Alltag Allergie

Wie neue Therapieformen helfen

 

Erdnüsse, Laktose, Pollen oder Milben - Allergien und Unverträglichkeiten sind für viele Menschen ein ständiger Begleiter. Auch immer mehr Kinder leiden unter ihnen. Wir sprachen mit dem HNO-Arzt und Experten Dr. Udo Schäfer über die Ursachen, die Folgen und neue Therapien gegen Allergien.

Unter Allergien leiden immer mehr Menschen. Häufig wissen die Patienten gar nicht, gegen was sie allergisch sind oder wollen es nicht wissen. Es würde ja kein Gegenmittel geben, außer Spritzen. Gibt es inzwischen neue Therapieansetze für Betroffene?

Dr. Schäfer: Wir unterscheiden prinzipiell zwischen der symptomatischen Therapie und der ursächlichen Therapie. Die einzige ursächliche Therapie, die gesichert ein Fortschreiten verhindert oder sogar das Ende der allergischen Erkrankung verspricht, ist die spezifische Immuntherapie, also Hyposensibilisierung. Es gibt zwei Formen: Bei der subkutanen Therapie wird der Betroffene über einen längeren Zeitraum, meistens drei Jahre, alle vier bis sechs Wochen geimpft. Die zweite Möglichkeit ist die sublinguale Immuntherapie. Hierbei geben sich die Betroffenen über den selben Zeitraum das Allergen unter die Zunge. Früher waren das meist Tropfen, die genau abgezählt werden mussten. Inzwischen gibt es Schmelztabletten, die die Handhabung für die Patienten wesentlich vereinfachen. Sie müssen sie allerdings täglich nehmen, um eine Wirkung zu erzielen.

 

Ist die sublinguale Therapie genauso effektiv, wie die Behandlung mit Spritzen?

Dr. Schäfer: Lange Zeit gab es nur gesicherte Daten zur subkutanen Behandlung. Alle Studien, die es bis vor kurzem zur sublingualen Therapie gab, hatten die Wirksamkeit nicht zweifelsfrei nachgewiesen. Ende vergangenen Jahres wurde eine neue Leitlinie veröffentlicht, die viele Studien weltweit gesichtet und zusammengefasst hat. Damit haben Ärzte, die die Allergietherapie anbieten, belastbare und vergleichende Ergebnisse. Wir hoffen, dass das die Behandlung insofern erleichtert, das einer größeren Anzahl von Patienten der Zugang zu einer Therapie möglich wird.

 

Ist der Zuspruch denn im Moment gering?

Dr. Schäfer: Viele ahnen nur, dass sie eine Allergie haben, lassen es aber nicht überprüfen. Man lebt lieber mit zwei Monaten Schnupfen im Jahr, als dann nach einem Test von weiteren, vielleicht gefährlicheren Allergien zu wissen. Der überwiegende Teil der Patienten, die von ihrer Allergie wissen, macht keine ursächliche Therapie.

 

Empfinden die Patienten die sublinguale Therapie angenehmer?

Dr. Schäfer: Das ist sehr unterschiedlich. Einige gehen lieber alle paar Wochen zum Arzt und lassen sich eine Spritze geben, als jeden Morgen daran denken zu müssen, das Medikament zu nehmen. Wieder andere bevorzugen die Tablette. Bis vor kurzem waren das zudem wässrige Lösungen, die genau abgezählt werden mussten. So kam es häufiger zum Abbruch der Therapie. Und auch wenn man nur eine kurze Zeit im Jahr Beschwerden hat, das Präparat muss über drei Jahre eingenommen werden.

 

Wie lange gibt es die Tablette schon?

Dr. Schäfer: Erst vor wenigen Jahren haben eine dänisch-deutsche und eine französische Firma eine Gräsertablette entwickelt. Als Tablette hat sich diese Therapieform durchaus bewährt. Im Gegensatz zu den Tropfen müssen die Tabletten nicht im Kühlschrank gelagert werden. Man kann sie überall mit hinnehmen und die Handhabung ist ebenfalls leichter. Gerade weil dies so ein Meilenstein war, steigen immer mehr Hersteller auf die Tabletten um. Einige sind auch schon zugelassen. Nicht nur für Gräser, sondern auch für Milben, Katzenhaare, Baumpollen sind inzwischen Tabletten in der Entwicklung.

 

Sie eröffneten kürzlich ein Allergiezentrum in Dresden. Warum ist so ein Zentrum wichtig?

Dr. Schäfer: Da immer mehr Präparate zur Zulassung anstehen, wird es immer wichtiger, dass Studienzentren gegründet werden. Wir haben in Deutschland sehr strenge Auflagen, was neue Medikamente anbelangt. Um breiter aufgestellt zu sein, gründeten wir das Allergiezentrum Sachsen (AZS). Solche Zentren haben den Vorteil, dass in ihnen Studien zügig und auch mit dem nötigen Erfolg durchgeführt werden können. Teilnehmer profitieren, weil sie Präparate erhalten, die zum Teil erst Jahre später auf den Markt kommen. Eine weitere Aufgabe des AZS sehen wir in der Weitergabe von Erfahrungen an Kollegen und in der Information von Allergiepatienten.

