• November 10, 2022
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Sie sind die neue Chefin der Staatsoperette. Ein Theater, das den Dresdnern seit Jahrzehnten sehr am Herzen liegt. Dresden würde gerne mehr über Sie wissen als Ihre Expertise. Was macht Sie aus?

Kondaurow:  Ich bin bilingual aufgewachsen: Mein Vater stammt aus Russland, meine Mutter ist waschechte Berlinerin. Beide Kulturen haben mich geprägt, zudem sind wir eine sehr kulturaffine Familie. Meine Mutter war schon immer musikinteressiert und hat dafür gesorgt, dass mein Bruder und ich eine sehr gute musikalische Ausbildung genossen haben. Ich lernte verschiedene Instrumente und habe mich dann auf Klavier festgelegt. Zudem erinnere ich mich, dass wir häufig Opern und Konzerte besucht haben – zu Weihnachten beispielsweise  standen „Hänsel und Gretel“ oder „Das Märchen vom Zaren Saltan“ auf dem Programm. Zu Hause haben wir viel klassische Musik gehört, vor allem Klavierkonzerte von Bach, Mozart, Rachmaninov.

Was bedeutet Musik für Sie?

Kondaurow: Musik war für mich schon immer eine Rückzugsmöglichkeit aus der Realität, um aus dem Alltag herauszukommen und den Horizont zu erweitern. Man blickt in eine ganz andere Welt, kann in verschiedene Kosmen schauen – sei es emotional oder geografisch. Musik und Kultur hatte bei uns immer etwas mit Sehnsucht und Öffnung zu tun.

Wollten Sie eine instrumentale Karriere starten?

Kondaurow: Ursprünglich schon. Doch als es darum ging, sich für ein Studium zu entscheiden, habe ich die Management-Seite gewählt. Das Erleben der reinen, künstlerischen Perspektive, hat mir neben vielen positiven Erfahrungen auch die harten Seiten des Künstlerdaseins aufgezeigt. Nur wenige wirklich gute Musiker können die Nummer Eins sein, gerade am Klavier.    

Gehörten Sie nicht dazu?

Kondaurow: Ich wusste vor allem, dass ich eines nicht wollte – in der zweiten Reihe stehen. Man setzt sich zwar immer einem Wettbewerb aus, doch wer schlussendlich der Beste ist, wird sehr subjektiv bestimmt und ist knallhart – wie in jeder Branche. Ich wollte mir aber die Lust an der Musik nicht verderben.

Was haben Sie aus den Wettbewerbssituationen gelernt?

Kondaurow: Man braucht eine unglaubliche Disziplin, muss hart arbeiten und  sein Programm technisch perfekt beherrschen. Im Moment des Auftritts gilt es dann aber, loszulassen, sich auf die Musik einzulassen, ohne die Kontrolle ganz aus der Hand zu geben. Diese Erfahrung lässt sich auf viele Situationen übertragen.

Ist es nicht eine generelle Illusion, dass man im Leben nach objektiven Kriterien beurteilt wird?

Kondaurow: Da stimme ich Ihnen zu. Dennoch erleben wir gesamtgesellschaftlich betrachtet gerade einen Bewusstseinswandel. Geschlechterzuschreibungen werden hinterfragt, tradierte Verhaltensmuster und patriarchale Systeme aufgebrochen. Wie in allen Bereichen wird auch im Theater über Machtstrukturen debattiert. Männlichkeits- und Weiblichkeitsbilder - die gesamte soziale Kultur - ändern sich und mit ihr die Wahrnehmung von Person, Leistung und Möglichkeiten.

Beziehen Sie das auch auf sich selbst?

Kondaurow: Ja. Ich bin davon überzeugt, dass ich heute in dieser Position sein kann, weil es diesen gesellschaftlichen Wandel gibt und im Auswahlverfahren bewusst geschaut wurde, welche Kompetenzen und konzeptionellen Ideen ich mitbringe und nicht vorschnell geurteilt wurde, weil ich eine Frau bin, jung und noch nicht so viele Häuser geleitet habe. Aber noch ist das die Ausnahme.

Wie gehen Sie mit ungerechter Kritik um?

Kondaurow: Als ich von der Findungskommission benannt wurde, gab es einigen medialen Aufruhr. Ich konnte die Situation meistern, indem ich offensiv auf meine Kritiker zugegangen bin und das Gespräch gesucht habe. Ansonsten kann ich aus meinem gesamten Werdegang heraus nur Positives reflektieren. Ich konnte immer als Person und  mit meinen Ideen und deren Umsetzung überzeugen.

