Wie alles kam...

Liebe Mami,

 

 

das ist alles so eine große Scheiße! Es ist doch nicht möglich, dass das passieren konnte! Ich begreife es nicht! Die haben so einen Mist gemacht in der Klinik! Ich bin so unglaublich wütend! Es ist ein Jahr her und ich kann es immer noch nicht fassen!Ich weiß gar nicht wohin mit meiner Wut! Eigentlich wollte ich dir heute, an deinem ersten Todestag etwas Liebes schreiben. Aber ich bin immer noch so entsetzt von all dem, was passiert ist und was du erleiden musstest, dass ich immer erst die „Wut“ wegräumen muss, bevor ich traurig sein kann. 

Und dass Du auch noch Recht haben musstest. Wie immer! Du hast gesagt, dass du nicht ins Krankenhaus gehst, weil Du da nicht wieder raus kämest. So eine Scheiße! Ich habe noch so einen Blödsinn geredet von wegen, dass die dort da wären, dir zu helfen. Ich habe Dir noch zugeraten, reinzugehen. Ich habe Deine Worte nicht ernst genommen. So wie die Ärzte Deine Worte in den ganzen Jahren Deines Leidens nicht ernst genommen haben. Sie haben immer so getan, als würdest Du übertreiben. Dabei hast Du genau die Symptome der Krankheit beschrieben, die du – was man vier Tage vor Deinem Tod dann endlich rausfand – hattest. So oft hast Du bei Deinem Doktor davon angefangen. Selbst drei Wochen vor Deinem Tod hat der der Professor in der Uniklinik noch Hämooridensalbe aufgeschrieben, statt zu entdecken, dass Du Darmkrebs im Endstadium hast.

 

 

Was hat Du in den Jahren vorher gelitten. Diese schlimmen Spritzen wegen Deiner prognostizierten Blutkrankheit, die bis heute natürlich in Frage steht. Immer wieder hattest Du so schlimme Schmerzen. Du konntest zunehmend schlechter laufen. Es tut mir so leid, dass ich Dir immer auf die Nerven gegangen bin und Dich immer irgendwohin mitnehmen wollte. „Ich kann nicht“, hast Du so oft gesagt. Aber ich dachte, Du brauchst auch mal Abwechslung, mal was Schönes. Ich wollte immer nur das Beste für Dich und habe Dich damit überfordert.

Auch als ich Dir auf der Intensivstation immer wieder gesagt habe, dass Du kämpfen sollt, weil ich Dich brauche, haben die Ärzte gemeint, ich würde Dich überfordern. Aber ich habe gar nicht mitbekommen, dass Du die einzige warst, die um Dein Überleben gekämpft hast. Die Ärzte und Schwestern haben viel zu früh aufgegeben. Die Schwester hat sich gewundert, dass du mit so unmenschlich hohem Fieber immer noch durchgehalten hast. „Sie will nicht gehen“, meinte sie verwundert. Was für eine blöde Schwester! Natürlich wolltest Du nicht gehen! Wer will schon sterben! Was für ein blöder Spruch! Und ich wollte auch nicht, dass Du mich allein lässt. Gerade war doch Papi erst gestorben und Du hast mir geholfen, damit einigermaßen klarzukommen. Ich habe Dir gesagt, dass ich das nicht auch noch schaffen kann, Dich zu verlieren. Ich weiß nicht, ob das egoistisch war. Vielleicht war es das. Aber hat man als einziges Kind nicht das Recht, seine Eltern um alles in der Welt behalten zu wollen? 

Dein Leben in den letzten Jahren war auch schon wirklich beschissen. Da hätten die Ärzte dir bei richtiger Prognose mehr helfen können. Zum Schluss bist du ja nur noch zwischen Stube und Küche hin und her geschlurft. Und an die letzten Tage vor dem Krankenhaus darf ich gar nicht denken. Aber du warst so tapfer. Du bist noch tagelang mit einem geplatzten Darm rumgelaufen, wir sind sogar noch in der Klinik gewesen.

Am schlimmsten fand ich den Morgen, als Du mich anriefst, ich soll schnell hoch zu Dir in die Wohnung kommen, Du könnest Dich nicht selbst anziehen. Ich weiß noch genau, ich stand gerade in der Küche und habe ganz schlimm angefangen zu heulen. Ich wusste, dass es nun ganz schlimm sein musste. Denn bis dahin hattest Du so unglaublich tapfer alles selbst gemacht, was nur ging. Die Zeit in diesen letzten Tagen, die Du noch Zuhause warst, war zwar schwer, aber ich war Dir bedingt durch die Umstände körperlich so nah, wie lange nicht mehr. Ich hätte Dich eh viel mehr umarmen sollen. Auch vorher schon. Aber wir waren in den drei Jahren beide nah ans Wasser gebaut, so dass wir zu viel Nähe kurz hielten, um nicht immer nur zu weinen.