 

Schon kleine Kinder leiden heute häufiger an Allergien. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Dr. Schäfer: Es stimmt, wir beobachten seit einiger Zeit eine Zunahme im Kindesalter. Dementsprechend machen wir auch bei immer mehr kleinen Kindern Allergietests. In der Forschung werden die möglichen Ursachen viel diskutiert. Eine sehr wahrscheinliche liegt in unserer Lebensweise. Nachweislich leiden Kinder aus Dritte-Welt- Ländern seltener an Allergien. Ihr Immunsystem ist häufiger gefordert. Allerdings wird noch sehr viel geforscht.

 

Gibt es denn belastbare Ergebnisse?

Dr. Schäfer: Leider nein und es ist auch schwierig, welche zu bekommen. Wir sind zwar dabei, das Puzzle Stück für Stück zusammen zu setzen, die vollständige Aufklärung der Ursachen von Allergien ist jedoch noch immer, um mit Fontane zu sprechen, ein weites Feld.

 

Was passiert eigentlich genau im Körper bei einer Allergie?

Dr. Schäfer: Einfach gesagt ist es so, dass eine Substanz, die die Haut oder die Schleimhäute berührt, vom Körper als Bedrohung angesehen wird. Der Körper identifiziert die Substanz als Antigen und bildet entsprechend Antikörper, die nach dem Schlüssel-Schloss- System die Substanz angreifen. Bei allergischen Erkrankungen der Atemwege zum Beispiel sind die Immunglobuline vom Typ E aktiv. Bei der Hausstaubmilbenallergie zum Beispiel reagieren diese Antikörper auf Bestandteile von Milbenkot und Hülle. Von der Natur vorgesehen sind sie, um parasitäre Krankheitserreger zu entfernen. Da diese aufgrund unserer Lebensweise kaum noch eine Rolle spielen, identifizieren die Antikörper eben die Hinterlassenschaften der Milben als Allergen. Das nennen wir die Primarisierung, bzw. erste Sensibilisierung. Daraufhin wird eine Kaskade in Bewegung gesetzt, bei der sich Antikörper bilden, die gegen dieses Allergen vorgehen - obwohl das gar nicht nötig wäre.

 

Kommt es im Körper nicht tagtäglich zu Antikörper-Antigen-Reaktionen?

Dr. Schäfer: Richtig, sie alleine würde uns nicht stören. Allerdings kommt es im Zuge dieser Reaktion zur Hypertrophie von Mastzellen. Es wird Histamin ausgeschüttet und das löst die allergischen Reaktionen aus: von der Schwellung der Schleimhäute bis hin zum Augentränen und mehr.

 

Warum äußern sich allergische Reaktionen so unterschiedlich?

Dr. Schäfer: Das Körperteil, an dem sich die Allergie äußert, nennen wir Erfolgsorgan. Die Reaktion hängt unter anderem davon ab, wie viele Immunglobuline des Typ E gerade in diesem Organ sind. Bei manchen Menschen ist es die Bindehaut im Auge. Beim überwiegenden Teil findet eine Reaktion in den oberen Atemwegen statt. Auch die Psyche spielt eine Rolle. Leidet der Patient an einer Depression, äußern sich auch allergische Reaktionen stärker. Physische Anstrengung oder andere Aufgaben für das Immunsystem beeinflussen ebenfalls die Reaktion des Körpers. Behandelt man eine aggressive Allergie nicht, kann es zudem zum Etagenwechsel kommen.

 

Das bedeutet was?

Dr. Schäfer: Statt einer Reaktion, die einem Schnupfen ähnelt, kommt es zu asthmatischen Beschwerden, die sich manifestieren können. Außerdem lässt sich nie vorhersagen, wie stark eine allergische Reaktion zu einem bestimmten Zeitpunkt sein wird. Ein Patient hier bekam über Jahre seine Spritzen, ohne irgendwelche Beschwerden. Doch bei einer Behandlung kam es plötzlich zu einer sehr starken, allergischen Reaktion, danach jedoch nie wieder. Deswegen müssen Hyposensibilisierungspatienten auch mindestens eine halbe Stunde nach der Impfung in der Praxis verbleiben. Und Sport oder andere das Immunsystem belastende Aktivitäten sollten vermieden werden.

Dr. Udo Schäfer

Nach dem Medizinstudium in Berlin und Dresden war er an mehreren Kliniken tätig, unter anderem in der Neurologie, Pathologie und im HNO-Bereich. Seine Fachausbildung zum HNO-Arzt machte er in Pirna und ging anschließend nach Stollberg. Seit Ende 2012 hat er eine eigene Praxis am Altmarkt in Dresden mit dem Schwerpunkten ambulante OPs, Naturheilkunde, Allergien, Faltenbehandlung und Schlafmedizin.