Frei von...

Die Ernährung steht heutzutage im Fokus und wirft viele Fragen auf 

Von Dr. med. Viola Andresen

 

Die vielfältigen Etikettierungen „frei von...“ auf Lebensmittelprodukten wirft bei vielen Verbrauchern die Frage auf, ob diese zu meidenden Nahrungsbestandteile grundsätzlich schädlich sind oder ob diese „frei von...“-Botschaft nur an Menschen mit bestimmten Krankheiten oder Unverträglichkeiten gerichtet ist.

 

Eine weitere Unsicherheit besteht in der Unterscheidung zwischen Nahrungsbestandteilen wie Laktose oder Gluten einerseits, und dem übergeordneten Nahrungsmittel „Milch“ oder „Weizen“ oder gar noch umfassender „Milchprodukt“ und „Getreide“ andererseits.

Vor dem Hintergrund ist es wichtig, sowohl zwischen den unterschiedlichen Auslösern als auch den verschiedenen Arten von Nahrungsmittel-Reaktionen zu unterscheiden.

 

I. Echte Nahrungsmittel-Allergie Meist Immunglobulin-E(IgE)-vermittelte mukosale Sofort-Reaktionen auf Nahrungsproteine; häufige Allergene: zum Beispiel Kuhmilch, Hühnerei, Nüsse, Soja, Weizen sowie Fisch und Krustentiere. Die Daten zur Prävalenz sind widersprüchlich und reichen von weniger als 0,5 bis fünf Prozent; wahrscheinlich wird die Häufigkeit überschätzt. Typisch: weitere atopische Erkrankungen. Klinik: variable Manifestation: lokale gastrointestinale Effekte (zum Beispiel Übelkeit, Schmerzen, Durchfälle); systemisch: von Hautausschlägen bis hin zum allergischen Schock. Therapie: Eliminationsdiät mit Meidung des auslösenden Nahrungsbestandteils

 

II. Autoimmune Kreuzrektion auf Nahrungsmittelantigene: Zöliakie Autoimmunerkrankung (Prädisponierend: HLA-DQ2/8-Typ); Kreuzreaktion von Antikörpern gegen Nahrungsgluten/-gliadin gegen Komponenten der Dünndarm-Mukosa (Endomysiale Antikörper, Anti-Transglutaminase-Antikörper). Folgen: Lymphozytäre Infiltration, Entzündungsreaktion mit Destruktion der Dünndarm-Zotten. Deshalb Primäre Malabsorption bei Zottenatrophie und zusätzlich Maldigestion bei Mangel an Bürstensaum-Enzymen. Geschätzte Prävalenz: circa ein Prozent. Klinik: Typische mögliche Symptome (können dezent sein/fehlen!): Reizdarmartige abdominelle Beschwerden (Blähungen, Krämpfe, Durchfälle), Gewichtsverlust, Mangelernährung, Vitamin-Mangel mit allen Komplikationen (zum Beispiel Eisenmangelanämie, Osteomalazie). Therapie: Gluten-freie Ernährung lebenslang! (Bei fortdauernder Gluten- Exposition besteht das Risiko eines intestinalen T-Zell-Lymphoms.)

 

III. Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten

a) Spezifische Malabsorptionen von verschiedenen Kohlenhydraten bei relativem Mangel von für die jeweilige Absorption erforderlichen Enzymen oder Transporter- Proteinen, entweder primär oder (dann meist kombiniert) sekundär infolge einer strukturellen intestinalen Störung (zum Beispiel bei CED). Zu den häufigsten Kohlenhydrat-Malabsorptionen zählen: Lactose-, Fruktose-, Sorbitol- Malabsorptionen. Nur ein Teil der Patienten mit spezifischen Kohlenhydrat- Malabsorptionen hat Beschwerden, und nur bei den symptomatischen Patienten besteht eine echte Unverträglichkeit, deren Klinik den Beschwerden eines Reizdarmsyndroms ähnelt. Beschwerden entstehen durch die Metabolisierung der malabsorbierten Kohlenhydrate durch die Kolon-Mikrobiota. Therapie: Versuch einer Eliminationsdiät. Nur bei eindeutigem Ansprechen ist die Kohlenhydrat- Malabsorption als Ursache der Beschwerden anzunehmen (DD: Reizdarmsyndrom!) und eine weitere Meidung der jeweiligen Kohlenhydrate indiziert. Wichtig: Der Verzehr der jeweiligen Kohlenhydrate kann zwar Beschwerden auslösen, ist aber unschädlich! Weitere unterstützende Therapieoptionen sind Laktase-Kapseln bei Laktose-Malabsorption oder „Glucose-Isomerase“-Kapseln bei Fruktose- Malabsorption.

 

b) Spezifische Unverträglichkeiten: Histamin, Gluten (± weitere Getreide-Proteine) 1) Die Existenz und klinische Relevanz einer Histamin-Unverträglichkeit sind umstritten. Bei dieser Störung wird davon ausgegangen, dass Verdauungsbeschwerden und weitere körperliche Symptome durch exogen zugeführtes Histamin ausgelöst werden können. Therapieversuch: Histamin- arme Diät. Auch hier gilt: nur bei eindeutigem Therapie-Ansprechen fortsetzen.

 

2) Die Nicht-Zöliakie-Glutensensitivität (NCGS) wird als relativ neue Krankheitsentität angenommen. Patienten haben Reizdarm-artige Beschwerden in Assoziation mit glutenhaltigem Getreide. Die Diagnose ergibt sich erst nach sicherem Ausschluss einer Zöliakie und sicherem klinischen Ansprechen auf eine glutenfreie Diät. Als mögliche Pathomechanismen werden die Induktion einer intestinalen Barrierestörung und einer konsekutiven Immunaktivierung diskutiert. Mögliche Auslöser neben Gluten könnte auch weitere Getreide-Proteine wie Alpha-Amylase-Trypsin- Inhibitoren (ATIs) sein. Auch die in glutenhaltigem Getreide gehäuften FODMAPs könnten die Beschwerden erklären, wobei es sich in dem Fall dann eher um eine unspezifische Unverträglichkeit handelt.

 

c) Unspezifische Unverträglichkeiten Zu den unspezifischen Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten gehört die Überempfindlichkeit gegenüber den natürlicherweise in der Nahrung enthaltenen sogenannten FODMAPs (=Fermentierbare Oligosaccharide, Disaccharide, Monosaccharide und Polyole). Die FODMAPs werden im Dünndarm nicht resorbiert und dienen der Colon-Mikrobiota als wichtige Nahrung. Die dabei entstehenden Gase und kurzkettigen Fettsäuren können dabei insbesondere bei Patienten mit einem empfindlichen Darm (zum Beispiel beim Reizdarmsyndrom oder bei CED) zu abdominellen Beschwerden führen. Eine über einen begrenzten Zeitraum durchgeführte low-FODMAP-Diät kann bei vielen Patienten eine Linderung der Beschwerden bringen. Eine zumindest passagere Änderung der Zusammensetzung des Darm-Mikrobioms ist beschrieben worden.