das, trotz schwankendem und saisonbedingtem Arbeitskräftebedarf?

Wir arbeiten mit einem Arbeitszeitkonto: Von April bis Oktober eines jeden Jahres fallen für die Mitarbeiter in hohem Maße Überstunden an. Viele Mitarbeiter auf den Schiffen arbeiten in dieser Zeit an bis zu 28 Tagen im Monat, täglich zwischen acht und 14 Stunden. Die entstehenden Überstundenzuschläge werden ausbezahlt. Die Stunden und Tage selbst werden auf ein Arbeitszeitkonto gutgeschrieben. Wir haben einen Haustarif mit ver.di.

Heißt das, im Winter können sich Ihre Mitarbeiter erholen?

In den Monaten November bis März, in denen keine Fahrten oder nur ein eingeschränkter Fahrplan stattfinden, wird diese Zeit dann abgefeiert und ein  wesentlicher Teil des Urlaubs genommen. Diese Ganzjahresverträge bieten den Mitarbeitern erhebliche Arbeitsplatzsicherheit, außerdem vermeidet die Firma somit Fluktuation.

Das klingt sehr lukrativ für die Mitarbeiter.

Stimmt. Wenn am Jahresende oder zu jedem anderen beliebigen Zeitpunkt erkennbar ist, dass das Arbeitszeitguthaben eines Mitarbeiters extrem hoch ist, kann er jederzeit auch gerne die Auszahlung eines Teils dieses Guthabens wünschen.

Haben Sie beim Umgang mit den Banken ein genauso gutes Händchen wie im Umgang mit den Mitarbeitern?

Der wichtigste Punkt im Umgang mit Banken ist zum einen absolute Ehrlichkeit und frühzeitige Weitergabe der absehbaren künftigen Entwicklung der Firma, zum zweiten, dies ist Voraussetzung für erstens, ein zeitnahes Berichtswesen: Die Geschäftsleitung sollte immer genau wissen, wo sie vom Ergebnis her steht und wie für einen überschaubaren Zeitraum von sechs bis zwölf Monaten die künftige Entwicklung aussieht.

Was bedeutet das für Sie und Ihr Unternehmen konkret?

Die Geschäftsführung der Dampfschiffahrt gibt – obwohl ich hierum nie gebeten wurde – den beiden Kreditinstituten, mit denen wir zusammenarbeiteten, jeweils zehn Tage nach Monatsende eine aktuelle Gewinn- und Verlustrechnung, kumuliert bis zum jeweiligen Monat. Ich brauche diese Zahlen für mich selbst, damit ich weiß, wo ich stehe – im Vergleich zum Vorjahreszeitpunkt. Außerdem wird jeweils zum 30. Juni eines jeden Jahres eine Planung für das kommende Jahr erstellt. Auch diese erhalten unaufgefordert die beiden Banken.

Wie sieht es denn mit Bankverbindlichkeiten bei Ihnen aus?

Bis zum Flutjahr 2002 war die Sächsische Dampfschiffahrt eine Firma ohne nennenswerte Bankverbindlichkeiten. Alle 13 Schiffe, die Grundstücke, die über 20 Anleger, die Gebäude waren völlig lastenfrei. Es gab keine kurz-, mittel- oder langfristigen Bankkredite. In den beiden Jahren 2002 und 2003 bei Flut-, Niedrigwasser hatte die Sächsische Dampfschiffahrt dann keinerlei Probleme, die benötigten Mittel zur Abdeckung der entstandenen Verluste ohne die Stellung von Sicherheiten von den Banken zu erhalten: Die Tilgung ist inzwischen vorzeitig erfolgt. Im Oktober 2005 war die Sächsische Dampfschiffahrt wieder völlig bankschuldenfrei.

Was die wenigsten wissen, ist, dass die Sächsische Dampfschiffahrt der Conti-Reederei München gehört. Was sollten wir über die Reederei wissen?

Die Conti-Reederei in München ist letztlich eine Art „Geldsammelstelle“ für steuergünstige Kapitalanlagen. Conti hat inzwischen etwa 95 Projekte realisiert, eines davon, und zwar eines der ganz kleinen, ist die Sächsische Dampfschiffahrt  mit einem Gründungskapital von damals 36 Mio. DM im Jahr 1992. Die Ergebnisse sämtlicher Projekte der Conti waren vorzüglich. Zu 90 % handelt es sich um Hochseeschiffe, darunter die weltweit größten Containerschiffe für bis zu 8.000 Container.

Lief die Neugründung mit Conti damals reibungslos?

Der Erfolg der Reederei führte dazu, dass auch 1992 bei der Neugründung der Sächsischen Dampfschiffahrt aus den Resten der damaligen Weißen Flotte in Liquidation innerhalb kürzester Zeit ca. 350 Gesellschafter für die Zeichnung der benötigten 36 Mio. DM gewonnen werden konnten.

