Chronische Schmerzen durch frühe Therapie verhindern

Schmerzexperten fordern enge Kommunikation zwischen Klinik, Haus- und Fachärzten

 

Chronischer Schmerz ist eine eigenständige Erkrankung. Etwa sechs Millionen Menschen in Deutschland leben mit dauerhaften Schmerzen, die sie in ihrem Alltag und Beruf stark beeinträchtigen. Viele von ihnen durchlaufen eine Odyssee durch das Gesundheitssystem, ohne dass eine gezielte, umfassende Therapie eingeleitet werden kann. Dadurch entstehen auch hohe Kosten im Gesundheitswesen. Welche Patienten ein erhöhtes Risiko tragen, chronische Schmerzen zu entwickeln und wie eine Chronifizierung durch effektives Schmerzmanagement vermieden werden kann, diskutierten Experten anlässlich des Deutschen Schmerzkongresses in Mannheim. 

Schmerz gilt als ein Symptom, das „Gefahr“ signalisiert, beispielweise bei einer Verletzung. Er ist akut, tritt also plötzlich auf und lässt nach oder verschwindet, sobald die Ursache erkannt und behandelt worden ist. Dem gegenüber sind chronische Schmerzen ein eigenes Krankheitsbild mit vielen verschiedenen Ursachen. Weit verbreitet sind beispielsweise chronische Rückenschmerzen. „Bei nur zehn Prozent der Patienten mit Rückschmerzen können wir eine klare körperliche Ursache als Auslöser feststellen“, erklärt Professor Dr. med. Esther Pogatzki-Zahn, Tagungspräsidentin des Deutschen Schmerzkongresses. Ähnlich sei es bei Kopf- und Gelenkschmerzen und auch bei Schmerzen nach Operationen, ergänzt Professor Pogatzki-Zahn, Oberärztin an der Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie, Universitätsklinikum Münster. „Das Problem ist, dass manche Patienten den Schmerz anfangs als begleitendes Übel akzeptieren und dieser dann unzureichend therapiert wird. Bereits das kann die Chronifizierung auslösen“, so die Expertin. Aber nicht nur die „Abwartehaltung“ der Patienten kann ein Grund sein, dass Schmerzen chronisch werden. Chronifizierungsanzeichen bei Akut-Schmerzpatienten werden oftmals nicht erkannt, gibt Professor Pogatzki-Zahn zu bedenken. „Risikopatienten für eine Chronifizierung müssen frühzeitig bei Auftreten bestimmter Risikofaktoren, sogenannten ‚Yellow flags‘, ‚herausgefischt‘ werden. Bei Patienten mit Rückenschmerzen gehören dazu beispielsweise psychische Faktoren wie Depressivität oder berufliche Faktoren wie körperliche Schwerarbeit oder Verlust des Arbeitsplatzes“, so die Expertin. Der Erfolg – also das Vermeiden der Chronifizierung – sei davon abhängig, wie früh eine effektive Therapie eingeleitet wird. Zu einem wirkungsvollen Schmerzmanagement gehört heutzutage weit mehr als eine Medikamentengabe. Durch Physiotherapie, psychologische Beratung und Entspannungstechniken kann ein interprofessionelles Team dem Risikopatienten helfen, eine Chronifizierung der Schmerzen zu verhindern. Für Professor Dr. med. Michael Schäfer, Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft und leitender Oberarzt und Schmerzforscher an der Charité in Berlin, ist das Vermeiden von chronischen Schmerzen eine der großen Herausforderungen der Schmerzmedizin. Damit Schmerzexperten zusammen mit dem Patienten früh eine umfassende Schmerztherapie starten könnten, müssten auf drei Ebenen Änderungen stattfinden, so der Mediziner. „Effektives Schmerzmanagement gelingt nur, wenn zwischen Klinik, Haus- und Fachärzten ein enger Austausch besteht, wenn das Thema Schmerz ein zentrales Thema in der Medizinerausbildung wird und wenn die Weiterbildungsangebote für alle an der Schmerzbehandlung Beteiligten verbessert werden“, so Präsident Schäfer.