• November 10, 2022
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Seit der Spielzeit 2018/19 leitete Peter Theiler als Intendant die Semperoper Dresden. Nun ist Schluß. Im Interview mit Disy verrät er uns, worauf es bei der Gestaltung des Spielplans ankommt, warum er die Dresdner ins Herz geschlossen hat und weshalb die französische Oper ihm besonders gut gefällt. Lesen Sie mal!

Sie waren seit Beginn der Spielzeit 2018/19 Intendant der Semperoper. Kam alles wie erwartet oder was hat Sie überrascht?

Theiler: Ich habe mich drei Jahre lang auf meine Intendanz vorbereiten und mich vor meinem offiziellen Amtsantritt sehr intensiv einarbeiten können, soviel der Vorbereitungszeit bedarf es auch mindestens. In dieser Zeit konnte ich schon viel erspüren, den Betrieb im Ganzen erfassen und schauen, wie die Semperoper strukturiert ist. Insofern gab es da keine wirklichen Überraschungen mehr, und ich stellte sehr schnell fest, dass ich den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hier sehr zugetan bin. Vor allem ist ihre Identifikation mit dem Haus spürbar, das Bewusstsein dafür, was die Semperoper ausmacht. Das gleiche gilt selbstverständlich auch für die Kolleginnen und Kollegen der Sächsischen Staatskapelle, die wiederum einen eigenen Charakter trägt.

Haben Sie schon ein Gefühl für das einheimische Publikum?

Theiler: Die sächsische Mentalität empfinde ich als durchweg sehr angenehm. Das hat mich aber ebenso wenig  überrascht, weil ich die Menschen hier bereits sehr direkt kennenlernen durfte. Meine Frau und ich hatten schon vor zwei Jahren mit dem Umbau unserer neuen Wohnung begonnen und dabei viel mit den lokalen Handwerkern zu tun. Da konnten wir sehr viel Einblick in die sächsische Seele nehmen und die ist uns sehr angenehm.

Wie ist die Mentalität der Sachsen?

Theiler: Die Sachsen sind sehr offen und kontaktfreudig, man kommt schnell mit ihnen ins Gespräch. Ich habe bislang keinen kennengelernt, der nicht gern bereit ist, sich zu unterhalten, dabei voller Ideen steckt und diese auch gerne mitteilt. Und das ist doch im Grunde genommen sehr positiv.

Die Mitarbeiter sind stolz auf ihre Semperoper, die Dresdner lieben sie seit Jahren. Dann kommen Sie mit ihrem klug durchdachten Konzept, mit ihrem ausgetüftelten Spielplan. Wie ist das angekommen?

Theiler: Durchweg positiv. Das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass es nach sechs Jahren der Interimsintendanz eine gewisse Erwartungshaltung gab, wie es weitergeht. Ich habe immer wieder von Mitarbeitern gehört, dass man sich darüber freut, dass die künstlerische Leitung wieder in einer Hand liegt. Das war schon mal ein sehr positiver Vorschuss.

In welchem Zustand war die Semperoper, als Sie Ihre Intendanz begonnen haben?

Theiler: Das Haus war in einem tadellosen Zustand. Es ist ja nicht führungslos dahingetrieben, sondern der Kaufmännische Geschäftsführer Wolfgang Rothe leitete die Semperoper als Interimsintendant mit kommissarischer Funktion hervorragend. Außerdem gibt es ein sehr versiertes Direktorium, wodurch insgesamt das Haus äußerst stabil geführt wurde und sehr gute Bilanzen aufweist. Auf diesem stabilen Fundament konnte ich beginnen, auch wenn einiges strukturell neu geordnet und manches wieder so eingerichtet werden musste, wie es für eine Musiktheaterleitung mit einer Doppelspitze üblich ist.

Was ist der Vorteil der Doppelspitze?

Theiler: Theater sind in der Regel von einer Doppelspitze geführt. Der kaufmännische Apparat an einem Opernhaus ist riesig und bringt eine ebenso große Verantwortung mit sich. Die kaufmännisch-administrative Verantwortung kann der künstlerisch Verantwortliche daher nicht auch noch innehaben, dafür benötigt es zusätzlich eines versierten Managers. Wolfgang Rothe ist weiterhin als Kaufmännischer Geschäftsführer tätig, die künstlerische Leitung dagegen liegt bei mir als Intendanten, der auch das Haus nach außen repräsentiert. Wir arbeiten beide als Geschäftsführer sehr eng zusammen und im besten Falle beflügelt einer den anderen. Und selbstverständlich habe ich eine kaufmännische Mitverantwortung inne.

