Qualität in der Medizin statt Dr. Google?

Prof. Dr. Jan Schulze, Präsident der Sächsischen Landesärztekammer, über die Notwendigkeit die Zukunft der Medizin

 

Immer mehr Patienten suchen sich Rat bei Dr. Google und schenken dem Internet oder ihrer Freundin mehr vertrauen als langjährig ausgebildeten Ärzten. Die Medizin arbeitet aber gerade daran, die Qualität beispielsweise durch das Bilden von Netzwerken wieder transparenter zu machen.

Der Marktwert von Gesundheitsdaten steigt. Internet-Giganten kaufen, entwickeln und vermarkten in absehbarer Zeit Geräte und webbasierte Plattformen für Patienten. Dabei geht es nicht um Schrittzähler oder die Uhr am Handgelenk, die Puls, Blutdruck und andere Dinge anzeigt. Sondern es wird zum Beispiel Kontaktlinsen geben, die bei Diabetikern den Blutzucker messen, die Daten auf die Linse spielen und zugleich an den behandelnden Arzt oder zu Facebook an 1.000 Freunde weiterleiten.

 


Patienten wie Ärzte werden durch die entstehenden Datenflüsse und durch soziale Netzwerke ganz neue Partner in einem ungeschützten Raum. Und keiner weiß dann wirklich, wer die Daten alles nutzt: Ob Krankenkassen, Pharmafirmen, Arbeitgeber oder die Hersteller von Fitnessprodukten zur Einblendung von Werbung. Fakt ist: Die Menschen werden weiterhin bereitwillig ganz persönliche Daten ins Internet stellen und den verlockenden Angeboten folgen. Wir als Ärzte müssen uns darauf einstellen, dass immer mehr Patienten mit vorgefertigten Meinungen und Behandlungsplänen aus dem Internet zu uns kommen. Dabei zählt dann die Empfehlung einer sogenannten Freundin mehr als der Rat eines Arztes. "Social Way" nennt man das heutzutage.

 

 

Ärzte am neuen Qualitätsinstitut beteiligen

Qualität in der Medizin ist das tägliche Brot von Ärzten in Praxis und Klinik. Viele Maßnahmen zur Qualitätsverbesserung wurden allein in den letzten zehn Jahren entwickelt. Qualitätssiegel, Qualitätsmanagement, IQUIK, G-BA und Fehlervermeidungssysteme sind die Schlagworte. Das neue Institut zur Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen soll voraussichtlich im Jahr 2016 mit der Arbeit beginnen und dabei die bisherigen Aufgaben des AQUA-Instituts als Institution nach § 137a übernehmen. Zusätzlich soll das Institut insbesondere die Aufgabe erhalten, auf der Grundlage geeigneter Sozialdaten bei den Krankenkassen die Qualität in ausgewählten Leistungsbereichen der ambulanten und stationären Versorgung darzustellen und so die Qualitätssicherung in diesen Bereichen der Versorgung weiterzuentwickeln. Das Institut hat die Chance, das Ziel einer Qualitätsorientierung der Arbeit in den Krankenhäusern leichter zu erreichen und davon wegzukommen, dass man sich ausschließlich an Preisen orientiert.

 

Priorisierung

Steigende Beitragssätze, eine Zwei-Klassen- Medizin, Vorenthaltung von Leistungen aus Kostengründen durch die Krankenkassen, Einschränkung der Therapiefreiheit, Ökonomisierung der Medizin - das alles sind Entwicklungen, weshalb sich die Ärzteschaft mit den Fragen der zukünftigen Versorgung auseinandersetzen muss. Denn es reicht nicht, nur von der Politik Lösungen zu fordern. Es ist auch wichtig, eigene Vorschläge zu entwickeln. Dazu wurde eine AG Priorisierung bei der Bundesärztekammer gebildet. Erfahrungen aus anderen Ländern, so zum Beispiel Schweden und Norwegen, zeigen, dass eine Implementierung eines transparenten, gesellschaftlich konsentierten Verfahrens der Leistungsbereitstellung im Gesundheitssystem unabhängig von der jeweiligen "Kassenlage" des Sozialsystems sinnvoll ist.

Die Frage, nach welchen fünf allgemeinen Werten bzw. Grundprinzipien die Gesundheitsversorgung in Deutschland gestaltet werden soll, beantworteten 98 Prozent mit "Objektiver medizinischer Bedarf", 97 Prozent mit "Solidaritätsprinzip" und 96 Prozent mit "Dringlichkeit". 94 Prozent haben geantwortet, dass sich die Deutsche Ärzteschaft weiterhin dem Thema Priorisierung widmen soll. 77 Prozent wünschen sich dazu Informations- und Fortbildungsveranstaltungen. Für 87 Prozent sollte Priorisierung der Festlegung von Versorgungszielen dienen und für 86 Prozent könnte Priorisierung zur Streichung obsoleter Methoden beitragen.

