Was muss ein Topmanager heute können?

Ein Interview mit Prof. Michael D. Albrecht, Medizinischer Vorstand, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus.

 

Michael Albrecht ist in München geboren, war kommissarischer Direktor in Lübeck, C3-Professor in Heidelberg, ist seit 1993 in Dresden, war hier Klinikdirektor, Studiendekan, Dekan und ist seit über zehn Jahren Vorstand. Trotz vieler Angebote aus München, Berlin und Heidelberg ging er nicht von Dresden weg, weil er sich hier sehr wohl fühlt, weil ihm die Stadt und die Leute gefallen. Er hat zwei Kinder, die in Sachsen geboren sind, nie von hier weggehen wollen, und ist zufrieden. Steht die Karriere bei Topmanagern heute nicht mehr über allem? Wie haben sich die Werte geändert und was ist heute für Führungskräfte wichtig? Lesen Sie das Disy-Interview!

 

Was muss ein Topmanager heute können?

Michael Albrecht: Heute muss ein Top-Manager kommunikativ sein, er muss zuhören können, er muss auch mal Fehler eingestehen, er muss, wenn er Erfolg haben will, mehr Sensibilität und Emotionalität zeigen können und als Persönlichkeit leichter erkennbar sein. Das ist die Folge der Abkehr von klassischen, fast schon komikartigen Machtmenschen, die männlich sind, hin zu Führungs- und Leitungsfiguren, die mehr Emotionalität und Empathie haben.

 

Wie finden Sie das?

Michael Albrecht: Das finde ich gut, weil es erleichtern wird, die Probleme, die heute anders sind als früher, besser zu lösen. Man kann heute nicht mehr mit dem Kopf durch die Wand. Man muss Kompromisse finden und suchen. Man muss Rücksicht nehmen auf die anderen, auf die Mitarbeiter, auf die Umwelt. Das ist sehr gut, weil die Problemlösungen dadurch auch besser werden. Karriere als solche steht nicht mehr ganz oben auf der Wunschliste.

 

Bei Ihnen oder generell?

Michael Albrecht: Ich sehe das bei unseren jüngeren Kollegen. Vor zehn Jahren war das undenkbar oder weniger häufig. Da haben die gesagt: „Ich möchte Oberarzt oder Chefarzt werden.“ Viele der jüngeren Kollegen kommen jetzt und sagen: „Ich will, dass es meiner Familie gut geht. Ich will Zeit mit meinen Kindern haben. Ich will auch noch etwas anderes tun als nur arbeiten.“ Die ordnen die Karriere schon mal dem persönlichen und familiären Umfeld oder Partnerwünschen unter.

 

Wann ist ein Chef ein guter Chef?

Michael Albrecht: Das ist eine ganz schwierige Frage. Sicher nicht, wenn er Klischees erfüllt, sondern wenn er mit sich selbst im Reinen ist. Die Umwelt erkennt sehr schnell, wenn man nur eine Rolle spielt. Das Günstigste ist, dass man sich so gibt, wie man ist. Das kann im Auftreten auch mal härter sein. Es kommt trotzdem an, wenn es authentisch ist und zum Typ passt. Wenn jemand eher weicher und emotionaler ist und mehr auf andere eingehen kann, kommt es nicht gut, wenn er sich mit irgendwelchen Rollenspielen verstellt und dann den großen Macho rauskehrt. Der wird dann nicht sehr gut als Leader akzeptiert werden.

 

Haben Sie das schon mal erlebt?

Michael Albrecht: Klar. Es gibt ja doch welche, die nicht mit sich im Reinen sind. Die spielen eine Rolle, den harten Mann oder den absoluten Gutmenschen und Besserversteher und sind es gar nicht. Die Sensibilität der Umwelt, der anderen Personen, ist inzwischen sehr hoch. Man achtet heute sehr drauf, dass die Wahrnehmung eines Menschen und dessen Auftreten zusammen passen. Wenn sich jemand gibt, wie es nicht zu seiner Denkweise und zu seinem Charakter passt, kommt das schlecht an.

 

Wie wichtig sind Erfolg, Macht und Einfluss?

Michael Albrecht: Das sind die Attribute, die man braucht, wenn man in einem System etwas bewegen und verändern will. Ob das eine Frau oder ein Mann ist, ist eigentlich egal. Ich glaube, dass man aufpassen muss, dass man die Attribute, bloß weil mehr Männer in Führungspositionen sind, nicht nur mit männlichen Eigenschaften verbindet. Die Methoden, wie man aus Einfluss und Macht Erfolg entweder für sein Unternehmen oder für sich selber macht, mögen für Frauen und Männer unterschiedlich sein, aber es sind immer genau die gleichen Spielregeln.

 

Wo sehen Sie die Unterschiede?

Michael Albrecht: Ich arbeite in vielen Dingen lieber mit Frauen zusammen. Frauen sind eher in der Lage, mit Empathie und Sensibilität etwas frühzeitig zu erkennen, wo ein Mann sich noch in seiner Grundidee verrennt und nicht unbedingt zuhört und aufnimmt, dass sich inzwischen die Außenbedingungen verändert haben. Da haben Frauen einen Vorteil, während auf der anderen Seite in anderen Situationen, wenn man wirklich etwas umsetzen oder erreichen will, auch eine gewisse Rücksichtslosigkeit notwendig ist. Man kann manche Dinge am Ende nicht über Abstimmungen durchsetzen. Da haben häufiger Männer einen Vorteil, weil die aufgrund ihrer unsensiblen Art eher in der Lage sind, sich über etwas hinwegzusetzen. Die Attribute gehören unabhängig vom Geschlecht zu einer Leitungsfigur, die am Ende etwas bewegen will.

 

Sie haben in der Uniklinik viel bewegt…

Michael Albrecht: Ich fühle mich mit dem Klinikum verknüpft. Für mich ist das eins. Wenn es dem Klinikum gut geht, fühle ich mich auch wohl. Wir haben mit vielen anderen, die da sehr hart gearbeitet haben, einen ganz guten Weg genommen. Das gibt einem ein sehr gutes Gefühl.

 

Sie haben immer viel gearbeitet. Welche Prioritäten haben Familie, Freunde und Freizeit heute für Sie?

Michael Albrecht: Generell deutlich mehr als noch vor ein paar Jahren und für mich persönlich auch. Man wächst mit so einer Entwicklung. Ich war auch jemand, der früher nicht so sehr drauf geachtet hat. Inzwischen habe ich auch gelernt, dass sich Verluste in der Familie oder Vernachlässigungen von Freunden, weil man keine Zeit aufbringt oder keine Gedanken verschwenden will, negativ auswirken. Je älter man wird, umso mehr stellt man das fest. Wenn man dann seine Freunde und seine Familie nicht gepflegt hat, dann wird man hinterher nichts mehr davon haben.

 

Das war also ein Lernprozess für Sie?

Michael Albrecht: Das ist ein Lernprozess, den die Gesellschaft gerade insgesamt durchmacht. Den macht auch jeder Einzelne für sich durch. Es ist gut, dass da die Prioritäten höher geworden sind. Für mich persönlich gilt das ganz genauso. Ich versuche, mehr darauf zu achten, geplant auch mal nicht da zu sein oder mir eine Auszeit zu nehmen, zu sagen: „Nö, das muss jetzt auch mal so gehen.“ Es ist wichtig, mal abzuschalten und rauszukommen aus der Tretmühle.