»Unsere Technologie ist in Deutschland einzigartig!«

Nehmen die Hautkrebsfälle tendentiell zu?

Prof. Wollina: Ja, man rechnet in Deutschland mit etwa 150.000 neuen Fällen pro Jahr, dazu gehören etwa 120.000 Erkrankungen am Weißen Hautkrebs. In der Regel ist der nicht pigmentiert, sondern fällt durch schlecht heilende Wunden, Hautverdickungen, Rötungen oder Knotenbildung auf. Er ist nicht so charakteristisch wie ein Melanom und daher schwieriger zu erkennen.

 

Also gewinnt auch der Weiße Hautkrebs an Bedeutung?

Prof. Wollina: Es ist ein weiterer wichtiger Aspekt, der in diesem Jahr zum Tragen kommt, dass der weiße Hautkrebs in Deutschland jetzt als Berufserkrankung anerkannt wird. Dieser große Fortschritt wurde durch gemeinsame Anstrengungen der Berufsgenossenschaften und der Arbeitsgemeinschaften für dermatologische Prävention und für Dermatoonkologie erreicht. Die Diskussion haben wir jetzt seit zehn Jahren geführt. Wir haben gesehen, dass Menschen, die beruflich überwiegend unter freiem Himmel arbeiten, ein erhöhtes Risiko für allgemeine Lichtschäden, aber auch für den weißen Hautkrebs, haben.

 

Wie kann man sich solche Lichtschäden vorstellen? Sind das Frühformen von Krebs?

Prof. Wollina: Allgemeine Lichtschäden wären Pigmentunterschiede, die Hautalterung, oder bestimmte Faltenbildungen, zum Beispiel im Nacken. Und zu diesen Berufsgruppen gehören Bauarbeiter, Dachdecker oder Gärtner – um nur einige zu nennen. Wir sehen eine zusätzliche Aufgabe darin, zukünftig zu prüfen, ob ein Zusammenhang zur beruflichen Tätigkeit besteht, wenn Hautkrebs auftritt. Aufgrund ihrer Exposition bekommen viele Menschen in diesen Berufsgruppen, zahlreiche Vorläufer für Krebs, so genannte aktinische Keratosen, das sind lichtbedingte Verdickungen der Hornschicht. Wenn bei Männern das Haar dünner wird, ist die empfindliche Kopfhaut beispielsweise besonders gefährdet dafür; es kann aber auch im Bereich des Gesichts, der Hände oder des Dekolletees entstehen. Wenn viele dieser Keratosen in einem bestimmten Hautgebiet auftreten, sprechen wir von einer Feldkanzerisierung. In diesem Zustand der Haut kann das Umkippen dieser Vorläufer in einen echten Hautkrebs jederzeit passieren. Früher haben wir da gar nicht viel tun können, außer zu kontrollieren.

 

Und welche Möglichkeiten haben Sie heute bei frühzeitiger Erkennung?

Prof. Wollina: Heute gibt es für diese Patienten eine Reihe von Optionen, zu verhindern, dass es zum Hautkrebs kommt oder diese Entwicklung hinauszuzögern. Zum Teil sind das medikamentöse Behandlungen, zum Beispiel Salben mit Wirkstoffen, die diese Tumorvorläufer erkennen und spezifisch abtöten. Für fortgeschrittene Formen existiert eine fotodynamische Therapie; das ist ein Verfahren, wo man dem Patientien einen Wirkstoff über eine Creme auf die Haut aufträgt. Diese Substanz reichert sich dann über mehrere Stunden besonders in jenen Zellen an, die einen Lichtschaden aufweisen, auch wenn man ihn mit dem Auge noch nicht erkennt. So findet man auch ganz frühe Vorläufer. Danach erfolgt eine Bestrahlung, in unserem Fall mit einem rotem Licht. Mit einer solchen Behandlung kann man einen Patienten für lange Zeit von solchen Vorläuferzellen befreien und damit das Hautkrebsrisiko drastisch senken.

 

Welche Rolle spielt bei der Heilung das rote Licht?

Prof. Wollina: Das dient der Anregung des Wirkstoffs in der Haut. Dadurch entstehen reaktive Verbindungen, die diese schadhaften Zellen abtöten. Vom Licht kommt auch der Name fotodynamische Therapie.

 

Sind solche Methoden mittlerweile Standard in der Behandlung?

