Der einfache Weg zum Wohlstand Teil 2

Mehr verdienen, weniger riskieren und besser schlafen

Wie das geht und noch viel mehr Tipps und Tricks bei Geldgeschäften und Börsenaktivitäten, lesen Sieim zweiten Teil des großen Disy-Interviews. TV-Moderator Holger Scholze im Gespräch mit dem renommiertenFondsmanager, Vermögensverwalter und Autor Gottfried Heller im Rahmen des 7. Sächsischen Finanzsymposiums in Dresden.


In der heutigen Zeit der Globalisierung wächst vieles zusammen. Dadurch wirken sich bestimmte Ereignisse, die in einem Land passieren, oft auch sehr schnell auf den gesamten Globus aus. Worauf müssen Anleger achten? Auf politische Entscheidungen oder Maßnahmen der Notenbanken? Es heißt ja auch, politische Börsen hätten kurze Beine...
Heller: So ist es. Politische Börsen haben sehr kurze Beine. Die Halbwertszeit politischer Nachrichten wird immer kürzer. Ich glaube, dass die Politik natürlich einen Einfluss hat. Aber dadurch, dass die Industrieländer bis über den Stehkragen verschuldet sind, kann mit der Fiskalpolitik, also mit staatlichen Konjunkturprogrammen, kaum noch eingegriffen werden. Heute sind die Notenbanken auserkoren bzw. von der Politik sogar gezwungen worden, in die Bresche zu springen. Die Notenbanken sind in dem Sinne nicht mehr unabhängig. Sie sind politisiert worden. Sie sind zum Büttel bzw. zum Handlanger der Politik geworden. Das, was sie jetzt tun, nämlich die Welt mit Liquidität überfluten, hat es in der Geschichte der Menschheit noch nie gegeben. Das viele Geld, das jetzt aus dem Nichts geschaffen worden ist, wird zwar die politischen Probleme nicht lösen, aber es wird Zeit kaufen, damit die Politik etwas tun kann. Und sie muss auch etwas tun! Letztlich läuft es darauf hinaus, dass der Staat sich nicht mehr weiter verschulden kann, sondern entschulden muss. Das hat zur Konsequenz, dass sich das Wachstum in den Industrieländern in der Zukunft eher verlangsamen wird. In den Schwellenländern wird es aufgrund der Demografie und des enormen Nachholbedarfs rasanter sein. Deshalb sind die Schwellenländer eine interessante Geldanlage, die man beimischen sollte. Aber nicht ausschließlich, bitte!

Welche Folgen erwarten Sie daraus?
Heller: Kurz und bündig, die Geldflutung wird zur einer höheren Inflation führen. Nicht morgen, nicht dieses Jahr, aber in nicht zu ferner Zukunft wird es so sein. Das ist sogar staatlich so gewollt, weil sich der Staat per Inflation teilweise entschulden kann. Das heißt also, der Staat wird nicht gewaltig dagegenhalten, wenn es ein bisschen mehr Inflation gibt. Es wird sogar schon darüber räsoniert - die OECD hat das kürzlich getan - dass vier und nicht zwei Prozent Inflation als äußerstes Limit auch in Ordnung seien. Merken Sie sich das gut! Vier Prozent! Innerhalb von zehn Jahren wäre Ihr Geld dann nur noch zwei Drittel wert.

Wie sollten wir darauf reagieren?
Heller: Die Konsequenz dessen ist, Geld klüger und rentierlich anzulegen. Es so einzusetzen, dass es eine höhere Rendite abwirft. Die Aktie ist dabei für mich die beste Vermögensanlage, die es gibt. Aber bitte mit Stoßdämpfer, mit eingebautem Sicherheitsnetz. Wie das geht, können Sie in meinem Buch nachlesen


Warum bevorzugen Sie Aktien?

