Depressionen - Jeder Fünfte ist betroffen

Das Thema Depressionen ist nicht neu. Neu ist: Immer mehr Menschen stehen dazu, die Krankheit wird nicht mehr verschwiegen.

 

„Der muss in die Klappse“, hieß es früher abwertend. „Solche bösartigen Herabsetzungen von Menschen machen mich wütend, zum Glück hört man sie heute immer seltener“, so Diplom-Psychologin Karin Hänel aus Dresden-Striesen. Es gibt immer mehr Dresdner, die unter Depressionen leiden. Menschen, die durch die schwere wirtschaftliche Lage in Schwierigkeiten kommen. Patienten, die einen neuen Sinn im Leben brauchen. Das „Sächsische Bündnis gegen Depressionen“ ist ein neues Netzwerk, mit dem sich Ärzte, Therapeuten und Kliniken verbinden, um gegen die „versteckte Krankheit“ anzukämpfen. Außerdem gibt es  Selbsthilfegruppen und gute  Therapeuten. Keiner wird mehr allein gelassen.

 

Es wird Herbst - die Tage werden kürzer, die Sonne versteckt sich. Regen. Eine trostlose Zeit, in der anfällige Menschen besonders leiden. Doch nicht immer ist es nur ein Stimmungstief. Oft steckt mehr dahinter. Das Verlangen nach Ruhe und Zeit zum Nachdenken, nach Alleinsein, die Suche nach dem Sinn des Lebens und dem eigenen Ich, wer hat dies nicht schon einmal verspürt? Sind diese Empfindungen in der kalten Jahreszeit normal? Ab wann spricht man von Depressionen

Dresdner Gastronom will helfen

Giuseppe Gagliardi (54), Vater einer bekannten italienischen Gastronomiefamilie in Dresden, lebt seit 1990 in der Elbestadt. Seine Mutter starb an den Auswirkungen von Depressionen. Sie war eine sehr aktive Frau, die sich für die in Familienbesitz befindliche Firma zur Herstellung von Olivenöl aufopferte. Sie war aber auch liebevoll und gleichzeitig der Mittelpunkt der Familie, gab Giuseppe und den drei jüngeren Brüdern stets Geborgenheit und Wärme.

 

Als ihre Söhne nacheinander nach Deutschland gingen, um sich eine eigene Existenz aufzubauen, wurde sie von Traurigkeit, Einsamkeit und Hilflosigkeit eingeholt. Ein Zustand, der über Monate und Jahre andauerte. Giuseppes Vater ließ nichts unversucht, um seiner Frau zu helfen. Viele Ärzte wurden konsultiert, jedoch verschlechterte sich ihr Zustand. Sie empfand keine Freude mehr, interessierte sich für nichts, verlor ihr Selbstwertgefühl.

 

Die Einnahme von Medikamenten lehnte sie strikt ab. Der Besuch beim Heilpraktiker verschaffte ihr nur kurzzeitig Besserung und erwies sich als zu spät. Giuseppe Gagliardis Mutter starb im Mai 1985 plötzlich und unerwartet an einem Hirnschlag. Ein besonders schmerzlicher Verlust für Giuseppe. Seit dem Tod seiner Mutter leidet auch er an Depressionen.

 

Depressionen zählt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) international zu den häufigsten und am meisten unterschätzten Erkrankungen. Menschen aus allen Kulturkreisen, Nationen, Bildungs- und Gesellschaftsschichten können erkranken. Frauen sind etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer. Laut Statistik haben in den letzten fünf Jahren die Fehltage aufgrund von Depressionen, Angstzuständen oder Stress um über fünfzig Prozent zugenommen.

 

„Depression ist der Arbeitsunfall der Postmoderne“,  erklärt Hans-Peter Unger, Psychiatrie- und Psychotherapie-Experte. Er beobachtete, dass die Zahl der Unfälle und Verletzungen auch in Industriebetrieben deutlich zurückgegangen ist. Stattdessen wachse in den letzten zehn Jahren das Risiko einer psychischen Störung, besonders im jüngeren Alter zwischen 25 und 45 Jahren und bei Angestellten.

 

Depression ist eine ernst zu nehmende Erkrankung, die nicht nur für den Betroffenen eine enorme Belastung ist, sondern auch sein soziales Umfeld vor eine Situation stellt, die viel Geduld und Sensibilität erfordert. Ein Gespräch unter Betroffenen selbst kann hilfreich sein, um Erfahrungen über Umgang und Bewältigung der Krankheit auszutauschen.

