Strahlentherapie und Lebensqualität

Wie lässt sich die Lebensqualität eines Krebspatienten messen? Kein leichtes Vorhaben. Die Schwierigkeit liegt darin, das sie stets subjektiv wahrgenommen wird und sehr individuell ist. Vor allem in der Strahlen- und Chemotherapie ist es ein komplexes Unterfangen. Lesen sie in unserem Interview, was Prof. Dr. med. Dirk Vordermark, Direktor der Klinik für Strahlentherapie am Universitätsklinik Halle (Saale) dazu meint. 

 

Was steckt dahinter? 

Dr. med. Dirk Vordermark: Die Lebensqualität von Tumorpatienten wird durch die schweren Erkrankungen und ihre Symptome, aber auch durch die Nebenwirkungen und Spätfolgen der Behandlung oft schwer beeinträchtigt. Bis in die 1990er Jahre war die Weiterentwicklung der Krebstherapien, sowohl der Operation als auch der Strahlentherapie und der Chemotherapie, vor allem auf die Bekämpfung des Tumors und weniger auf die Belastungen der Patienten gerichtet. Heute würde man sagen: Wenn eine Therapie den Tumor verkleinert, es dem Patienten aber schlechter geht, ist nicht viel gewonnen. Die sogenannte „gesundheitsbezogene Lebensqualität“ ist ein ganzheitliches Konzept und umfasst die körperliche, psychische und soziale Funktion in Zusammenhang mit einer Erkrankung und ihrer Behandlung. 


Kann man Lebensqualität denn überhaupt messen? 

Dr. med. Dirk Vordermark: Lebensqualität ist immer subjektiv. Ein Patient in der Endphase einer Krebserkrankung kann eine gute Lebensqualität wahrnehmen. Ein von Krebs geheilter Patient kann starke Belastungen empfinden. Ein Arzt beurteilt die Lebensqualität seines Patienten oft falsch. Die Lebensqualität wird messbar, wenn sie mit standardisierten Messinstrumenten, z. B. den Fragebögen der europäischen EORTC (European Organization for Research and Treatment of Cancer) Quality of Life Group erfasst wird. Damit wird die Selbsteinschätzung der Lebensqualität durch den Patienten in einen Zahlenwert übertragen. Man spricht auch von „Objektivierung des Subjektiven“. Hierfür wird eine Palette differenzierter Fragebögen eingesetzt, die speziell auf die Problembereiche einzelner Krebserkrankungen, z. B. Brustkrebs, Prostatakrebs oder Hirntumore, ausgerichtet sind.

 

 Welche Rolle spielt die Lebensqualität in der Strahlentherapie? 

Dr. med. Dirk Vordermark: Die moderne Strahlentherapie wird sowohl zur Heilung von Tumorerkrankungen („kurative Therapie“) als auch zur Linderung von Beschwerden bei nicht mehr heilbaren  Tumorerkrankungen („palliative Therapie“) eingesetzt. In beiden Ansätzen ist die Lebensqualität sehr wichtig. Beim Ziel der Heilung werden oft stärkere Nebenwirkungen mit Einschränkungen in der Lebensqualität in Kauf genommen. Hier ist es wichtig, dass bei den geheilten Patienten im Langzeitverlauf keine beeinträchtigenden Spätfolgen auftreten. Bei den nicht mehr heilbaren Patienten soll die Strahlentherapie helfen, die Lebensqualität zu stabilisieren oder sogar zu verbessern. Beides kann man untersuchen, indem man die Patienten mit geeigneten Fragebögen vor, während und nach der Tumorbehandlung befragt. 


Was gibt es Neues auf dem Gebiet der Lebensqualitätsforschung? 

Dr. med. Dirk Vordermark: In zahlreichen Studien wurde systematisch untersucht, welchen Einfluss moderne Verfahren der Krebstherapie auf die Lebensqualität und die Symptombelastung der Patienten haben. In der Strahlentherapie ermöglicht der technische Fortschritt heute eine sehr gute Schonung der gesunden Gewebe. Wir haben gelernt, welche Therapiekonzepte und welche Strahlendosis zu einer möglichst guten Lebensqualität und Funktion führen, z. B. bezüglich des Wasserlassens bei Prostatakrebs, der Schließmuskelfunktion bei Darmkrebs, der Sprech- und Schluckfunktion bei Tumoren im Halsbereich. Dies sind teilweise heikle Themen, die im normalen Arztgespräch nicht immer umfassend verdeutlicht werden, aber durch die von Patienten ausgefüllten Fragebögen klar beschrieben werden. 

