Editorial Herbst 2006

Sind Sie ein langweiliger Typ? Ich höre förmlich Ihre lauten Einwände. Würden Sie mich das fragen, würde ich es auch abstreiten. Aber wenn wir mal ehrlich sind: aufstehen, arbeiten, schlafen. Aufstehen, arbeiten, schlafen. Aufstehen … Kindergarten, Schule, Studium, Karriere, Rente. Nur, dass sich diese Reihe nicht mal wiederholen lässt.

Manchmal gehe ich abends durch die Straßen und schaue in die beleuchteten Fenster. Das sieht fast gleich aus: vier Wände, eckig, der Fernseher flimmert oder es wird in den Küchen hantiert. Dann gehe ich auf die andere Straßenseite und betrachte ein Haus im Ganzen. Die beleuchteten Fenster wirken wie Zellen. Schematisch. Gleichförmig. Angepasst. Die Menschen dahinter wie Roboter, die ihren von der Evolution und der Gesellschaft vorgeschriebenen Gemeinschaftsweg gehen.

Damit Sie mich nicht falsch verstehen: Ich proklamiere nicht das Einsiedlerleben. Auch extreme und alternative Menschen sind nicht mein Fall. Aber jeder hat doch ein wenig den Wunsch, einmalig zu sein. Nicht einfach ersetzbar. Nachhaltig. Einen Eindruck hinterlassend. Anders als die Masse. Eine kleine Abbiegung vom üblichen Weg. Dem Leben Farbtupfer geben. Höhepunkte. Wie ich versuche das zu schaffen? Einfach mal etwas Verrücktes tun. Als allein erziehende Journalistin mit einer eigenen Zeitschrift zu beginnen, haben vor vier Jahren viele als verrückt bezeichnet. Mit dreißig, zwei Firmen und einem vierjährigen Kind für fünf Monate auf Weltreise zu gehen, auch. In Hollywood bei einem Rock-TV-Sender zu arbeiten? Glauben Sie mir, das war mit Abstand das Verrückteste, was ich erlebt habe. Einen tollen Job zu kündigen, um mit nur einem Koffer auf einen anderen Kontinent zu ziehen? Ich bin zwar nun wieder hier, aber froh, dass ich das damals gemacht habe.

Verrücktheiten müssen nicht immer das Leben verändern. Es waren auch viele kleine Dinge, mit denen ich mein Leben „anders“ gestalten wollte: Zum Beispiel, als ich einmal bei der RTL-Serie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ mitspielte, mit einer echten Schlange durch die Kneipen tourte, bei der Feuerwehr mitmachte oder als Risikomuffel Motorrad fuhr.

Sie wissen, was ich meine! Dinge, wo man vorher denkt: „Das traue ich mich nie.“ Gut geeignet, etwas Verrücktes zu tun, sind Wetten. Wetten, dass ich die zum Schweigen erurteilte Schweizer-Garde auf dem Petersdom zum Schwatzen überrede? Hat geklappt. Wetten, dass ich die Standseilbahn selber fahre, wenn ich zum Körnerplatz will? Hat geklappt. Wetten, dass es mir nichts ausmacht, einfach auf der Straße zu tanzen? Das beweise ich Ihnen, falls wir uns mal in Dresden treffen.

Etwas anders wollten wir in dieser Ausgabe auch mal unsere Titelseite gestalten. Nadja Auermann und Matthias Griebel auf einem Titel geht nicht? Gerade! Lesen Sie unsere Titelgeschichte „Verrückt in Dresden – die Farbtupfer des Lebens“ mit einem Augenzwinkern ab Seite 40. und berichten Sie uns dann von Ihren Verrücktheiten. Ih freue mich darauf.

Herzlichst

Ihre Anja K. Fließbach

(Chefredakteurin)