Heller: Die beschriebene Überliquidität wird dazu führen, dass die Aktie mehr Zulauf bekommen wird. Es besteht ein Anlage-Notstand. Die Menschen begnügen sich nicht mehr mit einem Prozent Rendite pro Jahr. Davon haben viele Anleger allmählich die Nase voll. Auch die Versicherungen, die zurzeit nur drei Prozent der Gelder in Aktien angelegt haben... Ich möchte mal wissen, woher eine Versicherung ihre Rendite holen will, wenn sie nur in Festgeld anlegt, das fast keine Zinsen mehr abwirft. Das ist also der eine Punkt. Die Leute kapitulieren allmählich und sagen: "Jetzt nehme ich ein bisschen mehr Risiko auf mich." Das ist kein zu großes Risiko, wenn man in Aktien allein vier Prozent Dividenden-Rendite bekommt, auf der anderen Seite aber in zehnjährigen Bundesanleihen nur 1,6 Prozent Zinsen. Der zweite Punkt kommt aus der Verhaltenswissenschaft, der Behavioral Finance. Traumatische Erlebnisse verblassen nach drei bis vier Jahren. Sie rücken in den Hintergrund, so dass die Menschen wieder ein bisschen mehr vertrauen. Und damit sind sie bereit, etwas mehr Risiko einzugehen. Das ist jetzt auch der Fall. Wir haben 2008 dieses Debakel gehabt. Inzwischen fühlt sich alles nicht mehr so dramatisch an. Die zwei Dinge wirken zusammen. Sie führen dazu, dass mehr Geld in den Aktienmarkt fließen wird.

Sie haben die enorm hohe Verschuldung vieler großer Industriestaaten weltweit angesprochen. Es gibt theoretisch drei realistische Möglichkeiten für einen Staat, um sich zu entschulden: Man könnte einen Schuldenschnitt ansetzen, man könnte stärkeres Wachstum generieren oder letztlich über eine höhere Inflation gehen, wie Sie es gerade ausgeführt haben. Ist es dennoch denkbar, dass sich all die Staaten, über die wir immer reden, bei den USA angefangen, über Japan, wo es ganz extrem ist, aber auch Deutschland oder die Länder Südeuropas jemals tatsächlich entschulden können?

Heller: Niemals! Die Schulden werden nie zurückbezahlt. Denn wenn sie das täten, würden sie wahrscheinlich eine Depression hervorrufen. Bestenfalls kann eine Schuldenbremse dahingehend wirken, dass es nicht mehr im selben Stil mit der Verschuldung weitergeht. Aber die meisten Industriestaaten haben heute Verschuldungsraten bezogen auf ihr Bruttoinlandsprodukt von mehr als 80 Prozent. Amerika hat über 100 Prozent, Italien 120 Prozent, Griechenland sogar 170 Prozent und Japan inzwischen 200 Prozent. Stellen Sie sich das mal vor! Die Schulden der Japaner sind doppelt so hoch wie ihre jährliche Wirtschaftskraft. Wenn sich die Japaner, nachdem sie heute schon in einer Art Deflation leben, entschulden würden, könnte man dort die Bücher zumachen. Shinz? Abe, der als Regierungschef vor ein paar Monaten neu gewählt wurde, hat gesagt, dass er darauf pfeife, wie hoch die Verschuldung ist. Er will mit seinem Konjunkturprogramm zwei Prozent zusätzliches Wirtschaftswachstum generieren. Dabei strebt er eine Inflationsrate von mindestens zwei Prozent an. Außerdem drängt er die Notenbank dazu, noch mehr Geld zu drucken. Stellen Sie sich vor, er hat der Notenbank sogar schon gedroht, ihre Unabhängigkeit abschaffen zu wollen, wenn sie nicht nach seiner Pfeife tanze. Auch Barack Obama hat in seiner Rede an die Nation im Februar gesagt, dass diese europäische Masche mit dem Sparen, Sparen, Sparen á la Merkel nicht die Masche Amerikas sei. Er wolle mehr Wachstum. Die Durststrecke, diese eher desinflationäre politische Einstellung, dreht sich gerade um uns herum. Ich glaube nicht, dass wir in Europa eine Oase schaffen können. Wir müssen damit rechnen, dass auch schon kurzfristig mehr Inflation entstehen wird. Mit anderen Worten: Es läuft immer wieder auf Dasselbe hinaus, ceterum censeo, dass man klüger, höher rentierlich anlegen muss. Das geht ohne Aktien nicht. Auch Immobilien natürlich. Aber Immobilien sind, wie der Name schon sagt, immobil. Die kann man nicht morgen auf Knopfdruck wieder verkaufen, wie man das bei einer Aktie kann.