 

Spielt die Lebensqualität heute schon eine Rolle in der normalen Versorgung von Krebspatienten? 

Dr. med. Dirk Vordermark: Der Einsatz der Lebensqualitätsfragebögen nicht nur in Forschungsprojekten, sondern in der Routineversorgung, ist ein starker Trend. Wenn ein Patient vor dem Arztgespräch einen Fragebogen ausfüllt und der Arzt die Informationen direkt erhält, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die dringendsten Probleme des Patienten auch wirklich besprochen werden. Neuerdings werden elektronische Medien (Handy, Tablet-PC) genutzt, um den Patienten die Eingabe ihrer Lebensqualitätsdaten mit direkter Weiterleitung an die Behandler – auch von zuhause aus - zu ermöglichen. In 2016 wurde eine sehr stark beachtete Studie aus New York veröffentlicht, die zeigte, dass Krebspatienten in ambulanter Therapie seltener stationär aufgenommen werden müssen, seltener ungeplant in die Notaufnahme gehen müssen und sogar tendenziell länger leben, wenn man bei ihnen regelmäßig mit elektronischen Medien die Lebensqualität abfragt.

 

Welchen Stellenwert hat die Lebensqualität in der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO)? 

Dr. med. Dirk Vordermark: Anlässlich der DEGRO-Jahrestagung 2005 haben wir die Arbeitsgruppe „Lebensqualität und Ethik in der Radioonkologie“ innerhalb unserer Fachgesellschaft gegründet. In diesem Netzwerk aus Experten konnten wir zahlreiche Pilotstudien an unseren Standorten und Multi-Center-Studien mit größeren Patientenzahlen durchführen, z. B. zur Lebensqualität bei der Bestrahlung von Patienten mit Gehirnmetastasen. In einer aktuellen Pilotstudie am Standort Halle hat meine Arbeitsgruppe mit einem neuartigen Fragebogen die Lebensqualität von Patienten über 80 Jahren während und nach einer Strahlentherapie untersucht, einer Zielgruppe, die aufgrund der demographischen Entwicklung immer wichtiger wird. Dabei zeigte sich, dass von Beginn bis Ende der Strahlentherapie alle, auch die altersspezifischen Bereiche der Lebensqualität, durch eine intensive Betreuung der Patienten sehr stabil gehalten werden konnten, sich in den Monaten danach aber teilweise stark verschlechterten (Quelle: Quality of life in very elderly radiotherapy patients: a prospective pilot study using the EORTC QLQ-ELD14 module. Kaufmann A, Schmidt H, Ostheimer C, Ullrich J, Landenberger M, Vordermark D, Supportive Care in Cancer 2015). Wir sehen hier einen Ansatzpunkt für neue Versorgungskonzepte. 

 

Gab es ein Highlight aus diesem Themenbereich auf dem Kongress? 

Dr. med. Dirk Vordermark: Ich möchte die Sitzung „Quality of Life und Supportive Care: vom Wissen zum Handeln“ hervorheben, die ich gemeinsam mit Frau Privatdozentin Höller aus Berlin organisieren durfte. Hier fließen die Erfassung der Lebensqualität und die möglichen Konsequenzen der Behandler zusammen. Viele Symptome der Krebstherapie können durch eine optimale Begleitbehandlung, die sog. Supportive Therapie, vermindert werden, was die Lebensqualität verbessert. In 2016 wird hierzu erstmals eine Leitlinie der Deutschen Krebsgesellschaft veröffentlicht, an der auch einige deutsche Strahlentherapeuten, darunter Frau Privatdozentin Höller und ich, mitgearbeitet haben. Neben der Messung der Lebensqualität in der onkologischen Routineversorgung standen die neuen Empfehlungen dieser Leitlinie im Mittelpunkt.