Welche wirtschaftlichen Forderungen können Sie denn als Intendant stellen?

Theiler: Erst einmal stelle ich fest, was überhaupt benötigt wird, um die künstlerischen Vorstellungen bestmöglich umsetzten zu können. Und dann muss ich mich natürlich unter Beratung durch den Kaufmännischen Geschäftsführer an die wirtschaftlichen Gegebenheiten halten, was zur Verfügung steht und was umsetzbar ist. Gemeinsam schauen wir, wo ich gegebenenfalls etwas zurückstellen kann und was Vorrang hat, um dennoch das gesteckte künstlerische Ziel zu erreichen.

Verleitet Sie ein hohes Budget nicht auch?

Theiler: Dieser Versuchung kann ich sehr leicht widerstehen. Ich habe in meiner ersten Intendanz mit viel weniger Geld in einem kleinen Landestheater in der Schweiz angefangen. Dort haben wir mit schmalerem Budget eine Vielzahl von Neuproduktionen in der Oper und im Schauspiel inszeniert und erfolgreich umgesetzt. So habe ich haushalten gelernt.

Wie viele Neuproduktionen haben Sie in Dresden?

Theiler: In Dresden haben wir in der jetzigen Spielzeit insgesamt 12 Premieren, davon 9 Opern- und 3 Ballettinszenierungen, dazu das gesamte Repertoire, das über Jahre gepflegt wird. Das ist alles recht kostenintensiv. An der Semperoper können wir auf einen Repertoirebestand von 50 Inszenierungen und Choreografien zurückgreifen, was schon sehr besonders ist. Solch ein umfangreiches Repertoire können nur andere große Häuser wie zum Beispiel Wien, Zürich, Berlin und München vorweisen. Das lässt sich mit kleineren Häusern kaum vergleichen...

Müssen Sie auch die Besetzungsliste persönlich im Blick haben?

Theiler: Ja natürlich, das ist eine der Hauptaufgaben eines Intendanten. Neben dem Fokus auf die Neuproduktionen mache ich mir auch Gedanken, wie die Repertoire-Stücke optimal zu besetzen sind. Wir haben ja nicht nur tolle Ensemblemitglieder hier in Dresden, sondern laden dazu noch viele berühmte Gäste in jeder Spielzeit ein. Das macht ja auch die Qualität und den Ruf eines Exzellenzhauses wie die Semperoper aus. Da entwickelt man schon einen gewissen Ehrgeiz, großartige Künstlerinnen und Künstler in jeder Saison zu gewinnen.

Ist die Größenordnung für Sie belastend?

Theiler: Ich habe Verantwortung nie als Druck empfunden, sonst könnte ich wohl auch nicht Intendant sein. Sicher gibt es schon mal stressige Zeiten, über Weihnachten und Silvester zum Beispiel hatten wir plötzlich viele Krankmeldungen und mussten ganz schnell die Vorstellungen neu besetzen. Da ist es sehr wichtig, auch adäquaten Ersatz zu finden, viel zu telefonieren, neu zu planen und zu organisieren! Das war schon eine Herausforderung. Aber man hat ja auch gute Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter…

Das klingt, als würden Sie Herausforderungen mögen?

Theiler: Ja. Daher habe ich mich ja unter anderem auch für das Angebot entschieden, die Intendanz an der Semperoper zu übernehmen. Allerdings, ob in Gelsenkirchen, Nürnberg oder Dresden: die Probleme sind im Prinzip überall die gleichen, nur ändern sich die Größenverhältnisse und damit die planerischen Vorgaben. Es gibt auch im kleinsten Theater nur sechs Wochen Proben, genauso wie hier an der Semperoper. Das heißt, der Druck innerhalb einer Produktion unterscheidet sich nicht von anderen Häusern, auch wenn die Popularität der Künstlerinnen und Künstler eine besondere Herausforderung ist. Und letztendlich arbeiten überall Menschen, die ich versuche, in der Zusammenarbeit einzuschätzen und für das gemeinsame Ziel zu motivieren.

Wie zeigt sich dieser Druck im Umgang mit den Mitarbeitern?

