136. Beitrag: "Das Frühstück" (12. Juni)

Das Frühstück. Das Frühstück also. Ich fühle, es ist an der Zeit, einen Beitrag über das Frühstück zu schreiben. Also, das Frühstück. Das Frühstück ist eine wichtige Angelegenheit. Es ist meistens früh einzunehmen und dann auch möglichst in Stücken...

Wer schafft auch schon ein Brötchen im Ganzen. Selbst ein weiches Ei im Ganzen sieht sicher komisch aus im geschlossenen Mund. Wer ißt auch mit offenem Mund? Zumindest in der Öffentlichkeit sollte man das vermeiden. Vor allem auf einem Schiff. Auf Deck 8 auf der Frühstücksterrasse der "Amadea" zu sitzen und mit offenem Mund zu frühstücken... Nein, die Passagiere auf Schiffen sind anständig. Denke ich zumindest. So direkt habe ich nicht hingesehen. Ist ja auch unangenehm für die Leute, wenn man ihnen immer auf den Mund sieht. Besonders beim Kauen. Man kaut bestimmt eckiger oder verkniffener oder vielleicht versucht man auch einen besonders spitzen Mund zu machen, damit es fein aussieht, wenn einem ein anderer Passagier beim Kauen zusieht. Ich jedenfalls wollte die Leute beim Frühstück nicht unbedingt in den Bewegungen ihres Kiefers beim Kauen einschränken und habe nicht wirklich hingesehen. Ich selbst habe für mich und mein Kind die Brötchen aufgeschnitten und die Eier haben wir mit einem Löffel gegessen. Ich konnte im Licht der Morgensonne nicht erkennen, ob es ein goldener Löffel war. Sollte man mir einen goldenen Löffel hingelegt haben? Na, möglich wäre es. Eigentlich konnte man das doch verlangen mit so einem Sonderstatus. Zuhause essen wir sogar manchmal mit Plastiklöffeln. Oh, habe ich mich jetzt geoutet. Das passt sicher gar nicht zu meinem Image. Liebe Mitreisende, Windschatten und ehemalige Passagiere - wie ist eure Meinung? Hebt oder senkt die Tatsache, dass man mit einem Plastiklöffel ein Frühstücksei ist, den Wert eines Menschen? Ich plädiere für ein niedrigeres Image. Spielt die Farbe auch eine Rolle? Früher waren unsere Eierlöffel gelb, heute sind sie bunt. Je nach Tagesstimmung wird gewählt. Meistens ist die Stimmung gut, denn wenn die Löffel zum Einsatz kommen, ist meistens ein Festtag. Wir essen nämlich nicht oft Eier zum Frühstück. Auf der "Amadea" schon. Aber das waren auch besondere Eier. Keine goldenen, schon wahr. Aber internationale. Sie hatten nicht den typisch ranzigen Geschmack von deutscher Bockwurst, sie hatten auch nicht den elitären Geschmack von Neutralität, der von anderen heimischen Eiern ausgeht. Es waren frische Eier aus den verschiedensten Ländern der Welt, die wir auf unserer Reise passierten. Mal schmeckten sie chilenisch, dann süß wie die Südsee, dann gab es kleine japanische Eier und in China waren die Schalen mit chinesischen Schriftzeichen geschmückt. Es waren tolle Eier. Richtig schön zum Draufhauen. Sie waren exotisch, besonders und wenn man den richtigen Druck und die richtige Geschwindigkeit beim Aufprall wählte, zersprangen die Schalen sanft und die Risse bildeten ein zartes Muster. Die Eier waren so warm eingepackt gewesen in ihren großen, silbernen Schalen am Bufett, dass man wusste, man verbrennt sich fast die Finger, wenn man sie ihrer Schale beraubte. Manchmal traute ich mich trotzdem, manchmal ließ ich die Eier erst abkühlen und machte mich dann daran, sie abzupellen bis nur noch das Weiche vorhanden war. Ich schlug das Ei und schälte es auf eine Weise, die einige Mitreisende, Windschatten und ehel´malige Passagiere durchaus als sadistisch bezeichnen konnten. Vielleicht bewies ich den Eiern meine Macht. Wer weiß. Das müsste wahrscheinlich analysiert werden. Große Anja, kleines Ei. Diese Konstellation war wirklich ungerecht. Das Ei hatte nicht einmal eine Chance gehabt, sich anders zu entwickeln. Noch bevor ein Kücken schlüpfen konnte, war es von Schiffsleuten gekocht worden und ich hatte darauf eingeschlagen. Böse, böse. Dass wir dann die Eier auch noch aufaßen, erwähne ich hier lieber nicht. Sonst gibt es sicher 200 Kommentare der Empörung, 100 Kommentatoren, die behaupten, wir hätten nicht aufgegessen, 50, die schreiben, wir hätten nie aufgegessen. 10 wären der Meinung, die Eier wurden für uns vorgekaut und nur einer würde die Wahrheit herausfinden: Wir wurden gegessen.

