• Dezember 07, 2021
  • 3180 Aufrufe

Ihr Firmenimperium habe ich mir viel pompöser und luxuriöser vorgestellt …

Stern: Nichts ist gefährlicher als Eifersucht und Neid.

Das klingt, als hätten Sie negative Erfahrungen gemacht?

Stern: Nein, meine Lebenserfahrungen sind sehr gut. Bestimmt liegt aber gerade das an meiner Art. Ich nehme sehr wenig am sozialen Leben teil, gehe nicht zu Veranstaltungen und Events. Ich schlafe, esse und arbeite. Das reicht mir.

Sie gelten als der reichste Mann Brasiliens. Sind wenigstens in Ihrem Anwesen die Wände aus Gold und die Diener wedeln mit Palmenblättern?

Stern: Nein, ich lebe mit meiner Frau sehr bescheiden in einem Appartement. Das gehört mir zwar, ist aber ganz klein. Wir sind zwei Personen, wir brauchen nicht viel. Ich glaube nicht an teuren Luxus und an Angeberei. 

Und als Auto fahren Sie einen VW …

Stern: Einen VW Golf, ja. Aus demselben Prinzip. Neid …

Wenn Ihnen Luxus nichts bedeudet, was ist wichtig für Sie im Leben?

Stern: Ich bin über 80 Jahre alt und hatte viel Zeit, die Menschen, das Leben und mich selbst kennenzulernen. Wie Sie wissen, bin ich Jude und floh damals vor den Nazis nach Südamerika. Ich lernte Bescheidenheit und eine gewisse Demut vor dem Leben. Im Gegensatz zu vielen anderen habe ich eine Chance bekommen und hatte ein erfolgreiches und zum Glück arbeitsreiches Leben. Ich habe nie vergessen, dafür dankbar zu sein.

Als Sie 1939 nach Brasilien kamen, waren Sie arm.

Stern: Als ich mit 17 Jahren hier ankam, hatte ich genau zehn Mark. Also brauchte ich schnell Arbeit. Ich begann als Stenotypist bei einer Steine- und Schmuckfirma. Das brachte mich auf meine Geschäftsidee. Ich fuhr ins Landesinnere zu den Schürfern der Steine und nahm, was sie fanden, in Kommission. Mit Zug und Pferd zog ich durch Brasilien zu Juwelieren und Schmuckfabrikanten, um die Steine zu verkaufen.

Das klingt wie ein Klischee aus dem Wilden Westen.

Stern: Genauso war es. Bis ich 1949 mein erstes Geschäft in Rio eröffnete, direkt an der Ankunftshalle für Touristen im Hafen. Und nun, fast 60 Jahre später, haben wir 160 Geschäfte und 45 Verkaufspunkte in 19 Ländern.

Was war das berühmte Geheimnis des Erfolges und was können junge Leute von Ihnen lernen?

Stern: Ich war immer fest entschlossen, mir mein Leben zu verdienen. Das Unternehmen hat sich organisch entwickelt, was immer am besten ist. Ich habe hart gearbeitet und stets die Möglichkeiten gesehen, die sich geboten haben. Ich habe alle Menschen ethisch behandelt, egal ob sie Schürfer, Lieferanten oder Kunden waren.

Was Sie sagen, lässt viel auf Ihr Werteverständnis schließen. Was sind Ihre Werte?

Stern: Die Familie, Fleiß und Seriosität. Ich habe drei Söhne und sieben Enkel. Darüber freue ich mich jeden Tag.

Ihre Söhne arbeiten zum Teil mit in Ihrem Imperium. Wenn Familienmitglieder zusammenarbeiten, kann es manchmal Streit geben. Wie funktioniert das bei Ihnen?

Stern: Nun, es war eine Umstellung. Früher habe ich anders gearbeitet, alleine entschieden. Nun bin ich Board of Directions, mein Sohn Roberto ist für den kreativen Bereich und die Entwicklung der Marke zuständig, mein Sohn Ronaldo ist in Nordamerika CEO und neben anderen Direktoren auch Mitglied im Board of Directions. 

Mit mehr as 3000 Mitarbeitern kann man bei H. Stern dennoch kaum mehr von einem Familienbetrieb sprechen, oder?

Stern: Nun, das Unternehmen trägt den Namen meiner Familie. Doch ab einer bestimmten Größenordnung muss man die Verantwortung auf viele Schultern verteilen. Richard Barczinski ist Präsident bei H. Stern und Victor Natenzin Executiv Vice-President.

Fällt es schwer, bei einem wachsenden Unternehmen, das man einst als Alleinkämpfer aufgebaut hat, Verantwortung abzugeben?