Prof. Wollina: Diese Therapie wird noch nicht flächendeckend eingesetzt. Große Zentren verfügen darüber, außerdem einige wenige spezialisierte Arztpraxen. Für die verschiedenen eingesetzten Substanzen gibt es auch unterschiedliche Bestrahlungsgeräte. Bei uns gibt es die Kombination von Substanz und Gerät, die sich in klinischen Studien als am Wirksamsten erwiesen hat. Man experimentiert mit dieser Therapie jetzt seit 20 oder 25 Jahren, und es hat eine Weile gedauert, bis die entsprechenden Wirkstoffe gefunden wurden, die sich besonders selektiv in solchen Vorläufertumorzellen anreichern und andererseits durch diese Beleuchtung oder Bestrahlung in die Lage versetzt werden können, diese Zellen auch abzutöten. Man nennt diese Stoffe Fotosensibilisatoren. Solche Substanzen, die wir heute verwenden, sind zum Beispiel Levolin oder Porphyrin – was auch als körpereigener Stoff existiert. Man hat aus dem Grund versucht, auch andere Krankheiten – zum Beispiel Akne – damit zu behandeln. Bakterien, die in den Akne-Entzündungen leben, bilden so genannte endogene Porphyrine; diese lassen sich mit der Methode auch sichtbar machen. Trotzdem konnte man bisher daraus keine innovative Akne-Therapie entwickeln.

 

Welche Krankheitsbilder behandeln Sie hier außerdem?

Prof. Wollina: Wir haben natürlich die klassischen Erkrankungen der Haut wie Schuppenflechte oder Neurodermitits. Es gibt auch einen großen Anteil von Patienten, die zur Behandlung offener Beine zu uns kommen, das sind dann gefäßbedingte Erkrankungen der Haut. Die Ursache ist am häufigsten das Krampfaderbein, aber es gibt auch Ursachen nach Trombosen, durch Verkalkung von Arterien oder durch die Zuckerkrankheit. Wir behandeln diese Patienten konservativ mit Kompressionsstrümpfen, Bandagen und Wundbehandlung. Wenn ein Geschwür über drei Jahre nicht abheilt, gibt es außer dem Problem des Schmerzes und anderer Entzündungen auch das Risiko, dass dort Krebs entsteht.

 

Woran liegt das?

Prof. Wollina: Eine Ursache für Hautkrebs sind chronische Entzündungszustände. Eine chronische Entzündung bedeutet, dass der Körper ständig versucht, eine Wundheilung zu erreichen; damit bildet er mehr Zellen als er normalerweise braucht. Dieses Mehr an Zellen muss der Körper jedoch kontrollieren, weil sonst Fehler in den neu gebildeten Zellen auftreten können. Diese Kontrolle ist bei chronischen Entzündungen aber reduziert, sodass es zum Entstehen von Mutationen kommen kann, die dann durch Profaktoren zu einem echten Tumorwachstum führen können. Wir führen da meistens eine operative Sanierung durch, das heißt eine Entfernung des kranken Gewebes und eine Hauttransplantation. Im Krankenhaus denken wir auch viel über Problemkeime nach und diese sind häufig auf chronischen Wunden zu finden. Einer von ihnen heißt Pseudomonas, gegen den haben wir kein Antibiotikum. Dort hilft nur, dass man die Wunde chirurgisch komplett reinigt. Es gibt nicht viele Indikationen für das Skalpell bei Infektionen, aber das ist eine.

 

War das früher anders?

Prof. Wollina: Wir haben gerade eine deutschlandweite Studie abgeschlossen, an der sich unser Krankenhaus auch beteiligt hat, wo es um multiresistente Keime bei chronischen Beingeschwüren ging. Diese Studie haben wir vor einigen Jahren schon einmal gemacht. Wir können sagen, dass in Sachsen, zumindest in Dresden, der Anteil multiresistenter Keime deutlich niedriger ist als der Bundesdurchschnitt. Das liegt vielleicht auch an der besseren Sanierung der Geschwüre. Nicht immer gelingt es, dass ein Bein komplett geschlossen bleibt, aber durch die Operation beseitigt man negative Keime, die die Wundheilung behindern, man macht aus einer chronischen Wunde eine akute Wunde, die viel besser heilt.

 

Sind die Differenzen in der Sanierung für den regionalen Unterschied verantwortlich?

Prof. Wollina: Woher der regionale Unterschied kommt, wissen wir noch nicht hundertprozentig. Man erkennt Unterschiede sowohl zwischen Nord und Süd, als auch zwischen Ost und West. Diese könnten zum einen dadurch bedingt sein, dass es schon in der natürlichen Umgebung verschiedene Keimbelastungen gibt. Dann muss man sich auch fragen, wo primär die Versorgung erfolgt – gibt es also eine Schwerpunktpraxis, die sich auf offene Beine spezialisiert hat, oder wird das neben anderen Erkrankungen mit gemacht. Wichtig ist auch, wer die Versorgung durchführt: Macht der Patient oder seine Angehörigen die Wundbehandlung selbst oder ist das ein Pflegedienst, der das übernimmt? Die Arztdichte auf der gesamten Fläche ist sehr heterogen. Und die Frage, wie man behandelt, ob man zum Beispiel desinfiziert oder den Verband steril wechselt, ist sehr entscheidend. Die Theorie und die Praxis unterscheiden sich da oft … Außerdem existieren auch Differenzen im Umgang mit der Grunderkrankung: Nicht alle Patienten bekommen zusätzlich eine Krampfaderbehandlung oder haben die Möglichkeit, sich operieren zu lassen. Wie gesagt, wird durch die Operation das Keimspektrum komplett geändert, was man durch Antibiotika nie erreicht. Selbst wenn Keime auf der Wunde sind, die auf das Medikament ansprechen, ist, so lange die Wunde offen ist, nicht mit einem Verschwinden der Keime zu rechnen. Dort, wo mehr offene Beine operiert werden, wird man immer weniger Probleme mit resistenten Keimen haben. Dort, wo eher konservativ mit Wickeln und Wundbehandlung therapiert wird, hat man ständig einen Bakterienrasen auf den Wunden, wo sich auch multiresistente Keime ausbilden können. Je häufiger man Antibiotika einsetzt, desto mehr Resistenzen entwickeln sich dann natürlich. Ein großes Problem dabei ist die industrielle Landwirtschaft. Die Menschen bekommen multiresitente Keime, ohne dass sie es wissen!

