Am Ende kommt es immer auf die Menschen an.

Ob es den SemperOpernball ohne den Juwelier Georg H. Leicht, zweiter Vorsitzende des SemperOpernballvereins, überhaupt geben würde, ist fraglich. Sicher ist, dass der Ball und die Stadt Dresden für ihn eine Herzensangelegenheit sind. Im Interview mit Disy gibt er Einblicke in die Vergangenheit und Zukunft des Dresdner SemperOpernballs.

Was hat Sie nach Dresden geführt?

Leicht: Vereinfacht gesagt war es das Grüne Gewölbe. Ich bin in Pforzheim geboren und war nie in der DDR gewesen. Wir haben 1989/90 sofort die Möglichkeit genutzt, nach Dresden zu kommen und das Grüne Gewölbe anzuschauen. Wir waren von der Sammlung und der Stadt so fasziniert, dass wir uns gleich festgelegt haben, dass das ein toller Platz für ein Juweliergeschäft wäre. 

War das nicht ein großes Wagnis in dieser Zeit?

Leicht: Wir waren schnell im Gespräch mit Investoren, die das Taschenbergpalais wieder aufbauen wollten. Damals existierte nur noch eine Fassade, aus deren Fenster Bäume ragten. Wir hatten bereits mit der Kempinski Gruppe zu tun gehabt und haben euphorisch einen Vertrag unterschrieben.  Es hat ein paar Jahre gedauert, bis das Haus fertig war. Da es keine Geschäftsführerin für den Laden gab, haben wir uns entschieden, das selbst zu machen und sind nach Dresden gezogen. Wir haben elf Jahre hier gelebt, unser jüngster Sohn ist hier zur Welt gekommen, alle drei Söhne sind in die Schule gegangen und ein großer Teil unseres Freundeskreises lebt in der Stadt.

Ist diese Verbundenheit auch der Grund für Ihr Engagement für Dresden?

Leicht: Geschäftliches Engagement bedeutet immer auch gesellschaftliches und soziales Engagement. Wir leben schließlich nicht in einer Luxusblase, sondern haben mit realen Menschen, Situationen und Problemen zu tun. Man kann die Augen nicht verschließen vor den vielen Themen, die sich in Dresden gezeigt haben. 

Woher kam die Idee zum SemperOpernball?

Leicht: Es gibt historische Vorbilder und ich war immer der Meinung, dass die Semperoper ideal für so etwas geeignet ist. Ich bin eng befreundet mit Hans-Joachim Frey, dem damaligen Direktor der Semperoper. Wir hatten eine Benefizgala in der Oper veranstaltet. Dieses Projekt haben wir weiter gedacht. Januar bis Mitte März ist in Dresden wenig los. Unsere Idee war, in dieser Zeit einen Ball zu veranstalten, der die Stadt belebt und die Identifikation der Dresdner mit ihrer Stadt stärkt.

Der Wiener Opernball ist ein gesellschaftliches Großereignis. Es gilt der Grundsatz: Sehen und gesehen werden. Hatten Sie von Anfang an eine Vorstellung, wie der Ball in Dresden aussehen sollte?

Leicht: Wir hatten, und haben, viele Träume und Ideen. Das schöne ist, dass sich Dinge entwickeln. Wenn man eine Gruppe mutiger und kreativer Menschen zusammen hat, entstehen viele Ideen, die über die ursprünglichen Vorstellungen hinaus gehen. Wir hatten keine präzise Vorstellung, ob wir einen Glamourball werden wollen oder so etwas in der Art. Uns war klar, dass Stadt und  Opernhaus ein Ball von europäischem Zuschnitt angemessen ist. Es sollte kein regionaler Ball werden, sondern eine Veranstaltung, die weit über die Grenzen der Stadt und des Landes hinaus strahlt. Das war die Grundidee. Dazu kam der Wunsch, dass die Welt nach Dresden kommt und in dieser Stadt feiert. Dresden hat eine großartige Geschichte und eine großartige Symbolik. Uns war es auch wichtig, die Dresdner zu integrieren. Es sollte kein Ball werden, bei dem nur die oberen 2.500 feiern, so wie in Wien, und das Volk steht draußen und demonstriert. Wir wollten einen Ball, bei dem die Dresdner mitfeiern. Aus diesen Überlegungen ist der SemperOpernairball entstanden.

