• Februar 27, 2020
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Ursula Herrmann: Es gibt immer einen Ausweg

Sie ist eine besondere Frau, die die Dresdner Gesellschaft mit geprägt hat. Im Januar 1995 übernahm Ursula Herrmann gemeinsam mit ihrem Mann Hans-Joachim das Hotel Schloss Eckberg als Direktorenpaar. 18 Jahre lang führten die beiden das Unternehmen. Rund 500 Hochzeiten, Empfänge für Könige und Staatspräsidenten sind organisiert worden. Doch auch nach dem Hotelbetrieb blieb Ursula Herrmann der Stadt treu. Bis heute engagiert sie sich in Charity-Aktionen und ist ein wichtiger Teil der Dresdner Gesellschaft. Wir haben uns mit der energiegeladenen Powerfrau unterhalten und erfahren wie sich ein ereignisreicher Ruhestand anfühlt und was sie rückblickend vom Leben gelernt hat.

 

Sie stehen offenbar immer unter Strom. Woher nehmen Sie diese Energie?
Ursula Herrmann:
Energie kann man immer nur dann haben, wenn man auch ein positives Leben hat. Und das habe ich, gemeinsam mit meinem Mann. Ich bin schon immer temperamentvoll gewesen. Vermutlich ein Erbteil meines Vaters, der Zahnarzt war und bis ins hohe Alter in seiner Praxis gestanden hat. Und natürlich kann man nur erfolgreich sein, wenn es Einen gibt, der Dich machen lässt, was Du gerne möchtest, der Dir dabei hilft und Dir den Rücken freihält. Man sagt immer: „Hinter einem starken Mann, steht eine starke Frau.“ Ich interpretiere diesen Satz gern auch in beide Richtungen, was ich durchaus als Kompliment für meinen Mann verstanden wissen möchte.


Sie scheinen - im wahrsten Sinne des Wortes - alles mit Herz zu machen…
Ursula Herrmann:
Natürlich und das noch mehr, seit ich nicht mehr im klassischen Berufsleben stecke. Alles, was ich mache, kommt von Herzen. Das ist mein Erfolgsrezept, das ich gern auch an junge Menschen weitergebe. Sie müssen das was sie tun, aus Passion tun. Man darf sich nichts diktieren lassen durch die Umwelt, durch die Politik, durch die Eltern. Sich zu verbiegen ist noch nie von Erfolg gekrönt gewesen. Ich habe immer das gemacht, was ich wollte, um meine eigenen Ziele zu verfolgen. Dazu gehörte es, sich durchzusetzen, andere mitzunehmen und zu begeistern. Das ist nicht immer leicht, aber die Menschen spüren, wenn man eine Vision hat und für eine Sache brennt.

 

Viele haben Angst davor,fü?r ihre Passion einzustehen. Was wu?rden
Sie denen raten?
Ursula Herrmann:
Ich bemühe da gern Fassbinders Melodram-Titel „Angst essen Seele auf.“ Angst ist ein schlechter Begleiter. Die Menschen müssen Mut haben, sie müssen sich ihren Weg zeichnen und die Zuversicht aufbringen, ihn auch zu gehen, selbst wenn man manchmal korrigieren, anders abbiegen muss als man das geplant hat. Das sagt sich im Alter leicht, weil man weiser ist, mehr Erfahrung hat. Aber alles Negative im Leben hat etwas Positives. Das muss man erkennen und aus dieser Zuversicht muss man lernen.


Wie haben Sie Ihren geraden Weg gefunden?
Ursula Herrmann:
Jeder bringt etwas ganz Eigenes, Individuelles mit, jeder hat Anlagen. Die muss man erkennen und ausbauen, denn das nimmt einem niemand ab. Ich hatte immer Berufe, die mit Menschen zu tun hatten. Wenn ich erkannt habe, dass eine Epoche zu Ende ist, ich nicht mehr gefordert bin, habe ich meinen Job gewechselt. Nichts ist schlimmer als Langeweile oder Stillstand. Das war für mich nie eine Option und ich hatte Glück, für mich hat sich dann immer etwas Neues ergeben. Schnell war es auch so, dass meine vorherigen Stationen als Referenzen dienten und ich dadurch immer neue Chancen erhielt und bestärkt worden bin. Wenn ich heute etwas erreichen will, dann erreiche ich es.


Wie machen Sie das?
Ursula Herrmann:
Ich denke zum Einen ist das eine Naturell-Frage. Einen Teil bekommt man mit und einen Teil muss man sich erarbeiten.Du kannst nicht, wenn Du eine krumme Nase hast, sie gerade machen. Du kannst aber, wenn Du Werte in Dir hast, sie so mit Leben füllen, dass du das schönste Charaktergesicht zur Schau stellst.


