Prof. Dr. med. Andreas Birkenfeld über neue Behandlungsmethoden für Erkrankungen des metabolischen Syndroms

Das Studienzentrum der GWT feiert im Oktober sein Jubiläum. Seit 15 Jahren untersuchen die Wissenschaftler mittlerweile Erkrankungen des Metabolischen Syndroms: Fett- sucht, Bluthochdruck, Diabetes und Fettstoffwechselstörungen betreffen heute 12 Millionen Menschen in Deutschland. Unter der Leitung von Professor Andreas Birkenfeld wird die Dresdner Tradition in der Erforschung von Ursachen und Therapiemöglichkeiten fortgesetzt. 

 

 

 

 

 

Die Behandlungsmethoden bei Patienten mit metabolischen System sind von Fall zu Fall unterschiedlich. Wie sieht diese Personalisierung in der Praxis aus?
Prof. Birkenfeld
: Ein junger, relativ fitter Patient verträgt vielleicht ein bestimmtes Medikament besser als ein älterer Patient, der viele Erkrankungen hat und häufig auch zu Unterzuckerung neigt. Die personalisierte Medizin ist eine Entwicklung, die sich aktuell immer deutlicher abzeichnet. Wir bekommen zum Beispiel mehr und mehr verschiede- ne Diabetes-Medikamente mit unterschiedlichen Wirkansätzen; in den letzten fünf bis sechs Jahren sind allein zwei bis drei neue Klassen auf den Markt gekommen. 

 

Was ist dabei die Neuerung?
Prof. Birkenfeld
: Die eine Klasse wirkt über die so genannten Inkretine, das sind Darmhormone, die bei der Nahrungsaufnahme freigesetzt werden, zu einer Insulinausschüttung führen und ein Sättigungsgefühl vermitteln. Die neuen Medikamente stimulieren oder ersetzen diese Hormone und regulieren so über das Insulin den Blutzucker, be- ziehungsweise können sogar zu einer Gewichtsreduzierung durch das vermehrte Sättigungsgefühl führen. Eine weitere Klasse, die erst seit zwei Jahren aktuell ist, bilden die SGLT2-Inhibitoren, die die Ausscheidung des Zuckers mit dem Urin fördern. Im Grunde ist das ein ziemlich einfaches Prinzip: auch hier kommt es zu einer Gewichtsabnahme, weil man Kalorien verliert. Zudem senkt sich der Blutdruck. Ganz aktuell ist eine Studie er- schienen, die eindrücklich aufzeigt, dass ein Vertreter dieser Klasse deutlich besser wirkt als die bisherige Standardtherapie. Die Patienten, die dieses Medikament eingenommen haben hatten viel seltener Kardiovaskuläre Komplikationen. Das zeigt, wie wichtig es ist, neue Medikamente zu entwickeln und einzusetzen.

 


Welche Faktoren sagen Ihnen, welches Medikament für welchen Patienten günstig ist?
Prof. Birkenfeld
: Neben Alter und Konstitution kommt es zum Beispiel auf den Blut- druck des Erkrankten an. Tendenziell werden auch eher Medikamente eingesetzt, die gewichtsreduzierend wirken – die klassischen Diabetes-Medikamente sind für das Körpergewicht eher ungünstig. Insulin selbst oder die so genannten Sulfonylharnstoffe führen zu einer Gewichtszunahme, während die neueren die Gewichtsabnahme begünstigen. Es gibt aber auch neue Insuline, die länger wirksam sind und kaum noch zu einer Gewichtszunahme führen. Auch diese Insuline werden sich in den kommenden Jahren zu beweisen haben und könnten eine neue Stütze in der Diabetes-Therapie werden. 

 

Trotzdem werden die alten Medikamente aber noch eingesetzt?
Prof. Birkenfeld
: Ja, diese Stoffe sind jetzt seit vielen Jahren bekannt und man kennt das Sicherheitsprofil sehr gut. Daher greifen viele Ärzte darauf zurück. Ich sehe es aber als großen Vorteil unseres Zentrums, dass wir im Rahmen von Studien schon frühzeitig mit neuen Ansätzen arbeiten können, um zu sehen, ob die neuen Medikamente ebenso gut oder sogar besser sind als die bekannten Medikamente. Dadurch haben wir die Möglichkeit, diese Medikamente bereits für einige Patienten verfügbar zu machen, auch wenn man sie noch nicht bei seinem Arzt verschrieben bekommt. Wir machen das nur, wenn durch die abgeschlossenen Phase 1 Studien schon eine gewisse Sicherheit gegeben ist. Erstanwendungen und Nebenwirkungen im gesunden Menschen testen wir nicht.

 


Werden Sie etwas an der Ausrichtung des Zentrums verändern? Prof. Birkenfeld: Die allgemeine Ausrichtung bleibt bestehen. Das hat sich über die Jahre unter der Leitung von Prof. Hanefeld hervorragend bewährt und die Schwerpunkte des Metabolisch Vaskulären Syndroms sind auch meine eigenen Forschungsschwerpunkte. Im Detail werden wir die Richtung noch erweitern mit Hinblick auf das kardiovaskuläre System und in Richtung Ernährungsmedizin. So starten wir beispielsweise Studien zur Herzinsuffizienz und planen Studien zu neuen Diätformen zur Prävention und Therapie der Leberverfettung. Ein Faktor, der beim Metabolisch Vaskulären Syndrom zunehmend an Bedeutung gewinnt. 

 

Was können Sie noch zur Leberverfettung sagen? 