Man hat den Eindruck, dass sich der Ball mehr öffnet. Gunther Emmerlich hat lange durch das Programm geführt. Jetzt ist es Guido Maria Kretschmer, der im gesamten deutschsprachigen Raum sehr bekannt ist.

Leicht: Die Grundidee war, dass der Ball mehr ist als ein lokales Ereignis. Gunther Emmerlich ist ein Dresdner Original, aber man kennt ihn deutschlandweit. Er ist ein großartiger Künstler und Sänger. Deshalb war er die ideale Besetzung. Wir haben von Beginn an immer die Moderatorin gewechselt, Gunther Emmerlich mit seiner Präsenz war die Konstante. Es war wichtig, dass wir am Anfang mit ihm diesen regional verwurzelten Anker hatten, ohne dass es ein regionaler Ball ist. Mit Guido Maria Kretschmer gehen wir einen nicht ganz risikofreien Weg. Es ist ein Weg, um eine jüngere Zielgruppe anzusprechen. Für ihn ist die Moderation eines Balls Neuland. Das war eine interessante Konstellation, es muss ja spannend bleiben. Es darf sich nicht zu einer Geschichte entwickeln, die allmählich verstaubt. Man muss sich immer wieder neu erfinden. Das gelingt Hans-Joachim Frey hervorragend. Er ist ein großer Stratege, der das ganze Jahr für den Ball arbeitet. Neben seinen anderen Verpflichtungen denkt er permanent daran, wen er noch nach Dresden bringen könnte und welche Preisträger wir haben wollen. Wir wollen den Ball natürlich öffnen.

Welche Rolle spielen die Preisträger dafür?

Leicht: Mit Königin Silvia von Schweden haben wir eine großartige Monarchin ausgezeichnet. Im Jahr 2009 hatten wir mit Vladimir Putin eine nicht ganz unproblematische Ordensvergabe, die zum damaligen Zeitpunkt aber richtig war. Das zeigt, dass der Ball durchaus für Gesprächsstoff sorgen will. Wir möchten nicht nur unproblematische Persönlichkeiten auszeichnen, an denen niemand Anstoß nimmt. Das Motto des Ordens ist schließlich ‚adverso flumine‘ – Gegen den Strom.   

Natürlich sind nicht immer alle begeistert. Für mich ist entscheidend, dass jemand als Charakter seiner Linie treu bleibt. 

Nach welchen Kriterien werden die Preisträger ausgewählt?

Leicht: Es gibt keinen Punkteplan, den man erfüllen muss, um Preisträger zu werden. Es gibt einige Eigenschaften, die eine Rolle spielen. Unter anderem die Persönlichkeit, die Lebensleistung oder auch eine Einzelleistung wie die von Matthias Steiner, der auf eine ganz besondere Art und Weise Olympiasieger im Gewichtheben wurde. Es gibt viele Variablen bei der Auswahl. Uns ist wichtig, dass es sich nicht zu einer standardisierten Preisvergabe entwickelt. Es sollen immer wieder neue Ideen hinzu kommen. Im Vorstand gibt es immer Diskussionen, auch kontroverse. Wichtig ist uns, dass der Preisträger selbst nach Dresden kommt und dass wir immer regionale Persönlichkeiten dabei haben. Rolf Hoppe ist beispielsweise ein europaweit bekannter Schauspieler. Andererseits wurde er für seine unglaubliche Lebensleistung in der Region ausgezeichnet, durch die er eine Identifikationsfigur geworden ist. Ich glaube, wir finden immer eine gute Mischung. 