Welche Werte stecken denn in Ihnen?
Ursula Herrmann:
Die Liebe zur Kunst. Aber auch meine Gutmütigkeit, über die ich oft gestolpert bin. Mein Leitsatz im Leben ist „Geben und Nehmen“ und das wird auch bis zum Ende meines Lebens so bleiben. Sicher kann man da auch enttäuscht werden. Manchmal haben mich Menschen gefragt, wenn ich ein Projekt beendet hatte, was ich dafür bekommen hätte. Oft war das nichts. Aber das war mir egal. Viele Leute können heute nur nehmen. Man sollte aber immer schauen, auch etwas zu geben, denn darin steckt oftmals so viel mehr.


Wie sind Sie mit den Enttäuschungen umgegangen?
Ursula Herrmann:
Ich habe sie weggesteckt und aus ihnen gelernt. Das war eben so und gut. Entweder ich habe daraus meine Konsequenzen gezogen oder Kompromisse gemacht.


Sie machen sich u?ber so etwas keine Gedanken?
Ursula Herrmann:
Nein! Warum auch? Da bekomme ich nur Magenschmerzen, verliere meine Fröhlichkeit und würde nicht mehr mit dem gleichen Enthusiasmus an neue Projekte herangehen können.


Ist Ihnen auch nichts im Leben begegnet, was Sie heute noch beschäftigt und womit Sie hadern?
Ursula Herrmann:
Doch! Das passiert jedem Menschen. Mir auch. Ich knabbere an solchen Sachen, zum Beispiel wenn mich Menschen enttäuscht haben oder auch wenn ich enttäuscht habe. Das gab es ein paar Mal in meinem Leben. Ich frage dann auch mich selbst, warum ist das so gewesen ist und wenn ich zu keinem Schluss komme, dann muss ich es irgendwann abhaken.


Also muss man mit unangenehmen Erfahrungen seinen Frieden machen?
Ursula Herrmann:
Muss man! Sonst kann man nicht glücklich sein oder zufrieden. Ein Beispiel: Es gab einen Vorfall im Flugzeug. Die Maschine musste wegen eines Defektes umkehren. Ich hatte wirklich Angst, dass wir abstürzen würden. Da lehnte sich mein Mann neben mir zurück, wippte entspannt und meinte, er hätte ein so schönes Leben gehabt und wenn es jetzt beendet sei, mache es ihm nichts aus. Das ist so ein Satz, der gibt so viel Frieden. Und so muss man es halten. Es ist wichtig, wie man lebt und was man anderen geben kann. Das Leben ist nicht immer Zuckerschlecken. Das war es bei mir auch nicht.

 

Was muss man tun, um bei einer Flugzeugkatastrophe entspannt so
einen Satz sagen zu können?
Ursula Herrmann:
Man muss regelmäßig ein Fazit ziehen und positiv bleiben. Auch im Rückblick. Auch wenn manches nicht immer toll war, sollte man feststellen, es war doch nicht alles schlecht. Im Gegenteil!


Wie sieht heute, im sogenannten Ruhestand, Ihr Alltag aus?
Ursula Herrmann:
Ich habe noch so viel Temperament. Wenn ich morgens aufstehe, muss ich oft gar nicht überlegen, was ich mache. Ich beginne direkt. Bei mir fängt der Tag früh an und dann läuft er.


Planst Sie nicht?
Ursula Herrmann:
Nein! Natürlich weiß ich, wie meine Termine liegen, die halte ich ein, aber mehr plane ich nicht.


Ist das auch so ein Erfolgsrezept, sich auf das Leben einzulassen, es
geschehen zu lassen?
Ursula Herrmann:
Ja, ich denke schon. Manche Dinge muss man passieren lassen. Es ist mir egal, wenn andere sich daran abarbeiten. Was ich machen möchte, das mache ich. Als wir vor sechs Jahren der Hotellerie den Rücken gekehrt haben, begann eine neue Zeit. Seitdem tue ich all jene Dinge, an denen ich Spaß habe. Wohlwissend, dass die Hotellerie eine der schönsten Epochen für meinen Mann und mich gewesen ist. Aber sie war auch sehr anstrengend und es gab keine Freizeit. Alles war vorbestimmt. Absprachen, Termine, Events... Jetzt machen wir beide, was wir wollen. Schon wieder sagen Sie, es sei Ihnen egal, was andere über Sie sagen.


