Lesen im Gesicht des Menschen

Dagmar Dollinger ist Trainerin für Emotionsmanagement und emotionale Intelligenz. Sie war lange im Schuldienst aktiv und hat Verkaufstrainings geleitet. Wir haben bei ihr einen Kurs belegt und einige interessante Sachen über Emotionen, Mimik und unbewusste Signale während eines Gesprächs erfahren. Lesen Sie, wie Sie Ihr Gegenüber besser wahrnehmen und wie schnell man die wahre Reaktion in einem Gespräch erkennt!Eigentlich wollten Paul Ekman und Wallace Friesen beweisen, dass Mimik nicht kulturübergreifend ist, haben aber genau das Gegenteil herausgefunden. Sie haben ein Facial Action Coding System erstellt (FACS), in dem alle Gesichtsausdrücke codiert sind und die Kombinationen aus den Bewegungsmöglichkeiten die deutbaren Emotionen darstellen. Mit dem „FACS“ kann man somit auch erkennen, ob ein Lächeln echt oder aufgesetzt ist. Es gibt sieben Grundemotionen: Ärger, Freude, Verachtung,Trauer, Angst, Ekel und Überraschung. Und sie sind sehr wohl kulturübergreifend,anders als die Körpersprache, denn jeder Mensch hat dieselben Muskeln.

 

Emotionserkennungsfähigkeit beschäftigt sich damit, zu sehen, was beim anderen vorgeht. Man erkennt im besten Fall die emotionale Reaktion: Skepsis, Besorgnis, Begeisterung oder Erwartungshaltungen.Was der Grund dafür ist, muss jedoch erfragt werden. Die Gedanken hinter einerEmotion stehen einem nicht ins Gesicht geschrieben. Viele Faktoren tragen dazu bei, dass die Wahrnehmung eingeschränkt ist. Menschen sagen nicht immer gleich, was sie denken. Besonders,wenn es etwas Unangenehmes ist. Aber wenn eine Emotion da ist, zeigt sie sich unmittelbar im Gesicht. Kommunikation besteht zu 80 Prozent aus diesen unbewussten Signalen, die während eines Gesprächs hin und her springen. Und auch unsere eigenen Reaktionen darauf nehmen wir nicht bewusst wahr. Aus dem Erkennen und Lesen der Mimik können Inhalte entschlüsselt und darauf entsprechend reagiert werden. Das können Kinder im frühen Alter schon sehr gut. Sie achten sehr auf die Mimik. Erst mit dem Erlernen der Sprache gerät diese Empathiefähigkeit in den Hintergrund. Diese soll wieder reaktiviert werden.

Wenn das Gegenüber eine Abwehrreaktion, eine ablehnende Haltung zeigt, dann projiziert das jeder sehr schnell erst einmal auf sich selbst. Das muss aber nichts mit dem eigentlichen Gespräch zu tun haben, vielleicht ging ihm nur etwas anderes durch den Kopf. Wenn man das erkennt und sofort anspricht,hat der Gegenüber die Gelegenheit, zu sagen, dass es nichts mit der Situation oder dem Gesprächspartner zu tun hat. Damit werden Missverständnisse von vornherein vermieden und beide sind wieder voll konzentriert im Gespräch. Wichtig ist, dabei auf einer wertschätzenden Ebene zu bleiben. Man sollte seinem Gegenüber nicht unterstellen,dass er nicht zuhört. Lieber sagen, dass man selbst den Eindruck hat,dass er mit seinen Gedanken noch woanders ist.

Die Mimik ist der Teil der Körpersprache, der sehr wissenschaftlich ist. Außerdem kann sie das volle Spektrum der Emotionen ausdrücken.In der Körpersprache können wir offen oder verschlossen sein,aber Trauer, Unsicherheit oder Ablehnung wird erst durch das Gesicht deutlich. Deshalb können wir auch Menschen nicht so gut einschätzen,wenn sie eine Sonnenbrille tragen. Ein Teil des Gesichts wird verdeckt,das verunsichert uns.

