Sehen, was wirklich wichtig ist

Dr. jur. Axel Schober ist Rechtsanwalt. Aber er hat auch ein Geheimnis. Seit nunmehr genau 40 Jahren ist er Kampfkünstler,betrieb Shotokan und Goju Ryu Karate, Kickboxen,hat den grünen Gürtel in Judo, den schwarzen im traditionellen Taekwon-Do (Kwon), betreibt kambodschanisches Thaiboxen, Kung-Fu (Praying Mantis), Qi Gong und last but not least Chen Tai Chi. Disy erzählte er, dass Wut heißer Dampf sei, jeder Angst habe und selbst Anwälte liebevolle Hingabe pflegen würden.

 

Und wann arbeiten Sie?

Am Tag, nicht selten auch abends. Der freie frühe Abend allerdings gehört der Kampfkunst.

 

Des Tags Kampf im Gerichtssaal oder in Verhandlungen und abends Martial Arts in der Halle?

Beim Thaiboxen geht’s schon hart zur Sache, das ist echt heftig. Aber Qi Gong und Tai Chi schaffen den Ausgleich. Wahres Kung Fu betont ganzheitlich den Gesundheitsaspekt.

 

Warum machen Sie das überhaupt?

Ist ein Teil von mir. Mir persönlich gefällt auch diese chinesische Konzeption von Ying und Yang, das Symbol mit den 2 Tropfen. Ich glaube nicht, dass alles im Leben eine Bipolarität hat, aber man kann damit viel erklären. Hart und Weich, Schnell und Langsam, Hell und Dunkel... Kampfkunst ist gut für die Gesundheit und gut für den Beruf.

 

Was nützt Ihnen die Kampfkunstim Job?

Es gibt ganz viele Bezüge zum Beruf. Taekwon-Do ist direkt, dynamisch und aggressiv. Wenn man sich körperlich in so einer Form bewegt überträgt sich das aufs Geistige.Also wenn einer im Gerichtssaal oder einem Gespräch kommt und will schnell, hart und kantig - dann kann ich das mental auch. Allerdingshabe ich später durch das Kung Fu viele ausweichende Bewegungen gelernt. Man lässt den Gegner vorbeistampfen wie einen Stier und greift vielleicht auch mal von der Seite an oder von hinten, gezielt vitale Punkte.

 

Macht Sie das in Ihrem Job selbstbewusster?

Ja, man lernt für den Job und das Leben unheimlich viel, weil auch da immer jemand stärker als jemand anderes ist, aber nicht unter allen Umständen. Es ist generell keine Schande, einen Kampf zu verlieren. Aber es ist in vielen Situationen eine Schande, nicht zu kämpfen, zu kneifen oder vorzeitig aufzugeben. Aus dem Thaiboxen kann man lernen, derart hart und ehrlich zu sich und anderen zu sein, Grenzen auszutesten.

 

Klingt nach wichtigen Lehren für‘s Leben...

So kann man es sehen. Aus dem Tai Chi und dem Qi Gong hingegen kann man Ruhe und Kraft schöpfen, Standfestigkeit und Geduld, auch mal eine langsame Aktion machen, Handlungen ruhig vorbereiten. Nicht auf jede Provokation spontan abfahren. Wenn ein Angreifer mich trifft und ich wütend auf den losrenne, ist der womöglich viel schneller und trifft mich vernichtend. Was bringt da die Wut? Aber wie geht man mit so einem Gegner um, gerade wenn er sehr stark ist? Muss ich mich unterwerfen, oder welche Optionen habe ich? Was will der eigentlich? Was ist mein wahres Ziel?

 

Also sind Sie sehr geduldig mit Ihren Mitmenschen?

Früher wäre ich vielleicht eher aggressiv gewesen, hätte es dem anderen zeigen wollen, beweisen was ich drauf habe, direkt attackieren. Natürlich im übertragenen Sinn. Heute frage ich mich eher,warum sich der andere so profilieren will, gehe auch mal zur Seite und von dort aus kann ich ihn ebenso treffen, wenn ich denn muss und es auch nur die Spur einer Chance gibt. Manchmal hilft natürlich auch einfach durchziehen, nach Taekwon-Do Art, oder ein Kettenangriff,nach Art des Thaiboxens.