Das erfordert Mut. Sind Sie besonders mutig?
Ursula Herrmann:
Nein, nicht grundsätzlich, das musste ich erst lernen. Ich war, berufsbedingt, immer bereit, die Wünsche der anderen zu erfüllen, das zu machen, was die anderen wollten. Egal, ob ich das richtig gefunden habe oder nicht, ob das zu anstrengend war oder nicht. Aber um Erfolg zu haben, ist es auch wichtig, mutig zu sein. Ein Philosoph hat einmal gesagt: Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit und das Geheimnis der Freiheit ist der Mut.


Sind Sie heute mutig?
Ursula Herrmann:
Ja. Wenn Du den Rücken frei hast, kannst Du es wagen, Deinen Mut zu zeigen. Viele Leute sind zu oberflächlich. Wennman selbst bereit ist, etwas mehr von sich herzugeben, gibt der andere auch etwas.


Wie kriegt man den Rücken frei?
Ursula Herrmann:
Man muss sich das organisieren. Man muss das selber in die Hand nehmen und man braucht einen starken Partner, der einem dabei hilft.


Man sieht Herrmanns meistens zu zweit, warum?
Ursula Herrmann:
Wir machen vieles zusammen. Wir haben 28 Jahre zusammen gearbeitet, 24 Stunden am Tag. Und dann haben wir trotzdem ein Jahr gebraucht, uns daran zu gewöhnen, zu Hause 24 Stundenzusammen zu sein. Dann haben wir festgestellt, dass jeder trotz alledem im Privatleben seinen eigenen Weg gehen muss. Mein Mann studiert Philosophie, ich mache Wohltätigkeitsprojekte. Wir haben immer noch den Abend, an dem wir beisammen sitzen bei einem Glas Wein, unseren Gesprächststoff über das, was er macht oder das, was ich gemacht habe.


Das klingt nach einer sehr engen Bindung...
Ursula Herrmann:
Ja, das ist sie auch. Wir kennen uns extrem gut. Oft erspu?ren wir, was der andere denkt, wo er war und wie es ihm geht. Unsere Verbindung hat Höhen und Tiefen erlebt, aber eines kann man sagen: Es hat gepasst, von Anfang an. Einen passenden Partner an seiner Seite zu haben, macht es einfacher.


Haben Sie sich gesucht oder war das Schicksal?
Ursula Herrmann:
Ich glaube es war Schicksal. Daran glaube ich fest, denn ich habe ein wahnsinniges Gespür für so etwas.


Wie geht das?
Ursula Herrmann:
Das kann ich nicht sagen. Es klingelt manchmal das Telefon und ich weiß, wer dran ist, ohne die Nummer zu sehen. Wenn ich mich mit etwas intensiv beschäftige, funktioniert das. Frauen haben sowieso ein besseres Gespür als Männer, auch wenn diese das nicht gern hören. Außer mein Mann, der hat damit kein Problem.


Intuition, Gefühl, Gespür – das sind alles Züge, die neuerdings nicht
nur in der Geschäftswelt up to date sind. Sie können das also auch?
Ursula Herrmann:
Was heißt können, man eignet sich sowas intuitiv an. Das funktioniert in meinem Fall aber nur mit Menschen, die mich interessieren. Mit jenen, mit denen ich nichts zu tun haben will, geht das nicht.


Welche Art Menschen interessieren Sie denn nicht?
Ursula Herrmann:
Ich will niemanden brüskieren. Schlecht umgehen kann ich aber mit Angeberei, Oberflächlichkeit oder Intriganz.


Was machen Sie, wenn Sie solchen Menschen begegnen?
Ursula Herrmann:
Ich begegne ihnen einfach nicht mehr, ich gehe ihnen
aus dem Weg.


Sie spüren diese Eigenschaften also schon vorher?
Ursula Herrmann:
Nein, natürlich nicht immer. Aber man merkt mir schnell an, was ich denke oder wie ich Menschen gegenüberstehe. Dann gab es immer einen Hinweis von meinem Mann – 25 Jahre lang - ichmöge freundlich sein. Manchmal gab es auch einen Tritt unter dem Tisch. Aber, ich kann mich schlecht verstellen. Früher haben wir es immer so gehandhabt: Wenn mein Mann mit jemandem nicht zurecht gekommen ist oder ich nicht, dann haben wir getauscht. Nicht gleich, sondern beim nächsten Mal. Das ist doch eine klasse Symbiose, oder?