Hatten Sie Unterstützer?

Kondaurow: Ja. Ich war immer von Leuten umgeben, die an mich geglaubt und mir verschiedene Gelegenheiten gegeben haben, auszuprobieren, zu gestalten, in Aktion zu treten. Vorbilder sind die starken Frauen in meiner Familie. Später waren es die Professoren an der Hochschule und irgendwann die Chefs und Dramaturgen in den verschiedenenkulturellen Institutionen und Theatern, in denen ich gearbeitet habe.

Die Staatsoperette und drei Kinder – das ist eine Aufgabe. Sind Sie ein strukturierter Mensch?

Kondaurow: Ja. Ich habe gerne meinen Tagesrhythmus, der wochentags meist 6 Uhr morgens beginnt. Für die Menge an Aufgaben muss man alles gut durchdenken und vorbereiten. Ich versuche, mir immer mal Freiräume einzuplanen, in denen ich Dinge abarbeiten kann, denn vor allem das Personalmanagement beansprucht viel Zeit. Meistens komme ich gegen neun Uhr ins Büro und bespreche den Tag mit meiner Referentin und meiner Sekretärin. Dann stehen Termine an, zum Beispiel mit meinem Chefdisponenten, meiner Verwaltungsdirektorin,  dem Marketingteam. An manchen Tagen haben wir Castings, zudem versuche ich, regelmäßig Probentermine wahrzunehmen, um Einblicke in die jeweilige Produktion zu haben und mich am künstlerischen Prozess zu beteiligen. Die dramaturgische Arbeit ist mir nach wie vor sehr wichtig.

Sie sind sehr ambitioniert…

Kondaurow: Ich bin Kulturmanagerin und Dramaturgin und liebe gerade diese Vielfalt an meinem Job. Für manche bedeutet Dramaturgie nur, Programmhefte zu schreiben. Im Ursprungssinn beinhaltet es aber die eigentliche kreative Arbeit – Projekte, Stücke zu initiieren, zu planen und die Umsetzung zu gestalten, selbst Texte und Libretti zu schreiben.

So wie Sie?

Kondaurow: Natürlich obliegt mir als Intendantin die komplette Programmgestaltung – über Stückentscheidungen, Besetzungsfragen bis hin zur Auswahl von Regie-Teams. Am Deutschen Nationaltheater Weimar konnte ich aufgrund der flachen Hierarchie in der Dramaturgie bereits ähnlich arbeiten. Zudem war es sehr lehrreich, spartenübergreifend zu denken und Projekte zu initiieren, die Schauspiel und Musiktheater näher zusammen gebracht haben. Dieses spartenübergreifende Denken hat mich in meiner Arbeit sehr geprägt. Zudem waren wir im Repertoire sehr breit gefächert aufgestellt, von jedem Genre war etwas dabei. Ich habe schon immer das musikalische Unterhaltungstheater geliebt.

Unterhaltungstheater ist nicht so angesehen wie  das ernste Fach, oder?

Kondaurow: Ja, das ist richtig, jedenfalls im Stadt- oder Staatstheaterkontext. Da ist man schnell verschrien, wenn man Operetten oder Musicals auf den Spielplan setzt, da das zwar die Kasse füllen würde, aber nicht dem intellektuellen Anspruch genüge. Leichte Unterhaltung für das Publikum, aber nicht viel dahinter.

Das sehen Sie anders?

Kondaurow: Ja. Natürlich mag das Publikum Komödien, Operetten, gute Unterhaltung, aber das ist ja keineswegs verwerflich. Wir machen die Programme ja für unsere Gäste. Zum anderen bietet dieses Genre  gerade auch die Möglichkeit zum Diskurs – scharfzüngig, humorvoll und hintersinnig aktuelle Themen aufzugreifen und zu verarbeiten. Zudem vereint das musikalische Unterhaltungstheater das spartenübergreifende Denken in sich – mit allen Elementen, die einen guten Theaterabend ausmachen: Schauspiel, Tanz, Musik. Und alle diese Sparten, die wunderbaren künstlerischen Ensembles der Staatsoperette – Solist Tänzer, der Chor, das Orchester, die künstlerischen Vorstände – sie alle bringen Abend für Abend ein großes Repertoire an Stücken zur Aufführung. Ich bin sehr glücklich, die Leitung der Staatsoperette seit dieser Spielzeit inne zu haben und das Potenzial des Hauses weiter entwickeln zu können.