Stern: Das ist bei Ihnen doch auch gerade der Fall, oder? 

Richtig. Aber wie war das bei Ihnen und wie ist es jetzt? Sie sind mit 84 Jahren immer noch täglich im Büro.

Stern: Mit einer neuen Generation hat man die Möglichkeit, weiter zu wachsen. Wenn man wachsen will, muss man zwangsläufig vertrauen, Man muss aber auch einplanen, dass dieses Vertrauen auch hin und wieder missbraucht wird oder Vertrauen auch mal nicht gerechtfertigt war.

Haben Sie das erfahren müssen?

Stern: Leider ja – mit ehemaligen Angestellten.

Man hört und liest immer nur von Ihrer rasanten Karriere und es scheint, als ging es bei Stern immer nur bergauf. Mussten Sie auch manchmal Läden schließen oder Krisensitzungen einberufen?

Stern: Wir sind ein internationales Unternehmen auf dem Markt mit hochkarätigen Mitbewerbern und bekommen die Auswirkungen der Entwicklung der Weltwirtschaft wie alle anderen regelmäßig zu spüren. Dann muss man sich neu orientieren, neue Wege gehen. Wir zum Beispiel orientieren uns nicht nur an der oberen Schicht der Millionäre und Milliardäre, sondern sind vor einiger Zeit schon mehr in die Breite gegangen, in die obere Mittelschicht und Mittelschicht. 

Könnte es sein, dass die Millionäre und Milliardäre heute lieber auf Luxus verzichten …

Stern: Sehr gut! Aber das stimmt schon. Viele leben so wie ich eher bescheiden. In der oberen Mittelschicht, wo repräsentieren sehr wichtig ist, sitzt das Geld noch lockerer. 

Was ist mit den Hollywood-Stars, die Ihren Schmuck regelmäßig bei Veranstaltungen wie der Oscarverleihung tragen?

Stern: Die bekommen den Schmuck von uns kostenlos zur Verfügung gestellt und tragen ihn für uns als PR.

Bezahlen Sie Stars wie Angelina Jolie und Liv Tyler dafür, dass sie Ihren Schmuck tragen?

Dazu sage ich nichts.

Stern: Aber sagen Sie etwas dazu, dass ich gehört habe, dass Sie schon Shops schließen mussten? Natürlich reguliert der Markt oder unsere Strategie die Standortwahl. Da kann es auch vorkommen, dass man den einen oder anderen Shop schließt. Es gibt gut laufende und weniger ertragsstarke Standorte.

Wo läuft`s für Stern richtig gut?

Stern: Sehr lukrative Standorte sind Paris, Deutschland, Mexiko und Lissabon.

Gibt es auch Läden, die nichts bringen und die Sie nur aus Imagegründen behalten? 

Stern: Sie kennen sich gut aus. Das ist zum Beispiel im Departement in Paris so und im Harrod´s in London. Den größten Teil, 80 Prozent des Umsatzes, machen wir mit Brasilianern. Wir haben hier einen sehr hohen Bekanntheitsgrad.

In Deutschland sind Sie in Ihrer Zielgruppe noch nicht überall bekannt. Ist Deutschland ein Stiefkind?

Stern: Ich habe ein gutes Gefühl für Deutschland. Wir sollten alle immer versuchen, aus der Vergangenheit zu lernen. Heute sollten alle Deutschen mit Freude sagen: „Wir Deutschen.“

Wie oft besuchen Sie Ihre alte Heimat?

Stern: Einmal im Jahr fliege ich nach Frankfurt, Hamburg, Essen oder München.

Waren Sie auch schon in Dresden?

Stern: Natürlich. Es war auf einer Reise von Berlin nach Prag. Das Zentrum und die Frauenkirche haben mir sehr gut gefallen.

Was machen Sie in Ihrer Freizeit noch außer reisen?

Stern: Arbeiten! Der größte Teil meines Lebens besteht aus Arbeit. Auch jetzt im Alter. Es macht mir Spaß und tut mir gut. Außerdem habe ich ein kleines Boot und sammle Briefmarken, nicht nach Wert, sondern nach der Schönheit der Marken. Ich spiele Schach, Orgel und lese Bücher.

Welche Wünsche haben Sie?

Stern: Dass ich geistig und physisch bis zum Ende fit bleibe.

Das ist für Hans Stern in Erfüllung gegangen. Es war uns eine Freude, einen so „großen Menschen“ kennenlernen zu dürfen!                                 

 Das Interview führte Anja K. Fließbach