Natürlich soll der Fokus meiner Ausführungen über das Frühstück nicht rein auf meiner Beziehung zum Frühstücksei liegen. Sonst könnte der Eindruck entstehen, ich hätte ein besonderes Verhältnis mit diesem Ei. Dann fangen die Kommentatoren Cara und Lisa wieder an zu zählen. Wie war das? Der Name, der am häufigsten in meinen Berichten auftaucht, ist der meiner großen Liebe an Bord? Ei, Ei, Ei. Wer will schon, dass Gerüchte aufkommen. Also: Es gab auch noch Müsli, Obstsalat, Schinken und Käse, manchmal sogar Lachs. Aber all das gab es natürlich nur während der richtigen Zeiten. Falsche Zeiten, falsches Frühstück. Oder besser: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Das gilt auch für die "Amadea" Frühstück bis um 9 (bei Ausflügen)? Frühstück nach 9 weg. Frühstück bis um zehn (normales Buffet)? Frühstück nach 10 weg. Frühstück bis um 11 (Spätaufsteherfrühstück an jedem Seetag)? Frühstück um 11 weg. W wie weg. Abgeräumt, in die Küche geschafft, die Kellner sind weg, die Teller, die Butter. Eben W wie weg. Das ist kein Mangel an Service, sondern eine Notwendigkeit, weil es eine halbe Stunde später bereits ein Buffet für die Vormittagssuppe gibt, eineinhalb Stunden später bereits das Mittagsbuffet eröffnet wird, danach folgen Kuchenmassen bei der Teestunde, am frühen Abend Snacks bei Empfängen, danach Menüs beim Abendessen (manchmal bis zu 9 Gänge), danach ein Spätimbiss oder ein tropisches Buffet bei einer Party und ein Mitternachtssnack und ein 24 Stunden Kabinenservice - nein, es wäre wirklich eine absolute Ausnahme, wenn man zwei Passagiere mitten am Tag essen sehen würde. Halb zwölf ein Frühstücksei sogar? Nun, das Ei kann man nicht mehr fragen. Selbst wenn es an besagtem Tag da gewesen wäre, wäre es jetzt nicht mehr da. Folglich kann man nicht wirklich nachvollziehen, ob es sich am Tag der Tat um ein Frühstücksei, eine Vormittagssuppe, ein Mittagessen oder einfach einen Keks gehandelt hat. Vielleicht handelte es sich auch um ein an der Kopernikusbar bestelltes Getränk. Am späten Vormittag? Bar? Drinks? Ich weiß, ihr wusstet es immer. Tee mit Schuss. Schuss. Das ist gut. So ein Schuss…Manchmal hat auch der Tee einen.

Das Frühstück jedenfalls. Ein tolles Thema. Ich könnte noch stundenlang so weiter schreiben, fühle mich gerade absolut motiviert, konzentriert, konsterniert... Ich habe sozusagen einen Flow, keinen Floh. Flöhe gibt es bei uns nicht. Oder habt ihr Mitreisenden, Windschatten und ehemaligen Passagiere bei uns einen Floh gesehen? Habt ihr ihn auch husten hören? Nein, also eigentlich habe ich meinem Kind Waschen und Kämmen beigebracht und das mit dem pünktlichen Frühstück lerne ich ihr auch noch.

Die Lösung des Falls: Wir haben uns immer heimlich unter dem Tisch zehn Brote geschmiert und haben die versteckt. Erst als alle Passagiere verschwunden waren, haben wir sie hervorgeholt und hintereinander im Ganzen quer in den Bund geschoben. Ich will diese Innovation nämlich als Patent anmelden und ihr wisst ja, wie schnell es Neider gibt, die sich mit fremden Lorbeeren schmücken. Ich werde meine Kreation als Marke eintragen lassen und nenne sie: "FrühGANZ". Aber pssst!

PS: Falls ihr später mal diesen Blog im Internet googeln wollt, braucht ihr euch nicht den Titel oder meinen Namen zu merken. Gebt einfach "Frühstück" oder "Ei" ein, dann findet ihr ihn wieder. Oder noch besser: Probiert es mal mit "Putzfrau".

"Amadea" - Spruch des Tages: "Nichts was wir erleben, sondern wie wir empfinden, was wir erleben, macht unser Schicksal aus." Marie von Eber-Eschenbach

Anja Fließbach: Dienstag, 12 Juni 2007, 22:26 Uhr