Theiler: Viele Kolleginnen und Kollegen stehen nicht auf der Bühne, aber alle arbeiten daran mit, dass abends der Vorhang aufgeht und die Vorstellung reibungslos läuft. Ich bin mir immer meiner Verantwortung den Menschen gegenüber, die hier arbeiten, immer bewusst. Am Ende steht ein gemeinsames künstlerisches Ziel, das es umzusetzen gilt und dem sich am Ende alles unterordnet. Dieses Bewusstsein muss ich vermitteln und die Mitarbeiter dazu motivieren.

Welche Ziele wollen Sie mit Ihrer Arbeit hier erreichen?

Theiler: Als Intendant bin ich mehr als nur Verwalter eines Kulturtempels. Ich will die Semperoper nicht einfach nur weiterführen und alles lassen, wie es ist. Ich möchte einen Gesamtkontext schaffen, ein Bild, das meine Handschrift trägt. Das mache ich mit der Auswahl der Stücke, der Neuproduktionen, mit den Besetzungen und Inszenierungen.

In der Beziehung haben Sie sich den Beginn selbst nicht leicht gemacht?

Theiler: Mit einem schwierigen Stück zu beginnen, ist doch eine klare Aussage! Als erste Premiere der Spielzeit 2018/19, also der ersten Saison unter meiner Intendanz, stand »Moses und Aron« auf dem Spielplan. Mir war es gerade wichtig, mit Arnold Schönberg statt mit Richard Strauss anzufangen, der ja neben Richard Wagner quasi einer der Hausgötter hier in Dresden ist und sicherlich eine sichere Marke bedeutet hätte. Ich wollte aber den Kontext zu den zeitgenössischen großen Musikern setzen, die zu Beginn des Nationalsozialismus aus den Spielplänen verschwunden sind. Schönberg, ein großartiger Komponist, schaffte es 1933 als österreichischer Jude noch in die USA zu exilieren. Mir war wichtig, ihn im Kontext zu Strauss darzustellen, der es wiederum verstand, die Nazizeit in Deutschland recht gut zu überstehen. Die Musik aus »Moses und Aron« dieser großartigen gesellschaftspolitischen Oper und seine Aussage sind sehr schwierig, aber es ist ein tolles Werk, das die Fragen unserer Zeit ganz aktuell aufgreift.

Wie wollen Sie die Lebenswirklichkeit der Jugend mit Oper verbinden?

Theiler: Zuerst einmal sollten wir die Jugend nie unterschätzen. Ich denke aber, in erster Linie müssen wir die Jugendlichen mehr von der Unmittelbarkeit der Oper überzeugen, davon dass das Musiktheater genauso aktuelle Bezüge zur Wirklichkeit auf die Bühne transportiert wie es der Film für die Kinoleinwand tut. Ich finde Filme toll, aber das Erlebnis im Theater ist ein anderes, es ist unmittelbarer. Eine Theatervorstellung ist immer einmalig, individuell und immer auch ein wenig anders, selbst wenn es sich um die soundsovielte Vorstellung handelt.

Theater wandelt sich, besteht immer öfter aus schnellen Abfolgen und Effekten. Muss die Oper sich dieser Entwicklung anpassen und wie stehen Sie generell zu diesem Wandel?

Theiler: Oper ist eine Form der künstlerischen Darstellung, bei der das Zeitmaß durch die Partitur vorgegeben ist. Im Schauspiel kann man den Text dehnen, mit Klang unterlegen und dann ist das Resultat neu. In der Oper ist das komplizierter. Die Inszenierung selbst bietet bereits ausreichend Möglichkeiten zur Neuinterpretation und es gilt, den Respekt vor dem musikalischen Kontext nicht aus den Augen zu verlieren. In New York habe ich eine »La bohème« - Variante als Rock-Oper gesehen und fand auch das interessant. Aber der Ausgangspunkt eines Werkes sollte uns immer bewusst sein und nicht durch Showeffekte überfrachtet werden.

Bohème als Rock – das brauchen wir also für die Semperoper nicht zu fürchten. Wie wollen Sie die Jugend dennoch begeistern?

