Wenn Bewegung keine Freude macht

Bei Gelenkverschleiß mit individueller Arthrosetherapie wieder in Schwung kommen 

 

Etwa 15 Millionen Deutsche leiden an einer Arthrose und nicht wenige Patienten sind aufgrund der Schmerzen in ihrer Lebensqualität massiv eingeschränkt. Die moderne Arthrosetherapie bietet heute deutlich mehr Möglichkeiten als Spritzen und Schmerzmittel. Disy sprach mit Dr. Hans Gollwitzer und Dr. Erich Rembeck vom Arthrosekompetenzzentrums ECOM München. 

 

Dr. Hans Gollwitzer, warum ist eine individuelle Arthrosetherapie so wichtig?
PD Dr. Gollwitzer
: Der Arthroseprozess unterliegt einer Vielzahl von Einflüssen, die bei jedem Patienten sehr unterschiedlich ausgeprägt sind. Die Arthrose ist vor allem eins: individuell. So sehen wir manchmal schmerzarme Patienten mit einem massiven Gelenkverschleiß. Andererseits gibt es Patienten mit einer eher geringen Gelenkschädigung, die nur noch wenige Schritte gehen können. Schließlich sehen wir junge und auch ältere Arthrosepatienten mit hohen sportlichen und funktionellen Ansprüchen. Für eine optimale Therapie müssen wir also die individuellen Symptome, Arthroseursachen, Ansprüche und Erwartungshaltungen in die Therapieempfehlung mit einbeziehen und auch wichtige Präventionsmöglichkeiten nicht außer Acht lassen. 

 

Es wird häufig von einem sogenannten Arthrosenetzwerk gesprochen. Inwiefern ist das wichtig?
Dr. Rembeck:
Neben den angesprochenen systemischen Einflussfaktoren von Hormonstatus und Lebensstil sind lokalisierte Gelenkprozesse und mechanische Faktoren für die Arthroseentwicklung von Bedeutung. Insofern müssen neben der Ernährungsberatung und der orthopädischen Behandlung auch Rehabilitationszentren, Trainingstherapeuten und Orthopädietechniker als wichtige Bausteine in den individuellen Therapieplan mit einbezogen werden. Diese reibungslose interdisziplinäre Zusammenarbeit stellen wir mit unserem Arthrose-Kompetenzzentrum sicher. 

 

Ist das erhoffte Wundermittel gegen Arthrose schon in Sicht?
PD Dr. Gollwitzer:
Leider nein. Allerdings haben wir heute deutlich mehr Möglichkeiten als Kortisonspritzen und Schmerzmittel. Gerade die individuell angepasste Kombination der einzelnen Bausteine kann eine langfristig erfolgreiche Therapie ermöglichen. Zu den wichtigsten Bausteinen gehören nach wie vor Gelenkinjektionen, die heute jedoch häufig Knorpelnährstoffe, Wachstumsfaktoren und Eigenblut beinhalten, um die Knorpelregeneration zu fördern. Entzündungshemmende Medikamente haben vor allem in akuten Schmerzsituationen ihren Stellenwert. Moderne und individuelle physiotherapeutische Therapieverfahren, Ganganalyse, maßangefertigte orthopädietechnische Versorgungen sowie eine angepasste Trainingstherapie bringen die Patienten wieder in Bewegung. 

 

»Wir haben heute ein breites Spektrum an Behandlungsmöglichkeiten für Knorpelschäden an allen großen Gelenken. Neben einer Knorpelregeneration aus körpereigenen Stammzellen ist in manchen Fällen auch eine direkte Knorpelzellanzüchtung zur Transplantation möglich. Für den Erfolg entscheidend ist dabei die gleichzeitige Analyse und Behebung von Fehlstellungen und Instabilitäten.«
Dr. Erich Rembeck 

 

Dr. Rembeck: Hervorzuheben sind weiterhin auch begleitende Therapieverfahren zur Behandlung muskulärer und myofaszialer Probleme um das betroffene Gelenk, welche nicht selten im Vordergrund stehen. Gezielte arthroskopische Operationen können das individuelle Behandlungskonzept ergänzen. 