Warum hat kein regionales Unternehmen die Sächsische Dampfschiffahrt gegründet?

Es gab sonst keinen einzigen Interessenten, der in der Lage gewesen wäre, einen solchen Betrag auf den Tisch zu legen und damit die Restaurierung von damals acht historischen Raddampfern  für 26 Mio. DM und den Neubau von zwei großen Salonschiffen für zweimal 7 Mio. DM zu finanzieren.

Welcher Faktor stellt Ihrer Meinung nach heute die Weichen für den Erfolg des Unternehmens?

Der Erfolg einer Schifffahrtsgesellschaft hängt natürlich ganz entscheidend davon ab, ob es gelingt, den Fahrplan so zu gestalten, dass er für die Passagiere attraktiv ist und dass damit viele Passagiere gewonnen werden können. Wir unterscheiden bei der Sächsischen Dampfschiffahrt zwischen unserem Linienfahrplan, zwischen Sonderfahrten und Charterfahrten.

Was ist dabei das Hauptgeschäft?

Die Auslastung der Linienfahrten, die etwa 65 % des Gesamtumsatzes ausmachen, trägt entscheidend zum Ergebnis der Dampfschiffahrt bei.

Der Linienfahrplan gilt vom 01. April bis zum 31. Oktober. Er umfasst Rundfahrten wie die Schlösserrundfahrt, die Rundfahrt „Weltkulturerbe Elbtal“, Linienfahrten von Dresden Richtung Meißen bis zum Weinanbaugebiet Diesbar-Seußlitz, dann flussaufwärts von Dresden über Pirna bis Dein und Rundfahrten in der Sächsischen Schweiz.

Wir hatten im letzten Jahr einen unserer Disy-Stammtische bei einer Dixielandfahrt auf der „Diesbar“. Die Menschen standen Schlange, um auf den Dampfer zu kommen.   

Ja, die Sonderfahrten sind sehr beliebt. Wir haben in den letzten Jahren das Angebot an Sonderfahrten ausgedehnt.

Es gibt Jazz- und Dixielandfahrten, Sommernachtsfahrten, Dixieland-Frühschoppen, Dampferparade, Operettenfahrt, Silvesterfahrt, Brunchfahrt, Zuckertütenfahrt etc. Dabei steht die Unterhaltung an Bord im  Mittelpunkt.

Welche Rolle spielen die Fahrten fürs Geschäft?

In diesem Bereich sind die Zuwachsraten in den vergangenen Jahren am stärksten. Die Paraden am 1. Mai und Ende August sind immer Monate vorher ausgebucht. Dies würde auch gelten, wenn wir hier den doppelten Fahrpreis ansetzen würden, wir verzichten aber hierauf, weil wir nicht das Image einer Firma bekommen möchten, von der man sagt „die nehmen, was sie kriegen können“.

Also rentieren sich die Paraden mit „kleinen Preisen“ gut?

Die Paradefahrten ebenso wie die komplette Vercharterung unserer Gesamtflotte an das Dixieland-Festival e.V. (immer Mitte Mai zur Dixieland-Riverboat-Shuffle) sind, trotz 100 % frühzeitiger Ausbuchung, kaufmännisch gar kein Grund zu jubeln: Wir müssen natürlich an solchen Tagen auf unser Linienfahrt-Angebot verzichten, welches uns deutlich höhere Umsätze bringen würde.

Die Paraden sind aber gut fürs Image, oder?

Richtig. Der Imagewert derartiger Fahrten von Dresden bis hinter Pillnitz und zurück nach Dresden meist mit anschließendem Feuerwerk ist nicht hoch genug einzuschätzen: Sowohl in Zeitungen und Zeitschriften wie aber auch im Hörfunk und im Fernsehen wird regelmäßig und ausführlich über solche Fahrten berichtet. Die Werbewirkung, die wir dadurch für unsere Firma erzielen, ist daher unbezahlbar.

Wie hoch ist der Anteil Ihres dritten Standbeines, der Charterfahrten?

Die machen ca. 15 % unseres Umsatzes aus. In den beiden letzten Jahren hatten wir hier sehr hohe, zweistellige Zuwachsraten. Es wird für viele Firmen immer interessanter und lohnender, zu besonderen Anlässen ein ganzes Schiff zu chartern. Dies gilt insbesondere dann, wenn auswärtige Gäste eingeladen werden: Das Flair einer solchen Fahrt in der reizvollen Elblandschaft bleibt gerade auswärtigen Gästen unvergesslich.

In den Monaten November bis März eines jeden Jahres haben wir, da die Auslastung dann extrem gering ist, ein besonderes Angebot geschaffen, nämlich „ein ganzes Schiff zum halben Preis“: Charterfahrten werden dann zu 50 % des Normalpreises angeboten.

Was ist für den Privat-Passagier eine gute Möglichkeit zu sparen?