Theiler: Sie ist doch schon begeistert. Bei jeder Vorstellung sind junge Menschen im Publikum, die beweisen, dass wir Interesse wecken. Wir bieten zum Beispiel jeden Dienstag direkt vor der Uni-Mensa Tickets zum Studententarif an, die immer schnell vergriffen sind… Und wir möchten mit allen Mitteln noch mehr Jugendliche von unseren Vorstellungen überzeugen, wozu wir auch strukturell neue Pläne umsetzen. In Nürnberg habe ich mit drei Theaterpädagoginnen gearbeitet, hier in Dresden habe ich die Theaterpädagogik ebenso verstärkt und bereits eine zusätzliche Stelle geschaffen.

Ist es schwer, ein breiteres Publikum anzusprechen, ohne zu kommerziell zu werden?

Theiler: Das ist halt die große Leistung der Inszenierung, auf künstlerische Weise viele Menschen anzusprechen. »Hänsel und Gretel« zum Beispiel ist zwar nicht als Kinderstück gedacht, aber die wunderschöne Inszenierung von Katharina Thalbach spricht mit den vielen kindlichen Symbolen und Märchenbildern die ganze Familie an, greift Märchenfantasien auf, die jeder versteht, und ist dabei dennoch modern und bei weitem kein kommerzieller Kitsch.

Sind Sie für Kritik aus dem Publikum besonders anfällig?

Theiler: Nein, ich bin immer offen für Kritik. Ich versuche, mit dem Publikum zu reden, wenn es nicht zufrieden ist, und klar zu machen, dass Theater immer in seiner Zeit zu verstehen ist. Und Oper ist Musiktheater. Wir müssen Opernwerke so interpretieren, wie das heutige Leben sich darstellt.

Darf Oper politisch ambitioniert sein?

Theiler: Sie muss es sogar sein! Kunst hat immer einen gesellschaftspolitischen Bezug und beinhaltet die Frage, wie wir mit der Welt und miteinander umgehen, welche Verantwortung wir tragen und wie wir demokratisches Bewusstsein stärken können. Wie unterstützen wir die Kohärenz in einer Gesellschaft, die immer mehr auseinanderdriftet?! Oper ist als Gesellschaftserlebnis etwas, wo Menschen für mehrere Stunden zusammensitzen, gemeinsam gefordert sind und zum Nachdenken angeregt werden.

Soll Theater erklären und vermitteln oder belehren?

Theiler: Menschen belehren, heißt besserwissend sein zu wollen. Ich kann jemanden kritisieren, wenn er sich auf einer Spur befindet, die ich nicht akzeptieren kann. Es ist aber nicht die Aufgabe des Theaters, zu belehren. Das Theater hat sehr wohl eine Bildungsfunktion, aber eine Belehrungsfunktion wäre propagandistisch  - und das darf Theater nicht sein. So war es in gesellschaftspolitisch unrühmlichen Zeiten, sowohl extrem linker als auch rechter Ausprägung. Und das war eindeutig falsch.

War es schwer, Peter Konwitschny wieder für die Semperoper zu gewinnen?

Theiler: Das war gar nicht so schwer. Ich arbeite ja schon seit langer Zeit mit ihm zusammen und wir sind befreundet. Er zeigte schon eine gewisse Zurückhaltung, gewisse Vorbehalte zurückzukommen. Aber wir haben es geschafft, ihn für die Inszenierung von Giacomo Meyerbeers »Les Huguenots/ Die Hugenotten« zu gewinnen.

Sollen Die  Hugenotten an der Semperoper  kontrovers sein?

Theiler: Das soll es sogar sein. Mit Peter Konwitschny habe ich mich für einen Regisseur entschieden, der einen sehr spielerischen Ansatz wählt, der die gesellschaftspolitischen Inhalte mit sehr eigenen Bildern zu vermitteln sucht und zur Diskussion anregt. Dieser Ansatz hat auch bei »Moses und Aron funktioniert und Calixto Bieitos Inszenierung wurde vom Publikum bestens angenommen.

Spüren Sie im Theater, dass die Gesellschaft härter urteilt als früher?

Theiler: Meinungsbekundungen gehören zum Theateralltag. Wir befinden uns in Dresden in einer Situation, in der das Publikum sich weitestgehend zurückhält. Das kennt man in anderen Ländern völlig anders, da wird laut gejubelt und gebuht nach den Vorstellungen. Aber auch hier gehen die Meinungen manchmal weit auseinander. Und das wollen wir auch, wir fordern ja zum Diskurs heraus.