Warum kann das Gesicht unsere Emotionen so gut ausdrücken? Im Gehirn gibt es das Emotionszentrum Amygdala, welches mit der Gesichtsmuskulatur verbunden ist. So entstehen Mikro-Expressionen.Sie tauchen sehr schnell auf (40 bis 500 Millisekunden) und können nicht gesteuert werden. Der Verstand ist langsamer, als das Emotionszentrum. Deshalb ziehen wir auch erst die Hand von einer heißen Herdplatte weg, bevor uns bewusst wird, dass es heiß war. Manchmal reagiert das ganze Gesicht, manchmal aber auch nur ein Teil. Beispielsweise mit einem Zucken an der Nase, das ein Zeichen von Ablehnung ist und sehr häufig bei Preisgesprächen vorkommt.

Viele dieser Mikro-Expressionen können gar nicht bewusst nachgemacht werden. Der äußere Augenring-Muskel zum Beispiel bewegt sich nur bei einem echten Lachen. Freude ist die Emotion, Lächeln die Maske, hinter der wir uns am häufigsten verstecken. Hilflosigkeit,Unsicherheit oder Ärger zeigen wir oft nicht und lächeln lieber. Trotzdem blitzt die wahre Emotion hervor. Bei wahrer Freude lächeln die Augen mit.

Durch Bewegung im Gesicht kann man andersherum auch Emotionen auslösen. Wer mehr lächelt, ist selbst fröhlicher und wirkt auch nach außen hin freundlicher. Wer etwas glaubwürdig erzählt, spiegelt dies auch in seiner Mimik wider. Wenn jemand mit einem Lächeln auf dem Gesicht sagt, was für ein schrecklicher Tag heute ist, dann kommt das nicht real rüber. Sogar die Stimme hängt von der Mimik ab. Wenn wir fast unmerklich den Kopf schütteln, während wir etwas Positives sagen, selbst wenn es nur ein kleiner Schlenker ist, dann ist die Aussage eigentlich unwahr. Auf der anderen Seite kann der Gesprächspartner bei einem selbst auch Gefühle auslösen. Wenn Leute nervös oder hektisch sind und man mit ihnen eine Weile gesprochen hat, dann hat man das Gefühl, selbst hektisch geworden zu sein und erst einmal wieder runterkommen zu müssen.Wenn wir in Stress geraten, schaltet unser Immunsystem ab. Es braucht sechs Stunden, um sich zu erholen, es sei denn, wir arbeiten dagegen.Wir sind von morgens bis abends im Vollgas-Modus. Und dann nehmen wir unseren Gegenüber gar nicht mehr richtig wahr. Wir kriegen mimische Ausdrücke vielleicht gar nicht mit, können nicht darauf eingehen und reagieren vielleicht unbedacht. Wir laufen im „Autopiloten“und funktionieren einfach. Wir überdenken nicht alles und spulen ein Programm ab und das kann in manchen Situationen von Nachteil sein. Daher braucht es ein gutes Emotionsmanagement. Wir müssen im Optimalfall in einen ausgeglichenen Zustand kommen – Liebe, Dankbarkeit,Wertschätzung und Glück.

Legt einer beim Gespräch den Kopf leicht in den Nacken, so ist das ein Zeichen von Überheblichkeit. Das Zusammenziehen der Augenbrauen signalisiert Ärger, Bewegungen in der Nasenlabialfalte Ablehnung. Das Ganze wird vom Beobachter schnell mit dem Text in Verbindung gebracht. Das liegt nahe, ist aber nur eine Interpretation.Wenn man sich ins Gesicht oder die Haare fasst ist das Zeichen von Unruhe und emotionaler Anspannung, oft auch zu beobachten beim Flirten. Dazu kann es unterstrichen werden Körpersprache, Lippenlecken, Steigen des Lidschlags. Als Beruhigungsgesten folgen oft Selbstberührung (Streichen von Nase oder Kinn) oder Spielen mit Objekten.

 

Fazit: Wenn man seinen Gesprächspartner besser abholen kann, mehr auf ihn eingehen und damit ein Gespräch harmonischer, zielstrebiger und erfolgreicher verläuft, hat man schon gewonnen. Wir wünschen uns alle, dass ein Verkäufer oder Geschäftspartner uns versteht und auf uns eingeht. Mit Emotionserkennungsfähigkeit gelingt das mühelos. Sie haben mehr Erfolg durch mehr Verständnis.