Wir sind eigentlich bereits mittendrin in der Analyse der aktuellen Situation. Kommen wir doch noch einmal auf Japan zurück. Das ist schon erheblich, was Shinz? Abe da treibt. Es wird auch immer wieder das böse Wort eines Währungskrieges benutzt. Und in der Tat ist es ja nicht von der Hand zu weisen, dass sich die Maßnahmen auch schon enorm abwertend auf den Japanischen Yen ausgewirkt haben, was natürlich die japanische Exportwirtschaft beflügelt. Das dürfte den anderen Industrienationen allerdings nicht so gut gefallen...
Heller: Ja, man hat schon 1929 bis 32 einen Währungskrieg veranstaltet und da Protektionismus geübt. Dies führte dazu, dass sich der gesamte Welthandel damals gedrittelt hat und man in eine Depression verfallen ist. Ich denke aber, dass sich dies nicht wiederholen wird. Aus der Erfahrung von damals heraus, wird man sich nicht auf einen Währungskrieg einlassen. Ein Währungskrieg im eigentlichen Sinne ist schon aus rationalen Gründen eine Dummheit, weil im Grunde alle verlieren. Denn eine Währung hat keinen eigenen Kurs. Der Euro ist immer im Verhältnis zu einer anderen Währung etwas wert. Eine Aktie hat dagegen einen Kurs. BASF steht bei 75 Euro, da ist Substanz dahinter, ein Wert. Aber in einer Währung steckt kein Wert an sich. Das ist nur eine Hausnummer in Relation zu einer anderen Währung, zum Rubel, zum Real oder was weiß ich. Wenn wir jetzt aufwerten und die Anderen abwerten, dann behindert das unseren Export und fördert deren Export. Aber der Export ist nicht der einzige Wirtschaftszweig, der gefördert werden soll, denn der Import leidet dann, weil der teurer einkaufen muss. Der Abwertende hat dann möglicherweise mehr Inflation. Also muss er dann wieder mit höheren Zinsen dagegen steuern. Es ist ein irrsinniges Spiel, das nirgendwo hinführt. So blöd ist die Menschheit nun auch wieder nicht, dass sie aus den Erfahrungen der 1929/32er Jahre nichts gelernt hätte. Es wird keinen Währungskrieg geben. Nur was Japan anbelangt, glaube ich, dass sie ein sehr gefährliches Spiel treiben, wenn sie jetzt mehr Geld drucken und den Yen künstlich runterprügeln... Allein in diesem Jahr hat der Yen gegenüber dem Euro schon um elf Prozent verloren, insgesamt hat er seit Mitte des Vorjahres um dreißig Prozent verloren. Wenn sie dieses Spiel treiben, sich gleichzeitig verschulden und noch mehr Anleihen herausgeben, kommen sie irgendwann in die gleiche Bredouille wie die Griechen. Denn dann würden ihre langfristigen Zinsen in die Höhe schießen. Und wenn das passiert, ist der Ofen aus. Sie sind ja schon mit 200 Prozent verschuldet. Wenn dann ein globaler Run auf den Yen stattfinden würde, wäre das Experiment gescheitert. Ja, die Japaner spielen mit dem Feuer. Wir müssen genau beobachten, was da passiert. Ich hoffe sehr, dass es nicht schiefgeht.


Kommen wir mal nach Europa. Wie schätzen Sie hier die aktuelle Lage ein?
Heller: Ich gebe auf vergangenheitsbezogenen Zahlen nicht viel. Und die Prognosen von den so genannten Wirtschaftsexperten sind regelmäßig falsch. Mein Gefühl ist, dass die Wirtschaft sich wahrscheinlich besser entwickeln wird, als es die Prognosen zurzeit verkünden. Gerade weil man jetzt überall stärker ankurbelt und stärker schiebt. Gerade auch in Deutschland wird die Wirtschaft wahrscheinlich besser laufen, als viele glauben. So niedrige Zinsen und eine so geringe Inflation sind natürlich auch gut für Investitionen, die auch stattfinden werden. Die Bauwirtschaft profitiert ebenfalls von den sehr günstigen Finanzierungsbedingungen. Meine Einschätzung ist, dass man rings um uns herum in der Welt tendenziell vom Sparkurs abweicht und mehr aufs Gas tritt, um mehr Wachstum zu generieren. Insoweit würde ich das Jahr 2013 als ein Übergangsjahr bezeichnen, das aus einer Periode der Stagnation hinüberwechselt in eine stärkere Wachstumsphase mit mehr Inflation im Gefolge. Nachdem der französische Präsident Monsieur Holland jetzt schon gemeutert und geschimpft hat, dass der Euro gestiegen ist und meint, man müsse etwas dagegen tun, wage ich mir nicht vorzustellen, was passiert, wenn die Wirtschaft mal ein bisschen stärker anzieht, die Inflation anzieht und dann die Zinsen erhöht werden. Ich bin ein eingefleischter Euro-Skeptiker. Das war ich von Anfang an, bevor er überhaupt ins Leben gerufen wurde. Ich habe gesagt, den Euro kann es nur geben, wenn gleiche wirtschaftliche, ordnungspolitische und strukturelle Verhältnisse herrschen. Ich betrachte das, was Helmut Kohl gemacht hat, als die größte Fehlentscheidung seiner Kanzlerschaft.

