Wo sind wir wirklich exzellent?

Ausgangssituation: Warum die Rheumatologie im Zentrum gegenwärtiger Veränderungen der Forschungslandschaft in Deutschland ist.  

Die Politik und insbesondere die Bundesregierung haben in den vergangenen Jahren ihre Anstrengungen weiter intensiviert, die Spitzenforschung in Deutschland zu stärken und die Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass Deutschland europaweit und international eine sichtbare und führende Stellung in der biomedizinischen Forschung einnimmt. Das führt auch dazu, dass die medizinische Forschungslandschaft in Deutschland einem starken und stetigen Wandel unterworfen ist, der vor allem drei Aspekte beinhaltet: a) eine noch deutlichere Fokussierung auf wissenschaftliche Exzellenz auf allen Ebenen (z.B. über die Exzellenzinitiative), b) ein stärkeres Engagement des Bundes in der Forschungspolitik (z.B. über die Stärkung außeruniversitärer Forschungseinrichtungen und die Etablierung nationaler Gesundheitsforschungszentren) sowie c) die prioritäre Förderung von kooperativen bzw. Verbundprojekten und – strukturen in der biomedizinischen Forschung (z.B. über die Bereitstellung zusätzlicher Mittel für Verbundforschung und Vernetzung und die Einrichtung der nationalen Kohorte). Diese Entwicklungen betreffen die Rheumatologie in ganz besonderem Maße, da sie eine kleineTeildisziplin der Inneren Medizin ist, die sich jedoch mit medizinisch und sozioökonomisch vordringlichsten Volkskrankheiten beschäftigt. So gibt es in Deutschland weniger als 700 Rheumatologen und nur sehr wenige deutsche Universitäten verfügen über eine selbständige Abteilung mit Lehrstuhl für Rheumatologie. Andererseits hat die Rheumatologie einen ausgeprägten Querschnittscharakter und weist ein sehr hohes Maß an Interdisziplinarität auf. Auch besitzt die Rheumatologie sehr enge inhaltliche Beziehungen zu allen anderen Gebieten der Inneren Medizin und hat als ein Kernfach der ‚Muskuloskelettalen Medizin’ eine große Schnittmenge mit anderen Disziplinen (z.B. der Orthopädie, der Unfallchirurgie, der Dermatologie und der Immunologie). Diese Tatsache und damit die Bedeutung rheumatologischer Spitzenforschung wird auch durch die rasante Entwicklung neuer und oft sehr kostenintensiver (biologischer) Medikamente belegt, bei denen die Rheumatologie einerseits eng mit benachbarten Disziplinen (z.B. der Onkologie) kooperiert, anderseits aber auch wichtiger Impulsgeber und Schrittmacher für andere Fächer (z.B. die Dermatologie oder die Osteologie) war und ist. 

 

Nationale und internationale Spitzenforschung: Wo die rheumatologische Forschung wirklich exzellent ist.

In den vergangenen Jahrzehnten ist es gelungen, die deutsche Rheumatologie in wichtigen Bereichen im Spitzenfeld der Forschung zu positionieren. Das betrifft vor allem die Entzündungsforschung und die Immunologie, aber auch die Forschung zum Gelenkknorpel und dem Bindegewebe. Dies findet seinen Ausdruck in mehreren bahnbrechenden Studien, die in den renommiertesten internationalen Fachzeitschriften wie „Nature“, „Nature Medicine“, „Science Translational Medicine“ und „The Journal of Experimental Medicine“ publiziert werden konnten. Verantwortlich dafür sind vor allem einige Kliniken und Forschungsinstitute mit  ‚Leuchtturmfunktion’, die über einen starken Lehrstuhl und die notwendigen Ressourcen verfügen, um spezifische Forschungsthemen in der Rheumatologie kompetitiv zu besetzen. Diese Einrichtungen weisen dadurch konsequenterweise ein hohes Maß an internationaler Sichtbarkeit auf. Erfreulicherweise haben einige Universitäten in Anerkenntnis der Leistungsfähigkeit und des Charakters der Rheumatologie beschlossen, ebenfalls strukturstarke Lehrstühle bzw. Abteilungen für Rheumatologie einzurichten. Auch die weitere Entwicklung des Deutschen Rheumaforschungszentrums (DRFZ) als außeruniversitärem Forschungsinstitut mit rheumatologisch-immunologischem Schwerpunkt sowie einem Fokus auf der Versorgungsforschung hat einen entscheidenden Beitrag zur Positionierung der deutschen Rheumatologie im internationalen Spitzenfeld beigetragen. Zudem stellt die Förderung der rheumatologischen Forschung einen zentralen Tätigkeitsschwerpunkt der Fachgesellschaft DGRh und des dafür eingerichteten Kompetenznetzwerkes Rheuma (KNR) dar. Ergebnis dieser Anstrengungen sind eine Reihe von Forschungsverbünden, die durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wurden bzw. werden und die von der Rheumatologie erfolgreich initiiert worden sind bzw. an denen sie sehr prominent beteiligt ist. Das betrifft zum Beispiel das gerade außerordentlich erfolgreich abgeschlossene DFG Schwerpunktprogramm ‚Immunobone’, in dem die Wechselwirkung zwischen Knochen und Immunsystem erforscht wurde, aber auch mehrere Forschungsverbünde im Rahmen der laufenden BMBF- Förderung zu muskuloskelettalen Erkrankungen. 