Prof. Birkenfeld: Die so genannte Nichtalkoholischen Fettlebererkrankung (NAFLD) beschreibt den Zustand, dass die Leber ebenfalls verfettet, wenn ein Mensch zu schwer wird. Das Fett lagert sich in der Leber ab und stellt nach heutigen Wissensstand eine der Wurzeln für die Insulinresistenz dar, die dann über Jahre hinweg zum Typ II Diabetes führt. Dazu habe ich sehr intensive wissenschaftliche Studien durchgeführt, und wir suchen nach neuen und besseren Therapiemöglichkeiten. 

 

Wie charakterisiert man den Unterschied der beiden Diabetes Typen?
Prof. Birkenfeld
: Der Typ I entsteht in der Regel im Jugendalter. Durch einen immunologischen Prozess werden dabei im Pankreas, also der Bauchspeicheldrüse, die insulinproduzierenden Betazellen zerstört. Durch den daraus resultierenden Insulinmangel kommt es zu hohen Glukosespiegeln im Blut. Beim Typ II besitzt das Insulin nicht mehr dieselbe Wirkung, die Organe werden also resistent. Klassischerweise entsteht diese Erkrankung durch den Lebensstil über einen längeren Zeitraum. Der Insulinspiegel ist dabei dauerhaft hoch, bis die Betazellen diese Leistung nicht mehr bringen und kaputt gehen. An diesem Punkt wird dann der Diabetes klinisch sicht- bar. Alarmierend ist, dass die Insulinresistenz oft schon Jahre vorher besteht, aber nicht bemerkt wird. 

 

Das klingt, als ob man an sehr vielen Stellen ansetzen müsste... 

Prof. Birkenfeld: Eigentlich ist es ganz einfach: Man muss das Problem frühzeitig erkennen und dem entgegenwirken, indem man den Lebensstil umstellt, dann kann man schwere Folgen verhindern. Wenn Menschen zur Untersuchung zu uns kommen, analysieren wir verschiedene Risikofaktoren, wie den Fett- und den Glukosestoffwechsel. Die klassischen Zeichen sind abdominelle Adipositas, hohe Glucose- und/oder Insulinspiegel im gefasteten Zustand, sowie erhöhte Blutfette und Leber- und Nierenwerte. Gerade auch der Langzeitblutzuckerwert hilft uns, die Stoffwechsellage richtig einschätzen zu können. Damit können wir schließlich mit relativ großer Sicherheit das Risikoprofil eines Patienten erfassen und aufzeigen und dem Patienten die richtigen Empfehlungen geben. Will man den Glukosestoffwechsel noch genauer untersuchen, dann führen wir einen sogenannten oralen Glucosetoleranztest (OGTT) durch. Dabei trinkt der Patient innerhalb kurzer Zeit 75 Gramm Glucoselösung. Anschließend wird der Blutzuckerspiegel über zwei Stunden gemessen. Liegt der Zwei-Stunden-Wert unter 7,8 mmol/L (140 mg/ dl) so nimmt man an, dass es noch keine Störung im Glukosestoffwechsel gibt. Bei einem Wert zwischen 7.8 und 11.1 mmol/L (140 und 199mg/dl) spricht man von einem Prädiabetes, oder auch einer eingeschränkten Glukosetoleranz, also einer Vorstufe des Diabetes. Wenn der Wert aber höher als 11,1 mmol/L (200 mg/dL) ausfällt, dann hat der Patient einen Diabetes. Das ist eine sehr gute Methode um fest zustellen, wie es um den Zuckerstoffwechsel bestellt ist. 

 

Führen Sie diesen Test nur im Rahmen der Studien durch oder ist das eine Art Patientenservice? 

Prof. Birkenfeld: Sowohl als auch. Wir suchen ja auch immer wieder Teilnehmer für verschiedenste Studien, zum Beispiel zum Fettstoffwechsel. Es geht bei uns ja nicht ausschließlich um Diabetes, sondern auch um das Cholesterin. Auch in dem Bereich gibt es vielversprechende neue Medikamentenklassen, die, soweit es jetzt erscheint, in absehbarer Zeit in Deutschland auf den Markt kommen und für Fettstoffwechselstörungen sehr große Hoffnungen wecken. Das könnte möglicherweise eine neue Ära der Behandlung werden. 

 

Wie funktionieren diese neuen Medikamente? 

Prof: Birkenfeld: Das Wirkprinzip ist dabei die Hemmung des Enzyms PCSK9 mit einem Antikörper. Darauf ist man gekommen, weil es Patienten gibt, die eine genetische Inaktivierung dieses Enzyms haben. Dabei treten deutlich niedrigere Cholesterinspiegel auf und die Patienten sind besonders gesund. PCSK9 ist involviert in die Regulation des LDL-Rezeptors, der dafür verantwortlich ist, das Cholesterin in die Zellen aufzunehmen. Kann man diese Aufnahme erhöhen, dann gelangt das Cholesterin weniger in die Gefäßwände und man kann die Entstehung der Arteriosklerose hinauszögern oder gar verhindern. Die Erfahrungen, die wir bisher gemacht haben, sind sehr gut. 

 

Und inzwischen kann man das als Medikament auf den Markt bringen?
Prof. Birkenfeld
: Derzeit nehmen wir dazu an sog. Outcome-Studien teil. Dabei will man überprüfen, ob die Patienten auch im Sinne einer längeren Lebenszeit von dem Medikament profitieren. Aktuell kann man ein solches Mittel in der Sprechstunde noch nicht verschreiben, aber als Studienteilnehmer kann man es unter Umständen bekommen. 

 

Kontakt: www.zksonline.de