 

Klingt nicht nett!

Oder auch andersherum, wenn man ein faires und offenes Gegenüber hat, lernt man aus der Kampfkunst heraus, ebenfalls offen und fair mit ihm umzugehen. Warum soll ich jetzt gerade jemandem Übel wollen, der doch eigentlich ganz vernünftig ist. Auch wenn dabei auf beiden Seiten naturgemäß widerstreitende Interessen sind, vielleicht findet sich eine für beide Seiten gute Lösung. Nicht aggressiv,aber hartnäckig und sehr zielstrebig. Irgendwie Gentleman halt. Das lehrt einen auch die echte Kampfkunst. Haltung, physisch selbstverständlich,aber auch oder gerade innere Haltung.

 

Es gibt sanfte Anwälte?

Es gibt natürlich Anwälte, die brüllen und stampfen wie ein Stier. Gute Anwälte machen das nicht. Warum sollten sie?

 

Lernten Sie so auch mit Angst umzugehen?

Jeder hat Angst. Angst ist ein sehr wertvolles Gefühl, warnt und motiviert. Wer sagt, er hätte keine, verdrängt sie nur. Dann wird’s irgendwann schädlich. Wenn Sie einem fiesen, aggressiven Gegner gegenüberstehen, dann empfinden Sie natürlich Angst. Aber die Frage ist: Lasse ich mich von der Angst besiegen? Ignoriere ich sie wie ein Dummkopf und behaupte, die Stärke des Gegners interessiere mich gar nicht, peng, besiegt er mich. Man muss zu sich selber ehrlich sein,angemessen und zielstrebig handeln und reagieren.

 

Was ist mit der Wut?

Das ist heißer Dampf, ist ein Gefühl, bei dem man nicht steuerungsfähig ist. Ich hab keine Ruhe, keinen Standort noch Überblick mehr. Durch hormonelle Ausschüttung, Adrenalin und so weiter, verliere ich die Steuerungsfähigkeit über‘s Kleinhirn. Also Wut ist Unsinn! Was für den Extremfall.

 

Wie schaffen Sie das?

Man versucht immer, den Geist leer zu machen, auch in der Meditation. Mit der Zeit automatisiert sich das. Die Japaner nennen das Zen. Und dieses „Leer-Machen“ des Geistes ist auch ein „Sich-Loslösen“ von Emotionen. Also nicht die Emotionen abschaffen oder einzelne selektieren, sondern einfach zugeben, dass man Emotionen hat und sich fragen, was das bringt. Ziehen lassen, wie Luftballons. Klar denken.

 

Welche Emotion ist für Sie die wertvollste in Bezug auf die Alltagswelt?

Sie werden lachen, Ich glaube heute, es ist die liebevolle Hingabe. Es muss etwas im Leben geben, dem man sich liebevoll hingibt,was einem aber auch etwas zurückgibt. Der eine geht in seinen Garten, für mich ist es die Kampfkunst. Also etwas, wo man Ruhe findet, vom Alltag abschalten kann, sich intensiv mit etwas beschäftigt. Dann ist man auch im Beruf, in der Gesellschaft und Familie aufnahmefähiger und kann etwas geben.

 

Was ist die Essenz der verschiedenen Lehren aus 40 Jahren Kampfkunst?


Gewalt schadet. Bestimmte negative Aspekte wie Aggression,Dominanz, Neid und andere hat jeder von uns in sich. Die bringen aber nichts. Die bringen für den Einzelnen nichts und für die Welt schon gar nicht. Man sollte sie wahrnehmen, aber man sollte sie nicht leben. Kampfkunst fördert die Fähigkeit zu sehen, was wirklich ist und man lernt, intuitiv richtig auf andere zu reagieren und die richtigen Strategien zu bilden. Ganz am Ende geht es um Gesundheit, Glück und Frieden.