 

Was sind denn die Ursachen für solche offenen Beine, hängt das mit dem Alter oder dem Stoffwechsel zusammen?

Prof. Wollina: Das Alter macht das Auftreten häufiger, aber es ist keine direkte Ursache. Es tritt dann eher öfter auf, weil mit dem Alter viele Krankheiten zusammenkommen. Als junger Mensch kann man vielleicht die Krampfadern haben, aber hat noch keinen Diabetes, der später die Abwehrkräfte der Haut und auch die Durchblutung beeinträchtigt. Außerdem wird über lange Zeit bei solchen Patienten auch das Gefühl dafür schlechter, ob sich zum Beispiel eine Druckstelle an der Haut entwickelt. Man rechnet in Deutschland mit einigen Millionen Patienten, die offene Beine haben. Krampfadern als häufigsten Voraussetzung für solche Geschwüre bekommen ungefähr 15 Prozent der Bevölkerung. Offene Beine kriegen dann etwa ein Prozent der Menschen – das ist schon sehr viel!

 

Kann man also sagen, dass die Erkrankung lebensstilbedingt ist?

Prof. Wollina: Über die letzten 15 bis 20 Jahre hatte ich sehr viel Kontakt mit Kollegen aus Indien, dort ist das offene Bein nahezu kein Thema, außer vielleicht bei Leprapatienten. Man kann schon sagen, dass unser westlicher Lebensstil einen Einfluss hat: Wir bewegen uns relativ wenig, sitzen viel und neigen zum Übergewicht. Das sind keine guten Voraussetzungen. Zusätzlich gibt es eine gewisse familiäre Vorbelastung für Krampfadern, die man natürlich nicht ausräumen kann.

 

Liegen dort auch Ihre aktuellen Forschungsprojekte?

Prof. Wollina: Wir interessieren uns hier vor allem für Methoden, die Haut zu analysieren, ohne sie zu beschädigen, also optische Methoden zur Untersuchung der Haut. Derzeit sind wir in einem Projekt, wo wir die Möglichkeiten ausloten, was Licht – Dioden und LEDs – bei der Untersuchung ausrichten kann. Dazu arbeiten wir mit Partnern zusammen, zum Beispiel der Charité und der Gesellschaft für Umwelttechnologie (GMBU) in Jena, die sich vor allem mit Sensoren beschäftigt, oder dem Verbrennungszentrum in Hamburg. Die Haut ist insofern ein sehr Interessantes Objekt, als dass wir verschiedene Dinge optisch messen können: die Durchblutung, den Rötungsgrad bei Verbrennungen, Pigmentveränderungen, ebenso wie bestimmte Stoffwechselvorgänge. Das liegt daran, dass sich die Lichtqualität verändert, wenn wir Licht in die Haut einstrahlen. Dabei wird die Wellenlänge durch Absorption oder Streuung variiert, was mit dem Stoffwechsel korreliert. Dadurch können wir über das rein Beschreibende hinaus auch Hinweise bekommen, was eigentlich gerade im Gewebe passiert. In den vergangenen Jahren haben wir beispielsweise Wunden mit der berührungsfreien Spektroskopie untersucht, das ist eine sehr wichtige Sache. Außerdem haben wir Fluoreszenzmessungen gemacht, zum Beispiel auch, um den Weißen Hautkrebs besser diagnostizieren zu können. Dabei haben wir bestimmte Stoffwechselwege untersucht, die sich bei Vorläufern auf gesunder Haut und bei echtem Krebs unterscheiden. Bisher gibt es kein gutes Verfahren außer eine Gewebeuntersuchung, weißen Hautkrebs zu erkennen.

 

Konnten Sie dabei schon vielversprechende Ergebnisse verzeichnen?

Prof. Wollina: Wir konnten tatsächlich bestimmte Unterschiede bei verschiedenen Gewebetypen feststellen und haben anschließend die Methode so weiterentwickelt, dass wir diese Spektroskopie mit der Fluoreszenz kombiniert haben. Dazu gibt es auch schon eine erste Geräteentwicklung. Aber diese Methode ist im Moment noch nicht so weit, dass wir in den nächsten Jahren schon auf die Gewebeprobe verzichten können.