Ein ebenfalls günstiges Angebot ist die „Dampfschiff-Card plus“, die wir seit 1997 im Programm haben. Man zahlt für die personengebundene Karte, die zwölf Monate gültig ist, einmalig 10,00 €. Damit kann man dann, dies gilt allerdings nicht samstags, ein Jahr lang alle Linienfahrten zum halben Preis nutzen und bei jeder Fahrt ein Essen zum halben Preis bestellen.

Wie viele solcher Cards verkaufen Sie?

Ein solches Angebot ist einzigartig in der Branche in ganz Deutschland. Es wird hiervon natürlich zunehmend Gebrauch gemacht, im Jahr 2005 konnten ca. 5.000 Dampfschiff-Cards verkauft werden.

Apropos Essen. Das ist nicht Ihr Part, richtig?

Die Sächsische Dampfschiffahrt hat sich von Anfang an entschlossen, die Gastronomie an Bord durch eine externe Firma durchführen zu lassen, also nicht in eigener Regie zu organisieren. Wir glauben, etwas von Schifffahrt zu verstehen, nicht aber unbedingt von Gastronomie.

Sie haben da den Partner gewechselt. Warum?

Da wir wegen geringen Erträgen und einer hohen Beschwerdenquote mit den zunächst im Jahr 1993 verpflichteten Cateringpartner unzufrieden waren, haben wir uns 1997 von dieser Firma getrennt und ab 1998  „die flotte Schiffsgastronomie GmbH“, eine 100 %ige Hilton-Tochter, ins Boot geholt. Es gab zwei erfreuliche Konsequenzen: Die Beschwerdequote sank rapide, die Erträge für unsere Firma aus der Gastronomie haben sich vervielfacht.

Wenn wir gerade bei Beschwerden sind. Die gibt es bei Ihnen sicher gar nicht.

Wir haben  jedes Jahr – bei über 700.000 Fahrgästen – ca. 40 Beschwerden, die hälftig die Gastronomie und den Schifffahrtsbereich betreffen. Jede Beschwerde wird innerhalb von 2 bis 3 Tagen geklärt.  Wir sind dort lieber im Zweifel etwas zu nobel.

Worauf sind Sie besonders stolz?

Unsere Vorbuchungszahlen. Wir machen seit Jahren etwa 50 % unseres Gesamtumsatzes durch Vorbuchungen, also durch angemeldete Passagiere auf Linienfahrten, auf Sonderfahrten sowie durch Charterfahrten. Der Branchendurchschnitt liegt hier bei ca. 25 %. Die Vorbuchungen haben für uns den Vorteil, dass diese Passagiere auch kommen, wenn unfreundliches Wetter herrscht. Wir können uns also auf diesen Umsatz auch bei schlechtem Wetter verlassen. Dies macht uns nicht wetterunabhängig, aber weniger wetterabhängig.

Wie schaffen Sie die hohen Zahlen?

Wir haben einen eigenen Außendienst eingerichtet, der sich in einem Radius von ca. 80 km um Dresden um Reisebüros, Hotels, Reiseveranstalter, um das Auslegen von Programmen und Angeboten in Restaurants und Biergärten kümmert. Die Maßnahme hat sich  ausgezahlt, ebenso die drei Mailings pro Jahr, bei denen wir jeweils ca. 4.000 Briefe an Reisebüros, Veranstalter, Hotels, Vereine und größere Firmen senden.

Wie sehen Sie die Zukunft der Firma?

Die Zeit spielt sicherlich für uns. Dresden und seine Umgebung ist ein Standort, dessen Attraktivität sich zunehmend herumspricht. Wir können uns daher nicht nur auf die ca. 40 % unserer einheimischen Passagiere verlassen, sondern auch darauf, dass die Zahl der auswärtigen Besucher in Dresden und damit auch auf unseren Schiffen langfristig deutlich steigen wird. Hierzu tragen natürlich auch Dinge wie die Fertigstellung der Frauenkirche, das neue Congress-Centrum und die Schaffung neuer Hotelkapazitäten in Dresden bei.  Außerdem ist Nostalgie in zunehmendem Maße ein Sympathieträger. Ein besseres Produkt als die älteste und größte historische Raddampferflotte der Welt ist in meiner Branche damit schwer vorstellbar. Auch dies trägt zu meinem Optimismus bei.

Ihr Fazit?

Wir haben zum einen eine erstklassige Mitarbeitertruppe, zum zweiten eine kerngesunde Finanzierung in aller Regel ohne jede Bankschulden, zum dritten ein hervorragendes und weltweit einzigartiges Produkt – wenn diese drei Dinge stimmen, ist der wirtschaftliche Erfolg eigentlich vorprogrammiert. Die aktuelle Entwicklung bestätigt dies: Wir haben nunmehr zu Beginn des Jahres 2006 sowohl im Charterbereich wie auch im Linienbereich einen zweistelligen prozentualen Zuwachs an unseren Vorbuchungen!

Das Interview führte Anja K. Fließbach

(Disy Men Sommr 2006)