„Geschäftliches Engagement bedeutet 

immer auch gesellschaftliches 

und soziales Engagement.“

Welcher Preisträger hat Sie am meisten beeindruckt?

Leicht: Die Verleihung des St. Georg-Ordens an die Staatspräsidentin der Republik von Mauritius, Dr. Ameenah Gurib-Fakim war aus meiner Sicht eine ganz besondere Auszeichnung, mit der ein wichtiges Zeichen an die ganze Welt gesetzt wurde. 

Besonders beeindruckt hat mich auch Christiane Reppe. Ihre Willensstärke und ihre positive Ausstrahlung verdienen den größten Respekt.

Was bedeutet Ihnen der Ball. Ist es ein Stück weit Ihr Baby?

Leicht: Ein erfolgreiches Projekt hat immer mehrere Väter und der Dresdner SemperOpernball ist ein erfolgreiches Projekt. Einer der Väter zu sein, erfüllt mich schon mit Stolz und Freude. Ich weiß, dass die ersten Gespräche, Wochen und Monate sehr elementar waren. Das waren große Themen und ein großes, ein persönliches Risiko, das wir alle eingegangen sind. Ich bin stolz darauf, dass wir das alle mit einem freundschaftlichem Umgang gemacht haben, auch in kritischen Situationen. Wenn man ein Budget von 1,5 Millionen Euro aufbringen muss und weiß, dass man dafür gerade steht, wenn es schief geht, dann ist das ein Thema, mit dem man sich intensiv auseinander setzt. Zumal, wenn es mit meinem ursprünglichen Beruf nichts zu tun hat. Die Veranstaltung eines Balls gehört nicht zum Arbeitsfeld eines Juweliers. Es ist ein Ball, der sich sehen lassen kann und darauf bin ich stolz.

Ein Kind durchläuft verschiedene Phasen vom Baby bis zum Erwachsenen. In welcher Phase ist der SemperOpernball?

Leicht: Wir sind noch jung genug, um uns als pubertierend zu bezeichnen. Glücklicherweise sind wir nicht durch Konventionen und Gewohnheiten festgelegt, so dass wir immer wieder eine Überraschung präsentieren können, beispielsweise das Moulin Rouge oder exotische Tänzerinnen. Wir sind nicht so starr wie andere Bälle, schon gar nicht wie Wien. Ich glaube, wir sind in der Phase, in der wir nach wie vor jeden Ball neu erfinden müssen. Auch wenn wir wissen, dass manche Dinge funktionieren, sind wir noch in einer Entwicklungsphase. Ein gut gewachsener Jugendlicher.

Es gibt eine zunehmende Zahl an Partnern des Balls. Wie wichtig sind diese für die Veranstaltung?

Leicht: Es ist toll, dass Peter Kaiser Schuhe sich engagiert. Das ist eine tolle Marke, deren Schuhe toll zum Ball passen. Auch mit der Marke Mandel Fashion mit Hauptsitz in Berlin haben wir in diesem Jahr einen großartigen neuen Partner für die Ausstattung der Debütantinnenkleider gewonnen. Jeder Partner muss bei jedem Ball seinen Teil beitragen. Es gibt kein Gewohnheitsrecht, jeder bekommt die Chance, sich neu zu erfinden, neues beizutragen und erneut dabei zu sein. Es gibt natürlich Leute, die sagen: das ist nicht mehr mein Umfeld, meine persönliche Situation hat sich geändert. Wir haben in Dresden eine Reihe von Partnern, die durch Hochs und Tiefs gehen mussten. Beispielsweise die Gläserne Manufaktur von Volkswagen. Auch Radeberger wäre nach wie vor ein toller Partner. Es gibt nun mal Wechsel in der Marketingpolitik der Unternehmen. Deswegen müssen wir offen bleiben für neue Partner.

Der Verkauf der Ballkarten ist immer wieder ein Thema. Warum sind so wenige Karten in Dresden erhältlich?