Möglicherweise war das der Preis für die deutsche Einheit.
Heller: Das halte ich für ein Märchen. Ich glaube nicht, dass ein Mitterrand sagen konnte, ihr bekommt die Wiedervereinigung nicht, wenn ihr die D-Mark nicht abschafft. Nein, die Franzosen wollten die D-Mark zwar abgeschafft haben, aber der Kohl wollte den Euro aus anderen Gründen. Denn nun konnte er sagen: "Wunderbar, dann kommt Großeuropa. Das steht auch in den Geschichtsbüchern." Außerdem hatte er auch einen veritablen Grund. Kohl sagte: "Unsere Nachbarn haben immer Angst vor den Deutschen. Wenn sie eingebunden sind in ein größeres Ganzes, auch mit einer gemeinsamen Währung, dann brauchen sie diese Angst nicht mehr zu haben." Und das erkenne ich durchaus an. Nur der Effekt, der durch die eben nicht zusammengehörige, heterogene und nicht optimale Währungsgemeinschaft eingetreten ist, hat zu Folge, dass die Deutschen jetzt in Teilen Europas gehasst werden. Angela Merkel wird mit Hakenkreuz und Stahlhelm porträtiert. Der Effekt, dass der Euro als Klebstoff für eine Union dienen könne, ist total ins Gegenteil umgeschlagen. Er wurde zum Sprengstoff für Europa. Das halte ich für sehr nachteilig. Ich glaube auch, dass man nicht unbedingt in der deutschen Politik immer richtig liegt, wenn man alle, die zu Unrecht in den Euro gekommen sind, auf Gedeih und Verderb im Euro behält.


Gibt es denn nicht trotz alledem zunehmende Stabilisierungsanzeichen in der Euro-Zone? Spanien wird immer wieder gelobt, auch Irland. Selbst die Anstrengungen der Griechen sind enorm. Sollten wir das nicht auch zur Kenntnis nehmen und entsprechend würdigen?

Heller: Ja, wir können das zur Kenntnis nehmen. Das stimmt auch, was Sie sagen. Es ist auch richtig, dass etwas geschieht, was ohne den Druck von außen, ohne diese Ereignisse nicht geschehen wäre. Nämlich dass der aufgeblasene Sozialstaat auch gestützt werden muss. Nicht, dass ich ein Anti-Sozialer wäre. Den Sozialstaat, wie es ihn in Deutschland und in Europa gibt, kennt man sonst nirgendwo. Ich nenne Ihnen drei Zahlen, die sogar aus dem Mund von Frau Merkel stammen: Erstens: Die gesamte EU hat 500 Millionen Einwohner und erwirtschaftet 25 Prozent des Bruttosozialproduktes der Welt. Also ein Viertel des Sozialproduktes wird durch sieben Prozent der Weltbevölkerung erwirtschaftet. Gleichzeitig entfallen fünfzig Prozent der Sozialausgaben der Welt auf Europa. Nirgendwo sonst in der Welt, in Asien nicht und auch nicht in Amerika, ist der Sozialstaat so ins Kraut geschossen, wie das hier der Fall ist. Aber - um das abzurunden - ich glaube, dass wir jetzt durchaus stabilisierende Elemente haben. Erstens wurde gesagt: "Griechenland bleibt, basta". Zweitens hat EZB-Präsident Mario Draghi einen wesentlichen Beitrag geleistet, indem er eine Bestandsgarantie für den Euro gegeben hat, indem er sagte: "Wir werden den Euro mit allen Mitteln verteidigen. Glauben Sie mir, wir werden genug Mittel haben". Und drittens hat man den ESM eingeführt, diesen dauerhaften Rettungsschirm, der jetzt in Kraft getreten ist. Es sind jetzt gewisse Säulen eingezogen worden, die auch für die nötige Ruhe gesorgt haben. Es gibt ja den VDAX, den Schwankungsindex, der anzeigt, wie groß die Angst oder die Nervosität an den Märkten ist. Und dieser liegt wieder auf dem Stand von 15 Prozentpunkten. Im Extremfall lag er schon bei 80. Das war in der Panik 2008. Jetzt ist er wieder so niedrig, als ob alles in Ordnung wäre. Das macht mich auch stutzig. Denn kurzfristig erwarte ich durchaus Turbulenzen an der Börse.

