Editorial Sommer 2006

Ich schreibe dieses Editorial in einem Flugzeug über dem Atlantik irgendwo zwischen Miami und Frankfurt. Ich habe nicht wirklich Angst, aber ... Doch, ich habe Angst. Vor der Höhe, dem Ungewissen, dem ausgeliefert Sein, dem Nichtwissen, was ist, wenn die Geräusche sich ändern, dem nicht wirklich technisch Durchschauen, wie so ein schwerer Langstreckenjet langsam und ruhig startet, sich Tonnen von Material in der Luft halten und sanft landen.

Ich kenne die Statisitiken „Sicherstes Verkehrsmittel“, erkläre selbst jedem „Angsthasen“, wie viele Flugzeuge täglich sicher starten und landen, war gerade im „Kennedy Space Center“ und habe Astronauten im Imax 3D im Weltruam begleitet. Das ist spannend, respekteinflößend und könnte vielleicht Angst machen.

Aber fliegen? Fast jedes Baby fliegt heute mit seinen Eltern durch die Welt, viele Geschäftsreisende starten täglich von einer Stadt in die andere, Rentner im hohen Alter sitzen gelassen auf ihren Sitzen und schimpfen über das Wetter in Florida. Bin ich die einzige Ängstliche?

Ich bin schon oft in meinem Leben geflogen. Während meiner Abiturzeit habe ich für einen Reiseveranstalter Rundreisen und Hotels in aller Welt getestet, danach habe ich in Amerika gelebt und bin zwischen der USA und zu Hause gependelt, ich habe privat und geschäftlich fast alle Länder dieser Erde besucht, aber ich habe vor jedem Start Angst und ich verspreche mir immer wieder, wenn ich da eingesperrt und angeschnallt auf meinem Sitz klebe: „Nie wieder!“

Doch jedes Mal gebe ich mir selber einen Ruck und treibe mich. Es muss sein. Soll ich wegen der Angst die Freiheit aufgeben? Zu Hause bleiben? Stehen bleiben? Nicht weiter kommen? Und am Ende nichts gesehen, nichts erlebt, nicht gelebt haben? Es wäre so bequem, so einfach, sich zurückzulehnen und sich dem ruhigen Gang der Dinge zu ergeben. Schön. Friedlich. Ohne Aufregung, ohne Angst. Straßenbahnfahren ist toll. Mein Auto kann ich selber steuern. Zugfahren ist heute super bequem. Kreuzfahrten eine Wonne.

Aber ... Das Fliegen ist wie der Lauf unserers Lebens. Es ist aufregend, schnell, Bewegung, Abschied nehmen, Ankommen. Ein Hauch Ungewissheit, eine Prise Angst und die Erkenntnis, dass man nicht alles selbst bestimmen kann. Ehrfurcht vor der Natur, der technischen Entwicklung und dem Schicksal. Und immer wieder die Überwindung loszugehen, sich zu trauen, es zu wagen.

So wie mit dem Leben gehen die Menschen unterschiedlich mit dem Fliegen um. Die Einen vermeiden es aus Angst völlig (ich kenne mehrere!), andere geben sich cool und wischen heimlich die schweißnassen Hände ab. Manche stehen zu ihrem mulmigen Gefühl, andere gehen gleichgültig ran, manche routiniert und andere genießen es. Wie auch immer Sie es machen, Hauptsache, Sie verpassen den Flug Ihres Lebens nicht. Fliegen Sie mal wieder!

Herzlichst Ihre