Leicht: Das ist der Dreh- und Angelpunkt des Balls. Wir wollten von Anfang an Leute von außerhalb nach Dresden bringen. In der Zeit, in der Dresden eine ruhige Phase hat, sollte der Ball Menschen für drei bis vier Tage in die Stadt locken, damit die Hotellerie, die Gastronomie und der Einzelhandel profitiert. Deswegen beginnt der Ball um 21 Uhr. Die Idee war, dass die Gäste in der Stadt essen und dann zum Ball zu kommen. Dass es inzwischen ein Catering in der Oper gibt, ist der Nachfrage geschuldet, die von Stefan Hermann vorzüglich bedient wird. 

Bleiben wir beim Bild vom Kind. Wann wird der Semper-Opernball volljährig und wie sieht er dann aus?

Leicht: Ich glaube, wir können von Volljährigkeit sprechen, wenn es ein stabiles Umfeld gibt. Wenn es nicht in jedem Jahr wieder ein bis zum Grundsatz gehender Prozess ist, den Ball zu organisieren. Wir haben ein kleines Team, das diese Mammutaufgabe stemmt. Das sind Dinge, die in der Anfangsphase mit  viel Engagement gemacht werden. Wenn so ein Ball größer wird und eine Geschichte bekommt, steigen die Ansprüche. Nicht nur unsere, auch die der Gäste. Wir sind an der Grenze zum Erwachsenen. Wenn sich allerdings im Vorstand des Vereines größere Dinge ändern würden, dann müsste man die Grundsatzfrage stellen, ob wir das in dieser Form auf Dauer fortsetzen können. Es hat im Vorstand bereits Wechsel gegeben, aber die tragenden Eckpfeiler sind nach wie vor da, ganz vorne natürlich Hans-Joachim Frey. Wenn sich da etwas ändert, müsste man sich neu erfinden. Das ist nicht geplant, aber  der Vorstand hat ein biologisches Alter. Im Moment sind wir davon weit entfernt, aber irgendwann wird das ein Thema. 

Wie sieht der 22. Dresdner SemperOpernball aus? 

Leicht: Ich hoffe, dass er noch genau so frisch, spannend und bunt ist. Ich würde mir wünschen, dass er dann ein weltweit beachtetes Event ist. Ich hoffe, dass es dem Ball gelingt, dazu beizutragen, dass das Bild von Dresden in der Welt bunt und vielseitig ist. Ich würde mich freuen wenn es, ähnlich wie in Wien, heißt: wenn man einmal einen Platz hat, gibt man den nie wieder her und vererbt ihn weiter. Ich würde mich auch freuen, wenn es uns im 22. Jahr noch in der aktuellen Besetzung gibt. Es kommt immer auf die Menschen an. Wir haben in Wien Elisabeth Gürtler-Mauthner kennen gelernt, die den Wiener Opernball organisiert hat. Sie hat uns erzählt, was sie am Wiener Ball gut findet und was sie anders machen würde, wenn sie komplett unabhängig wäre. Das war  sehr spannend. Es gibt viele Bälle, die über Jahrzehnte existiert haben und verschwunden sind, der Münchner Opernball und der Frankfurter Ball beispielsweise. Es gibt sie nicht mehr, weil nicht die richtigen Leute dahinter standen. Das ist ein Warnsignal. Es gibt keinen Automatismus und keine Sicherheit, es können unvorhergesehen Dinge passieren. Darum wünsche ich mir, dass der Freistaat und die Stadt die Unterstützung, die verbal geäußert wird, noch mehr umsetzen. Ministerpräsident Tillich war jedes Jahr da, was ein großartiges Signal ist. Auch der neue Ministerpräsident Michael Kretschmer folgt dieser Tradition, was wir sehr schätzen. Dennoch bin ich der Meinung, dass das Potenzial hier noch nicht ausgeschöpft ist. Aber ich bin der Meinung, da geht noch mehr.