Editorial Winter 2018

Meine Abschlussfrage bei jedem Interview lautet seit 20 Jahren: „Was haben Sie vom Leben gelernt?“ Die Reaktion danach ist immer ähnlich. Ein
tiefes Seufzen, ein starrer Blick in die Ferne, ein Ausruf des Erstaunens, ein leichtes Erschrecken.


Ich lächle dann immer und erinnere mich an Samy Molchos Körpersprache-Regeln.
Wie interessant! Sind wir so berechenbar, evolutionär so gleich geschaltet, so einfach und denken doch alle, wir wären außergewöhnlich und sehr besonders? Ja.
Die Antworten überraschen mich auch nach 20 Jahren noch manchmal. Natürlich bin ich dankbar für jeden neuen Aspekt, eine neue Sichtweise, einen besonderen Fokus oder einmal eineandere Formulierung. Aber auch da - selbstverständlich – ähneln sich die Antworten. übrigens über Länder- und Kontinent-Grenzen hinweg. In Asien spricht man ironischer, in Indien mehr mit Bildern und in arabischen Ländern mit Fabeln. Inhaltlich gleich. In einigen Regionen wird bei dieser Antwort sogar Bezug auf das Land genommen. „Das Leben hat mich gelehrt, dass
Amerika das beste Land der Welt ist“, war in meinen zwei USA-Jahren eine häufige Antwort und erklärt einfach komplexe Entwicklungen, oder?

 

In Europa und in den deutschen Städten wird meist Selbstbestimmung noch vor Gesundheit genannt. Wobei der Übergang fließend ist. Das Thema Geld wird selten erwähnt, höchstens als Basis für Freiheit, Flexibilität und das Verwirklichen von Wünschen. Finanzielle Sicherheit ist ein selbstverständliches Grundbedürfnis, aber kein dauerhaftes Ziel.

 


Aufgefallen ist mir in den Gesprächen der letzten zwei Jahre, dass fast Jeder von sich behauptet, er hätte die besondere Fähigkeit, anderen zu helfen und die meisten würden das auch tun. Das ist doch toll! Natürlich kann Jeder helfen, aber früher hatte das in den Nennungen keine Priorität. Ich hoffe nicht, dass das nur eine Frage ist, up to date zu sein oder sich doch wieder selbst wichtiger zu nehmen als die, denen man hilft. Letztlich ist mir aber die Motivation egal. Hilft man, damit die Firma ein gutes Image hat? Hilft man, um sich über andere zu erheben? Hilft man, um mehr Produkte zu verkaufen oder von persönlichen oder  unternehmerischen Defiziten abzulenken, Steuern zu sparen, Fördergelder zu erhalten oder weil man aus Studien weiß, dass das der eigenen Gesundheit nützt? Oder hilft man völlig selbstlos oder einfach gut erzogen? Völlig „schnuppe! Hauptsache, es ist Liebe und Herzlichkeit dabei, es entsteht ein Gemeinschaftsgefühl und wirklich Bedürftige bekommen Unterstützung.


Was haben Sie vom Leben gelernt? Die für mich „knackigste“ Antwort in dieser Disy-Ausgabe hat Torsten Günther von der WWK gegeben: „Vom Leben kann man nichts lernen, man muss sich etwas holen. Das Leben hat keine Bringschuld. Wer wartet, dass das Leben mit demTablett vorbei kommt, wird vom Leben enttäuscht.“ In diesem Sinne, nicht zurücklehnen und auf die Bedienung warten, liebe Leser! Es hilft nichts, das Leben ist eben doch ein Buffet, dafür reichlich gedeckt mit wunderbaren Angeboten und es wird ständig aufgefüllt. Aufstehen! Holen! Bleibt nur noch die Frage: Höflich anstellen oder drängeln? Aber das könnte ein Thema für mein nächstes Editorial sein.

 

Herzlichst! Anja K. Fließbach