Dass wir hier in Deutschland so glimpflich durch die Krisenjahre gekommen sind, zumindest im Vergleich zu anderen, hat bestimmte Gründe. Wie groß ist ihrer Meinung nach der Anteil des Mittelstandes an diesem wirtschaftlichen Erfolg in Deutschland?
Heller: Der allergrößte. Der Mittelstand ist das Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Um den beneidet uns die halbe Welt. Mittelständische Unternehmen schaffen siebzig oder achtzig Prozent des Bruttosozialproduktes und auch der Jobs. Nicht Siemens, nicht BMW und nicht Daimler sind die treibenden Kräfte in der deutschen Wirtschaft. Der Mittelstand ist es. Viele deutsche Mittelständler sind Weltmarktführer in gewissen Nischen. So viele Weltmarktführer in Nischen hat kein anderes Land. Das ist auch durch unsere Mentalität bedingt. Es gibt ja den wunderbaren Spruch: "Wenn einer hinter Ihnen in die Drehtür geht und vor Ihnen wieder herauskommt, dann ist er ein Sachse." Diese Mentalität ist hauptschlich im Süden Deutschlands angesiedelt. Dazu kommt das duale Ausbildungssystem. Das hat auch kein anderes Land. Sogar Barack Obama hat in seiner Rede an die Nation erwähnt, dass Deutschland so gut dastehe in der Welt, weil es eine bessere Ausbildung, nämlich das duale Bildungssystem habe. Das sagt ein amerikanischer Präsident in seiner wichtigsten Rede des Jahres! Mit anderen Worten: Deutschland steht ganz gut da. Wo sehen Sie die entscheidenden, wichtigsten Megatrends auf der Welt - und in der Folge dann natürlich auch für die Finanzmärkte? Heller: Zum Einen ist es eine gewisse Rohstoffverknappung, die in Zukunft zu erwarten ist. Öl zum Beispiel. Aber auch Trinkwasser wird ein verknappendes Gut sein. Und die Ernährung in der Welt wird mehr Geld kosten. Die aufstrebende Schwellenländer-Bevölkerung will sich nicht nur mit Tofu ernähren, sondern u.a. mit mehr Fleisch. Dieser erhöhte Fleischbedarf könnte dann zu steigenden Preisen führen. Aber auch die rasante Entwicklung der Schwellenländer selbst ist ein Megatrend. Denn dort leben rund 80 Prozent der Weltbevölkerung. Auf der Erde leben derzeit mehr als sieben Milliarden Menschen. 80 Prozent davon sind weit mehr als fünf Milliarden, die auch mehr Dynamik haben. Das ist eine junge Bevölkerung mit einer gesunden Demografie, einem gesunden Lebensbaum. Unser Lebensbaum sieht anders aus... Deswegen ist die Rente nicht gesichert. Die Anderen befinden sich auf einer gnadenlosen Aufholjagd uns gegenüber, weil sie auch ein Auto, ein schönes Haus oder eine schöne Wohnung haben wollen. Dort findet das große Wachstum statt. Deswegen sind die Schwellenländer fast schon ein Muss in einem Wertpapier-Depot. Last but not least die Informationsgesellschaft und die Medien. Allein das Handy zeigt diese revolutionäre Entwicklung. Wir denken gar nicht mehr darüber nach, welche enorme Ingenieursleistung da drin steckt, dass man an jedem Ort der Welt telefonieren kann, ohne Schnur. Und das Internet, welches das Wissen der Welt beinhaltet. Zumindest das Informationszeitalter hat in meinen Augen die Gleichheit hergestellt zwischen Arm und Reich, weil jeder sich heutzutage Wissen aneignen kann. Es hat die Gleichheit hergestellt, die die französische Revolution vergeblich versucht, aber nicht geschafft hat. Das ist eine große Leistung des Informationszeitalters, in dem wir leben. Das sind so einige der großen Trends, die mir gerade einfallen.