Ich bin nach der Befragung der Überzeugung, dass der eingeschlagene Weg des innerärztlichen Austausches sehr wichtig ist. Wir brauchen den Austausch mit der Basis. Parallel müssen wir den Austausch auch mit anderen Gesundheitsberufen, Vertretern von Krankenkassen und Patientenverbänden suchen. Mit dem Rückhalt der ärztlichen Basis und der anderen Akteure des Gesundheitssystems wird sich die Politik dem Thema "Priorisierung im Gesundheitswesen" nicht verschließen können. Nicht nochmal soll es passieren, dass eine Bundesgesundheitsministerin bzw. ein Bundesgesundheitsminister die ärztlichen Forderungen als "menschenverachtend" beschimpft.

 

Sprachprüfung für ausländische Ärzte in Deutschland

Vor allem Ärzte sichern neben Qualitätsinstituten, Leitlinien oder Peer-Review-Verfahren die Qualität der medizinischen Versorgung. Fachliche Kompetenz wie auch eine hohe Kommunikationskompetenz sind wichtige Voraussetzungen dafür. Zu dieser Kompetenz gehört unbestritten auch die Sprache. In Sachsen wie auch in anderen Bundesländern arbeiten immer mehr ausländische Ärzte. Doch trotz des geforderten B2-Sprachniveaus ist deren die Kommunikation mit Patienten oder Kollegen nicht immer unproblematisch. Dies will die Bundesgesundheitsministerkonferenz demnächst mit einer einheitlichen medizinischen Sprachprüfung ändern.

Aktuell leben in Sachsen 22.733 Ärzte. 573 Ärzte mehr als im letzten Jahr. Darunter befinden sich 1.992 ausländische Ärzte aus 87 Nationen. Rund 16.000 Ärzte sind derzeit in Sachsen ärztlich tätig. Die meisten ausländischen Ärzte stammen aus der Tschechischen Republik (316), der Slowakei (243), aus Polen (208), Rumänien (159), der Russischen Föderation (137), Bulgarien (109), Ungarn (88) und der Ukraine (78). Aus Österreich, mit dem es einen Freundschaftsvertrag mit dem Freistaat Sachsen gibt, kommen 79 Ärzte. Der Anteil der ausländischen Ärzte ist in Bezug auf die Gesamtzahl der berufstätigen Mediziner in Sachsen von 10,5 auf 11,2 Prozent gestiegen. In der Gesamtbevölkerung liegt der Anteil an Ausländern bei rund drei Prozent. An dieser Stelle möchte ich ausdrücklich festhalten: Wir sind sehr froh über die ausländischen Ärzte, die uns hier in Sachsen in Praxis und Klinik unterstützen. Manche Krankenhäuser müssten Stationen schließen, wenn es diese Ärzte nicht gäbe. Das bestätigen mir Kliniken wie Reha-Einrichtungen immer wieder. Und viele ausländische Ärzte beherrschen die deutsche Sprache sehr gut. Sie werden auch sehr gut aufgenommen und die Krankenhäuser unterstützen die neuen Mitarbeiter bei der Integration.

 

Delegation nicht möglich

Mit Blick auf den Ärztemangel wird auch immer wieder eine Lösung in der Delegation von ärztlichen Leistungen gesehen, um Mediziner zu entlasten. Ich bin jedoch der Meinung, dass bei dem Fachkräftemangel in der Pflege das Thema Delegation beziehungsweise Substitution keine Rolle spielt, da die Pflegekräfte schon heute am Limit arbeiten und keine zusätzlichen Aufgaben übernehmen können. Eine Entlastung der Ärzte ist auf diesem Wege meiner Meinung nach also nicht möglich. Daran würde auch eine sogenannte Pflegekammer nichts ändern.

 

Herzinfarktregister

Ich hatte berichtet, dass wir ein Pilotprojekt zur Herzinfarktversorgung in Ostsachsen durchführen. In diesem Zusammenhang haben wir den allen bekannten "Herzbericht" schon einmal vorab für das Jahr 2012 in Sachsen von Dr. Bruckenberger erstellen lassen. Ein erfreuliches Ergebnis dieser Datenanalyse ist, dass die Anzahl der an allen Krankheiten Verstorbenen in Sachsen altersbereinigt um 0,8 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt liegt. Damit gehören wir als einziges der Neuen Bundesländer zu den fünf Bundesländern, die besser als der Durchschnitt sind. Ganz anders ist dies in Bezug auf die an einer koronaren Herzkrankheit Verstorbenen: hier liegt Sachsen 30 Prozent über dem Bundesdurchschnitt, fast gleichauf mit Mecklenburg-Vorpommern und nur übertroffen von Sachsen-Anhalt. Der Kreis Görlitz liegt sogar mit 43 Prozent über dem Bundesdurchschnitt, sodass ein Projekt zur Verbesserung der Versorgung gerade dort dringend notwendig erscheint. In einer ersten Erfassungsphase hat sich allerdings gezeigt, dass die schlechten statistischen Werte nicht aus einer suboptimalen Rettungskette resultieren. Diese ist im Gegenteil sogar ausgesprochen effizient. Wir analysieren jetzt in einem zweiten Schritt die ambulante und die stationäre Morbidität und weitere Einflussdaten.

 

Das ausführliche Interview zur koronare Herzkrankheit mit Prof. Dr. med. Bernhard Schwaab, Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der deutschen Herzstiftung und Kardiologe, lesen Sie hier.