Gesundheitssysteme im Vergleich

Das Gesundheitssystem in Deutschland ist sehr strukturiert und gilt weltweit als Idealbild. Wie jedoch andere Länder mit dem heiklen Thema Gesundheit umgehen und welche Unterschiede und Parallelen es zu Deutschland gibt, zeigt Disy in einer neuen Serie.

 

Teil 1: Großbritannien

 

Der ehemalige britische Premierminister Tony Blair arbeitete zu Ende seiner Amtszeit an einem großen Projekt: Dem Abbau der Wartelisten. Während früher die Patienten teilweise jahrelang auf eine Operation warten mussten, wurde unter Blair festgesetzt, dass alle Eingriffe innerhalb von sechs Monaten nach Diagnosestellung erfolgen müssen. Kann dies nicht gewährleistet werden, darf sich der Patient auf Kosten des Staates in einer Privatklinik oder sogar im Ausland behandeln lassen. Das scheint an sich eine gute Sache zu sein, jedoch entscheidet in Großbritannien der öffentliche Gesundheitsdienst, kurz NHS, sondern die Regionalparlamente. So gelten unterschiedliche Regelungen in Schottland, Wales, Nordirland und England, teilweise sogar in den Ländern selbst, denn die Kommunen haben ein gesondertes Entscheidungsrecht über die Verteilung von vorhandenen Mitteln.

 

Das National Institute for Health and Clinical Excellence (NICE) hat es sich zur Aufgabe gemacht, diesen Missstand zu beheben und alle Regeln nationsweit zur vereinheitlichen. Ein weiterer Punkt im britischen System ist die Apothekenzulassung. Zwar darf jederzeit eine neue Apotheke eröffnen, aber um verschreibungspflichtige Medikamente aushändigen zu dürfen, bedarf es, wie in Deutschland auch, einer Lizenz vom Gesundheitsdienst. Diese Lizenz wird jedoch nur bewilligt, wenn die Apotheke in einem Neubaugebiet oder einer Einkaufspassage gebaut wird oder besonders lange Öffnungszeiten hat. Durch diesen Passus kommt es zur urbanen Häufung von Apotheken, wohin gegen die ländlichen Gebiete immer schwächer besetzt sind.

 

Um dem entgegen zu wirken, wurden die sogenannten Community Pharmacies ins Leben gerufen, Gemeindeapotheken. Da seit 1990 keine festen Preise für nicht verschreibungspflichtige Medikamente mehr gelten, hat sich der Konkurrenzkampf zwischen den Apotheken enorm verstärkt. Etwa 57 % der Apotheken arbeiten inzwischen unter Kettennamen. Zwar führt der Wettbewerb zu einer Verbesserung der Dienstleistung, doch für das deutsche Gesundheitssystem wäre diese Variante trotzdem undenkbar. "Die Begrenzung des Marktzugangs ist ein Bruch im Wettbewerbskonzept und wäre mit deutschem Recht nicht vereinbar.", so Birgitt Bender von Bündnis 90/Die Grünen im Jahr 2007. 

 

Im Gegensatz zum deutschen Gesundheitssystem ist die NHS staatlich und zentralistisch. Wo der Wettbewerb zwischen den Apotheken zur Gewinnoptimierung führt, findet er zwischen Kliniken und Ärzten überhaupt nicht statt und verursacht dadurch viele Probleme. Auf der anderen Seite stehen positiv das verpflichtende Hausarztprinzip und die zentrale Verwaltungsstelle, die vielen Bürgern als erste und direkte Anlaufsstelle dient. So wird der Hilfe suchende weniger von Pontius zu Pilatus geschickt, da alles an einem Punkt zusammen läuft. Welche Nachteile dieses Prinzip seinerseits nach sich zieht, zeigt die deutliche Mangelverwaltung im britischen System. Die linke Hand weiß kaum was die rechte Hand macht und Vorgänge ziehen sich künstlich in die Länge.