Sie quälen sich also nicht durch Situationen mit unangenehmen
Menschen?
Ursula Herrmann:
Nein, das mache ich nicht mehr, im Gegenteil! Das würde mir nicht gut tun. So lange ich gearbeitet habe, musste ich mich anpassen. Jetzt habe ich die Möglichkeit, mich mit den Menschen umgeben zu können, mit denen ich mich wohlfühle. Das ist eine Freiheit. Ich muss mich nicht mehr verbiegen und fu?hle mich dadurch auch freier.


Also haben Sie den Abschied vom Berufsleben gut gemeistert?
Ursula Herrmann:
Wir haben uns lange darauf vorbereitet. Schon viele Jahre zuvor haben wir begonnen, uns mit dem Danach zu beschäftigen und uns zu überlegen, was jeder Einzelne von uns machen möchte und was wir gemeinsam tun können. Das ist sehr wichtig, damit man nach dem Berufsleben nicht in ein Loch fällt, wie so viele.


Sind Ihre Pläne aufgegangen?
Ursula Herrmann:
Nein. Wir haben zum Beispiel immer gesagt, wenn wir nicht mehr arbeiten, essen wir jeden Tag zu Mittag. Das haben wir in den sechs Jahren nicht einmal geschafft. Ich wollte immer viel kochen. Aber ich bin gar nicht daheim zum Kochen. Wir sind immer unterwegs, wir essen abends. Sie scheinen sich in Ihrer Art und in Ihrem Aussehen kaum zu verändern. Sie werden scheinbar
gar nicht älter. Das unterscheidet Sie von vielen anderen Menschen Ihrer Generation.


Wie machen Sie das?
Ursula Herrmann:
Meiner Meinung nach, gibt es viele Menschen in meiner Generation, die deutlich jünger sind, als noch vor 20 Jahren. Aber das Rezept ist einfach, ich versauere nicht vor dem Fernseher. Ich bin aktiv und interessiert, nehme Anteil und halte mich auf dem Laufenden.


Das kann doch nicht alles sein. Was machen Sie noch?
Ursula Herrmann:
Glücklich sein. Zufrieden sein. Ich bin auch nicht neidisch. Auf gar nichts und auf materielle Dinge schon gleich gar nicht. Manches hätte ich vielleicht gern anders gehabt. Aber wir sind zufrieden mit unserem Leben, wir haben gesunde Kinder, gesunde Enkelkinder. Und das ist eigentlich das Rezept. Wir treiben ein wenig Sport. Jetzt im Winter gehen wir einmal in der Woche zum Schwimmen. Wir achten auf die Vorsorge, einmal im Jahr lassen wir uns durchchecken und schauen, dass wir gesund sind. Danach trinken wir eine Flasche Champagner, weil wir dankbar dafür sind, dass es uns gut geht. Es ist vor allem die Einstellung zum Leben.


Da helfen Ihnen sicher auch Ihre Tugenden. Sind Sie wirklich nie neidisch?
Ursula Herrmann:
Nein. Neid ist etwas Furchtbares. Wenn man das nicht in den Griff bekommt, dann wird man unzufrieden. Deswegen muss man sich disziplinieren. Ich war nie neidisch. Auch als junge Frau nicht. Das hat mein Vater mir abgewöhnt. Er hat immer gesagt, was Du Dir selber nicht leisten kannst, brauchst Du nicht. Ich bin sehr streng erzogen. Für meinen Vater war Geld ein sehr negatives Wort. Geld braucht man zum Leben und sonst nicht. Und heute? Wenn ich etwas bekomme, dann nehme ich es auch. Aber wenn ich etwas nicht habe, dann habe ich es nicht.


Finden Sie diese Tugenden bei der heutigen Jugend auch?
Ursula Herrmann:
Die jungen Menschen stehen vor deutlich größeren Herausforderungen, gerade was materielle Dinge angeht. Sie haben es deutlich schwerer, als wir es gehabt haben. Der sichtbare Luxus ist riesig. Und es ist schwer, bei der großen Auswahl den richtigen Weg zu finden.

 

Was haben Sie vom Leben gelernt?

Man muss wissen, dass es unterschiedliche Situationen gibt, auf die man sich einstellen muss. Dazu muss man Wagemut haben und Selbstbewusstsein. Jedes Negative im Leben hat auch etwas Positives. Das Leben gibt Dinge vor und man muss sich darauf einstellen. Man muss bereit sein, das Positive zu finden und aktiv zu sein. Probleme gibt es immer. Manche sind größer, manche sind ganz klein. Man kommt immer wieder in Situationen, da steht man vor einer Wand und dann ist die Frage, ob man rechts vorbei geht, links oder dru?ber weg. Aber eines ist wichtig. Die Zuversicht, denn es gibt immer einen Ausweg.