 

Vordringlicher Handlungsbedarf: Wie ein Zurückbleiben der Rheumatologie im wissenschaftlichen Wettbewerb zu verhindern ist. 

Trotz dieser insgesamt positiven Bilanz besteht für die Rheumatologie unter den skizzierten Rahmenbedingungen die Gefahr, nachhaltig an wissenschaftlicher Leistungsfähigkeit zu verlieren – mit Folgen auch für die Krankenversorgung. Die Ursachen dafür sind vor allem a) die fehlende adäquate Vertretung des Faches an den meisten deutschen Universitäten und b) eine mangelhafte Repräsentanz in nationalen, vor allem vom Bund initiierten und finanzierten, Großforschungsinitiativen. Neben einigen wenigen ‚Leuchttürmen’ ist die Rheumatologie an den meisten deutschen Universitäten in einem so geringen Maße vertreten, dass die Krankenversorgung zwar noch weitgehend sichergestellt werden kann, angemessene Ressourcen für die Forschung und die Heranbildung des wissenschaftlichen und klinischen Nachwuchses jedoch fehlen. Dies hat bereits zu einer rückläufigen Zahl von Forschungsanträgen, beispielsweise bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), in den letzten Jahren geführt und gefährdet mittelfristig die akademische Leistungsfähigkeit des Faches. Zudem zeigen Untersuchungen in anderen Disziplinen, dass es einen direkten Zusammenhang gibt zwischen dem Bestehen eigenständiger Einrichtungen an Universitäten und der wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit eines Faches. Obwohl rheumatologische Krankheiten zu den wichtigsten Volkskrankheiten zählen und auch sozioökonomisch von größter Bedeutung sind, sind muskuloskelettale Erkrankungen und hier besonders die Rheumatologie bei zentralen nationalen Initiativen zu den Volkskrankheiten (z.B. Nationale Gesundheitsforschungszentren) nicht berücksichtigt worden. Zudem gibt es im Vergleich zu anderen Volkkrankheiten kaum außeruniversitäre Forschungsstrukturen in Bereich der muskuloskelettalen Medizin und der Rheumatologie. Das im Vergleich zu ähnlichen Forschungsinstituten eher kleine Deutsche Rheumaforschungszentrum (DRFZ) ist das einzige außeruniversitäre Forschungsinstitut in der gesamten muskuloskelettalen Medizin und wurde in den letzten Jahren nicht entsprechend der Notwendigkeiten erweitert. Insgesamt ist es daher in Zusammenarbeit von Universitäten, der Fachgesellschaft DGRh und der Politik notwendig, um die Rahmenbedingungen zu schaffen, rheumatologische Spitzenforschung auf der Basis des Erreichten weiter zu entwickeln und zu fördern. 

 

Von Prof. Dr. med. Thomas Pap 

Thomas Pap studierte Humanmedizin an der Otto-von-Guericke-Universität in Magdeburg, wo er auch promovierte. Anschließend arbeitete er als Postdoktorand am Universitätsspital in Zürich. Heut ist Pap Universitätsprofessor auf Lebenszeit für Experimentelle Medizin und Direktor des Instituts für Experimentelle Muskuloskelettale Medizin an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster. Ebenso ist er Sprecher des Konvents der Lehrstuhlinhaber für Orthopädie und Unfallchirurgie in Deutschland.