• Dezember 19, 2022
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Was hat es eigentlich mit dem Restaurant Finesse auf sich? Wird das unterschätzt, überschätzt oder überhaupt geschätzt? Auf der Page steht eine Handynummer für Buchungen und es wird in Verbindung mit einer Servicekraft das Thema „Datemitcharmingnicole“ genannt.
Außerdem steht dort mehrfach „Breaking News“. Alles wirkt etwas eigenartig. Wir riefen an und bekamen erstmal ein völlig uncharmantes „Nääääää, das wird nüscht!“ entgegen geschmettert.
Wir wollten am Freitag Nachmittag für den Abend etwas zum Abholen bestellen. Also bestellten wir für den nächsten Tag. Und wir sagen Euch, es wird super interessant zum Lesen.

Manche Dinge im Leben sind uneindeutig. So geht es uns auch manchmal mit Restaurants, die wir zum ersten Mal besuchen.Mit dem „Finesse“ in Dresden ist das so. Schon als wir in der Redaktion losfahren und sagen wollen, was unser Ziel ist, ist das für uns nicht eindeutig.

Nennt man sein Lokal in der sächsischen Landeshauptstadt so, kann das zu Verwirrung führen. Spontan würden wir es französisch aussprechen. Aber das passt nicht zur burschikosen Ansprache am Telefon. Spricht man es scharf deutsch aus wie die bekannte Wurst- und Schinkenmarke der Firma Herta? Oder eben sächsisch wie Ines in der Mitte und einem stimmhaften e am Ende? Das wird auch nicht eindeutiger, als wir vor Ort sind. Das Ambiente ist eigentlich sehr schön. Echt gemütlich und einladend. Richtig romantisch. Dann aber eine Frau, aufgebaut vor der offenen Küche, die uns laut und wie schon am Telefon harsch anspricht. Es fühlt sich an wie ein Wecker Klingeln am frühen Morgen nach einem romantischen Traum. Nach der Begrüßung lässt sie uns stehen und nimmt am einzigen besetzten Tisch eine Bestellung auf (es ist 16.30 Uhr). Dann kommt sie zurück gebraust und erklärt uns laut und schnell, was das 3-gängige Menü beinhaltet . Wir bekommen nicht viel mit, da unser Blick auf die Kunststoff-Behälter und die Wärme Box fällt. Das werden die ihren Gästen nicht schenken, geht uns durch den Kopf. Wie also ist das gedacht?

Die laute Frau erklärt, als wir die 2x45 Euro zahlen, dass wir nun noch 15 Euro in bar als Pfand abgeben sollen. Bitte nicht! Nicht noch einmal herkommen müssen. Wer soll das machen und vor allem wann? Wir fragen, ob sie das Umpacken können. Keine Chance. Sollen wir stornieren? Das würde uns Leid tun. Hätten wir das mit den geliehenen Verpackungen gewusst, hätten wir nicht bestellt. Zumal die Rückgabemöglichkeiten zeitlich auf Do-So nach 16 Uhr begrenzt sind. So abgelenkt überlegen wir erst auf der Rückfahrt, was sie uns da eigentlich eingepackt haben. Wir hatten ein Fleisch- und ein Fischmenü bestellt. War das überhaupt dabei? Wir halten an, schauen nach und müssen zurückfahren. Wer da was falsch verstanden hat? Ist uneindeutig
Man erfährt vorher nicht, was es gibt. Überraschung sozusagen... 

Auch wenn es eigenartig aussieht - es schmeckt. On top gibt es eine halbierte Raffaelo.
So uneindeutig wie der Besuch im Restaurant vor Ort, so eindeutig ist unser Urteil beim Geschmack. Es schmeckt einfach super.
Wenn man den Besuch bei der burschikosen Service-Kraft überwunden hat und mit zeitlichem Abstand zu Hause, oder wo auch immer, die Speisen in Ruhe kostet, kann man wirklich nicht meckern. Ein wahres Gedicht war das Fleisch: Truthahn-Schulter. Wahnsinn! Zart, auf der Zunge zerfallend und mit kräftiger, super gewürzter Soße. Erstaunlich, dass das Fleisch auch nach dem Erwärmen im Wasserbad durch uns selbst immer noch perfekt war. Das muss man erstmal so timen... Die beiden Portionen Kartoffel - Gratin (wurden uns gefroren mitgegeben)
gelten für beide Menüs, also je einer pro Person. Das Carpaccio als Vorspeise ist auch lecker. Im wahrsten Sinne war das Menü eine Überraschungs-Box 

Welcher Koch steckt dahinter? Im Restaurant selbst (wir mussten ein zweites Mal hin) sahen wir ihn in der offenen Küche. Er sagte kein Wort, nicht „Hallo“, nicht „Fisch“, nicht „Fleisch“. Er beobachtete die laute Frau aus dem Augenwinkel, auch uns, die anderen Gäste und hantierte nebenbei am Herd. Er portionierte uns still einen Zander, da wir 1x Fisch und 1x Fleisch bestellt hatten. Er vakuumierte den Fisch und schrieb auf die Folie, wie lange wir ihn in der Pfanne anbraten sollten. Es gab keine Anweisung auf Papier wie sonst, sondern es stand alles direkt auf den Portionen. Praktisch. Auf der Page lesen wir, dass er in der Fischgalerie gelernt hat, dann im Gasthaus Lindenschänke die Küchenleitung übernommen hatte. Nun also das Finesse. Er heißt Elvis Herbek und kochen kann er, das ist sicher. Uneindeutig bleibt unser Urteil trotzdem. Ist das nun ein feines Restaurant? Dafür spricht Ambiente und Küche. Oder ein rustikales? Dafür spricht der Eindruck vom Service und der Name des Weins, den es zum Menü gab. Aber manchmal ist uneindeutig auch spannend. Oder?