Unangenehme als erstes erledigen

Frühs als erstes, als ich in der Redaktion ankomme, wird mir eine Rechnung vom Steuerberater unter die Nase gehalten. Der will 5000 Euro für seine Hilfe bei der Betriebsprüfung. Ich fange an zu lachen. Sowohl Frau Hille, als auch unser zweiter Steuerberater, als auch alle anderen, denen ich es erzähle, fällt die Kinnlade runter. Und es sei erst die erste Teilrechnung, steht in der Mail. Ich bestelle eine detaillierte Auflistung der Tätigkeiten. Als die kommt lache ich noch viel mehr. 3,5 Stunden á 100 Euro für Kopieren wurde u.a. eingerechnet. "Ordner in den Schrank zurückstellen" wurde berechnet und alles so ein Kicki. Die Steuerberatergebührenordnung - ja, ja, ich weiß. 350 Euro für Kopierarbeiten? Was für eine überqualifizierte Sekretärin muss das sein. Immer so ein Zeug zum frühen Morgen. Wie ein Magnet an solchen Tagen, wirkt die blöde Rechnung weiter. Auf meinem Tisch liegen drei, vier andere unangenehme Schreiben. Je größer die Disy wird, je schöner und glamouröser, je erfolgreicher und beliebter - desto mehr Angriffsfläche bieten wir auch. Der Neid, könnte man meinem. Ich denke, es ist einfach eine große Masse an Tätigkeiten und wahrscheinlich ein normaler Prozentsatz an Problemen. Blöd nur, dass sich die Probleme natürlich bei mir kanalisieren. Und manchmal finde ich so ein Chef-Sein auch ungerecht, wenn man für Dinge, von denen man bis eben noch keine Ahnung hatte, dann mutig den Kopf hinhält.

 

Am erfolgreichsten sind die, die unangenehme Dinge als erstes erledigen. Und so laufe ich nach der Frühkonferenz mit dem Telefon Runden durch den kleinen Hof vor der Redaktion und diskutiere, verhandle, entschuldige mich, kläre, beruhige und versuche, jeweils sogar zum Schluss mit neuen Ideen und Wegen rauszugehen. Meistens klappt das.

 

Der Tag läuft munter weiter. Wir sind auf der Zielgeraden für die Dresdner Ausgabe. Nebenbei läuft die Organisation für unser Disy-Event nächste Woche, das Gesundheitsmagazin, die Page wird aktualisiert und ich versuche für Max noch in diesem Jahr einen Volontärskurs zu buchen. Da kennt man nun viele Leute in der Branche, aber gute Schulen sind bis Mitte 2015 ausgebucht. Na, ich kriege da schon was Tolles hin.

 

Halb vier gehe ich mit meinem mittleren Sohn zum Kung Fu. Der Kleine hat schon ganz schönen Stress mit einigen seiner 5- und 6-jährigen Kollegen im Kindergarten. Da habe ich schon einiges durch mit der Erzieherin, der Leiterin, den Eltern. Ich war sogar schon zweimal bei der Polizei. Einmal ohne ihn und einmal hat eine Polizistin meinem Kind 1,5 Stunden lang demonstriert und erzählt, wie er sich wehren kann und muss. Beim Kung Fu war er jetzt schon dreimal mit seinem Papa und ist nicht von seinem Stuhl gewichen, es sei denn, der Papa ist mitten in der Kindergruppe mitgerannt und hat sich mit den anderen Kindern um bunte Bälle gestritten. Leute, so geht das nicht! Dafür habe ich den Kurs nicht ausgesucht.

 

Ich schaue mir den David, der den Kurs leitet, die Kinder und vor allem meinen Sohn genau an, während er auf seinem Stuhl "festklebt" und die anderen Kinder rennen, schreien, hüpfen und Kung-Fu-Übungen machen. Alles klar! Situation erfasst! Das kriege ich hin. Beim Rausgehen verspreche ich dem Trainer, dass mein Sohn das nächste Mal "alles mitmacht". Ich laufe mit ihm an der Hand Richtung Redaktion und mache im Spizz Halt. Wir beide Essen ein frühes Abendbrot und klären das mit dem Sport. Ich rufe halb sechs in der Redaktion an und meine, es können alle nach Hause gehen, die gern möchten. Schließlich ist halb sechs für die meisten Dienstschluss und sie sollen nicht auf die Konfi (Konferenz) warten, nur weil ich es im Moment wichtig finde, mit meinem Sohn essen zu gehen.

 

Als ich mit dem Kleinen gegen sechs in die Redaktion komme, frage ich Ulrike im ersten Zimmer: "Und, wer ist noch da? Sie lächelt breit und sagt: "Alle!" Ich bin richtig gerührt. Meine Leute sind gewöhnt, dass immer mal eines meiner Kinder mit am Konferenztisch sitzt. Die anderen zwei waren die Woche schon dran, heute Louis. Anschließend erledige ich mit ihm auf dem Schoß meine Mails. Er darf die "Löschtaste" drücken und zu löschen gibt es bei meinen über 350 Mails pro Tag viel. Meine Leute verabschieden sich alle nacheinander und jeder hat noch einen anerkennenden Spruch für den kleinen Disy-Praktikanten, der gerade 5 Jahre geworden ist und konzentriert am Computer arbeitet. Wenn das nicht das Selbstbewusstsein stärkt.

 

In dieser Nacht ist meine Hauptaufgabe das Schneiden unseres Disy-Films von ... Rossiers vorzubereiten. Das mache ich gern. Überhaupt ist diese ganze Filmproduktion einer meiner Lieblingsbereiche, ich filme zwar nicht mehr selbst und schneide auch nicht mehr, aber ich sage, was wie gefilmt, geschnitten und vertont wird. Ich liebe es, neben der lieben Cutterin zu sitzen und Sekundenausschnitte auseinanderzunehmen und neu zusammenzusetzen. Am liebsten suche ich die Musik aus. Das bringt einen ganz anderen Aspekt der Emotionen rein, die bei den Magazinen fehlt. Alles in allem ist heute viel Arbeit liegen geblieben. Meine Liste für morgen ist riesig. Schade, dass nicht so viele Leute nachts arbeiten. Telefonieren wäre jetzt gut.

16. Juli 2014

Aufgrund der aktuellen Lage (so einen Schicksalsschlag muss man schließlich erstmal verkraften...), bringen wir hier wie bei einer TV-Serie drei ältere Beiträge, bevor sozusagen die neue Staffel beginnt. Die Beiträge wurden noch nicht veröffentlicht, wurden aber vor vier Wochen schon geschrieben. Ende der Woche geht es dann aktuell weiter. 

Liebe Grüße Eure Anja