 

Nach bereits mehrjähriger Krankheit, ausgelöst durch den Tod seiner Mutter, nimmt Giuseppe Gagliardi das zum Anlass und plant die Gründung einer Selbsthilfegruppe in Dresden, für Betroffene von Depressionen. Sein Ziel ist es, in der Gemeinschaft zu helfen, Verständnis sowie einen Ort für Gespräche zu bieten. Er möchte Menschen davon überzeugen, dass das Leben auch in schwierigen Zeiten sehr wertvoll ist. Der Austausch mit anderen Betroffenen ist ein wichtiger Schritt, um Schicksale und Erlebnisse zu überwinden.  Außerdem soll mit Ärzten, Therapeuten und Heilpraktikern zusammengearbeitet werden.

Frieden mit der Kindheit machen

Diplom-Psychologe Volker Räder gibt Antworten.

 

Was ist eine Depression?

Unter Depression versteht man kurz gesagt „gedrückte Stimmung“, verbunden mit Antriebslosigkeit, Selbstzweifeln und fehlendem Interesse am Leben.

 

Wie schlimm kann das werden?

Die schwerste Form der Depression: Die Patienten fühlen sich wie versteinert, leer, ausgebrannt. Es wird endlos gegrübelt, der Schlaf gerät aus dem Rhythmus. Sie sind suizidgefährdet.

 

Treten Depressionen im Herbst und im Winter auf?

Bei einem hohen Prozentsatz ist fehlendes Tageslicht mit ein Auslöser. Deshalb macht es Sinn, in der dunklen Jahreszeit hin und wieder ins Solarium zu gehen oder Tageslichtlampen zu verwenden. Auch körperliche Aktivität ist ein  Muss.

 

Wer ist gefährdet?

Anfällig für Depressionen sind Menschen, die in ihrer Kindheit schwere Unglücksfälle erlebt haben und dabei nicht von einer geborgenen Familiensituation gehalten wurden. Leute mit schwachem Selbstwertgefühl und Menschen, die nicht gelernt haben, ihre Lebenssituation aktiv zu beeinflussen. Aktuelle äußere Lebensumstände wie Jet-Lag und Schichtarbeit stellen ebenso Risikofaktoren dar, allerdings wird nicht jeder davon zwingend depressiv.

 

Sind Depressionen auch genetisch bedingt?

Ein Kind von schwer depressiven Eltern wird mit einiger Wahrscheinlichkeit auch daran erkranken. Für die leichteren Formen der Depression ist der genetische Faktor nicht hoch. Hier sind die Kommunikationsmuster entscheidend, in die ein Kind hineinwächst – ob man in der Familie Konflikte offen und fair austrägt, ob man traurig sein darf oder nicht.

 

Sind Frauen häufiger betroffen?

Im Alter zwischen 15 und 35 Jahren erkranken Frauen doppelt so häufig an einer Depression wie Männer.

 

Stimmt es, dass jeder fünfte Dresdner an Depressionen leidet?

Bis zu 20 % aller Dresdner erleben mindestens einmal in ihrem Leben eine leichte bis mittelschwere Depression. Schwere Depressionen treten bei ca. 4 % der Bevölkerung auf. Erklärt wird dies mit dem zunehmenden Aufenthalt in beheizten Räumen ohne Sonnenlicht und mit zunehmendem Schlafmangel. Auch wachsende Ohnmachtsgefühle in unserer hochtechnisierten, durchorganisierten Gesellschaft werden als Auslöser diskutiert.

 

Wie verläuft eine Therapie?

Viele Ärzte betrachten die Depression als eine Erkrankung, verschreiben Medikamente. Psychotherapeuten legen ihren Schwerpunkt auf die seelischen Wurzeln und arbeiten am Erleben und Verhalten. Heute wird meist psychotherapeutisch gearbeitet bei Begleitung mit Antidepressiva.

 

Was passiert bei der Psychotherapie?

Es gibt die Möglichkeit, unverarbeitete Kindheitskonflikte durchzuarbeiten und damit Frieden zu machen, oder man kann den Schwerpunkt auf die eigenen negativen Denkmuster legen und diese durch eine realistischere Sicht auf sich und die Welt ersetzen.

 

Welche Unterstützung können Familienangehörige geben?

Für die Familienangehörigen ist es in dieser Situation wichtig, sich angemessen abzugrenzen und nicht in das „Helfersyndrom“ zu verfallen. Die Depression muss als Krankheit betrachtet werden, aber als eine, die man nur aktiv überwinden kann. Die Inanspruchnahme professioneller Hilfe ist dabei unbedingte Voraussetzung. Mitleid und übertriebene Rücksichtnahme sind bei Depressiven nicht angebracht.

 

Sind Selbsthilfegruppen vorteilhaft?

Wie bei allen psychischen Störungen können Selbsthilfegruppen eine große Unterstützung für PatientInnen und Angehörige sein. Niemand kann sich besser in eine Depression einfühlen als jemand, der sie selbst durchgemacht hat.

 

(Disy Herbst 2005)