 

Welche Schäden können arthroskopisch behoben werden?
Dr. Rembeck:
Wir haben heute ein breites Spektrum an Behandlungsmöglichkeiten für Knorpelschäden an allen großen Gelenken. Neben einer Knorpelregeneration aus körpereigenen Stammzellen ist in manchen Fällen auch eine direkte Knorpelzellanzüchtung zur Transplantation möglich. Für den Erfolg entscheidend ist dabei die gleichzeitige Analyse und Behebung von Fehlstellungen und Instabilitäten.

Bedeutet dies, dass man mit einer OP eine Arthrose heilen kann? 

Dr. Rembeck: Eine bereits fortgeschrittene Arthrose kann man leider nicht mehr heilen. Bei rechtzeitiger Intervention können wir jedoch durch die Korrektur von Fehlstellungen, wie einem O-Bein am Kniegelenk, den Arthroseprozess verlangsamen oder sogar stoppen und betroffene schmerzhafte Gelenkabschnitte entlasten.

PD Dr. Gollwitzer: Am Hüftgelenk finden wir ebenfalls in ca. 90 Prozent der Fälle mechanische Fehlstellungen, die für die Arthroseentstehung mit verantwortlich sind. Eine Korrektur dieser knöchernen Anbauten und Instabilitäten kann auch an der Hüfte häufig arthroskopisch oder minimal-invasiv erfolgen. Die rechtzeitige Behebung der Arthroseursache ermöglicht eben auch langfristig gute Ergebnisse mit Erhalt des natürlichen Gelenkes. 

 

Bei fortgeschrittener Gelenkschädigung wird häufig ein Gelenkersatz notwendig. Gibt es diesbezüglich neuere Entwicklungen

PD Dr. Gollwitzer: Im Hinblick auf die Gelenkersatzoperationen sind vor allem in zwei Bereichen wesentliche Fortschritte eingetreten: die Operationstechniken wurden schonender und die individuelle Anatomie des zu ersetzenden Gelenkes wird deutlich mehr beachtet. Durch schonende Operationstechniken wie die AMIS-Technik am Hüftgelenk werden keine Muskeln durchtrennt, wodurch unsere Patienten deutlich schneller wieder auf den Beinen sind und auch langfristig eine exzellente Gelenkfunktion erreichen. Die exakte Beachtung der individuellen Anatomie ermöglicht eine für die Patienten deutlich besser passende Rekonstruktion des Gelenkes. Am Kniegelenk werden dafür zunehmend sogar Knieprothesen maßgeschneidert hergestellt bzw. Teilprothesen individuell angefertigt, welche nur die betroffenen Gelenkoberflächen ersetzen.

Dr. med. Erich H. Rembeck 

Der Facharzt für Orthopädie und Sportmedizin absolvierte seine Ausbildung an der Ludwigs-Maximilians- Universität in München und in den USA. Mit seiner langjährigen Erfahrung im Bereich Kniechirurgie und Sporttraumatologie konnte er als Mannschaftsarzt vieler Spitzenteams und Leistungssportler sein Können unter Beweis stellen. Unter Prof. Keyl am Klinikum Bogenhausen machte er seine Facharztausbildung ehe er in einer großen Münchner Praxis für Orthopädie und Sportmedizin tätig war. Zusammen mit Christa Kinshofer ist er einer der Initiatoren der Skiklinik.

Dr. med. Hans Gollwitzer 

Dr. Gollwitzer ist Spezialist für den Hüft- und Kniegelenksersatz, den Endoprothesenwechsel an Hüfte und Knie sowie das gesamte Spektrum modernen gelenkerhaltenden Hüftchirurgie. Sein Medizinstudium und die anschließende Facharztausbildung absolvierte er in München und an der Unfallklinik Murnau. Nach einem Aufenthalt in den USA wurde er Oberarzt an der Klinik für Orthopädie und Sportorthopädie am Klinikum rechts der Isar der TU München. 2008 wurde er zum Privatdozent der TU München ernannt. Seit 2012 ist er leitender Arzt für Hüftchirurgie und Knieendoprothetik an der ATOS Klinik München.