Was halten Sie von dem so genannten "Fracking". Da wird auch in Deutschland schon nach geeigneten Gebieten geschaut. Könnte dies möglicherweise auch Turbulenzen am Erdgasmarkt oder bei den Erdölpreisen auslösen?
Heller: "Fracking" ist ein amerikanischer Begriff und bedeutet, dass man unter hohem Druck Wasser und Chemikalien in die Erde hineinpumpt und das Gestein dann so öffnet bzw. auseinanderdrückt, dass darin gefangengehaltenes Erdgas befreit wird und ausströmen kann. Man schätzt sogar, dass Amerika auf diese Weise ab 2020 ölunabhängig werden könnte. Der Ölimport ist derzeit einer der wesentlichen Gründe für das Exportdefizit der Amerikaner. Insofern könnte das "Fracking" eine dramatische Wende im Verhältnis zu Amerika bringen. Dort sind gewaltige Vorkommen, während sich die Vorkommen in Deutschland, soweit sie da sind, nicht lohnen. In Deutschland wird es deshalb wahrscheinlich nicht stattfinden. Und da wo es stattfinden könnte, werden die Umweltverbände schon dafür sorgen, dass es nicht stattfindet. Jedenfalls spricht man in Amerika davon, dass schon in sieben Jahren kein Öl mehr eingeführt werden müsse. Sie sollten sogar welches ausführen können. Ich glaube, dass Öl zunächst nicht unter den sich verknappenden Ressourcen einzustufen ist. Ich glaube aber, dass die "Fracking"-Methode insgesamt natürlich auch mit Risiken verbunden ist, weil die Chemikalien ins Grundwasser sickern können. So ganz unproblematisch ist es also nicht. Aber es ist jedenfalls eine positive Sicht, dass das Ende des Ölzeitalters noch ein bisschen hinausgeschoben werden kann. Andererseits glaube ich, dass die Energiewende, die wir in Deutschland eingeleitet haben, insoweit richtig ist, als sie uns a) energieunabhängiger vom Ausland macht und b) auch zwingt, neue Technologien zu entwickeln. Denn wir in Deutschland haben es längst nötig, dass wir wieder eine bahnbrechende Erfindung machen. Wir haben den Otto- und den Diesel-Motor erfunden. Wir haben so viele Dinge erfunden. Da ist es Zeit, dass wieder was kommt.


Wir Sachsen haben bisher immer unseren Beitrag geleistet. Denken Sie an den Bildtelegraphen, die Kleinbildkamera, das erste vollsynthetische Feinwaschmittel, die Melitta-Filtertüte, den Teebeutel, das Milchpulver, die Thermoskanne, die ersten Gaslaternen, das ODOL Mundwasser oder das Porzellan...

Heller: Ja natürlich! Ich habe ja immer schon gesagt, dass ich die Sachsen sehr hoch einstufe, ähnlich hoch wie die Schwaben, wo ich herkomme.

Hat der DAX trotz der Rallye der vergangenen Wochen aus Ihrer Sicht noch Potenzial? Ist er noch günstig bewertet, wenn wir uns gerade auch das KGV der DAX-Werte anschauen?

Heller: Ja! Wenn ich zurückgehen darf zur Jahrtausendwende. 2000 war der DAX mit dem 33-fachen des Gewinns bewertet. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis des DAX war also bei 33. Heute ist es bei elf. Das heißt: es liegt bei einem Drittel von damals. Anders gesagt: Der DAX ist um zwei Drittel billiger, als er damals war. Damals war er natürlich überbewertet. Damals war die Telekom mit einem KGV von 100 bewertet. Da muss man sich wirklich an den Kopf langen. Aber zweitens ist der DAX auch billig, weil das Kurs-Buchwert-Verhältnis gerade mal bei etwas über eins liegt. Beim Zerschlagen eines Unternehmens käme also dasselbe raus wie das, was zu Buche steht. Drittens: Die Dividenden-Rendite beträgt bei DAX-Werten im Schnitt 3,5 Prozent. Bei einzelnen Werten wie RWE, E.on, Daimler oder einigen anderen liegt sie sogar zwischen 7 und 8 Prozent. Bei der Deutschen Post liegt sie um die vier Prozent. Die Dividende der Post ist übrigens als einzige im DAX steuerfrei. Das hat die Post, weil es ein staatseigener Betrieb war, gut gedeichselt.