Ernährung und Strahlentherapie

Bis zu 80 Prozent aller Patienten mit einer Krebserkrankung im Magen oder in der Speiseröhre sind bereits mangelernährt, bevor sie eine Behandlung beginnen. Eine Strahlentherapie kann zu Übelkeit und Erbrechen führen, die diesen Effekt noch verstärken. Dabei können Mangelernährung und Gewichtsabnahme sich negativ auf das Wohlbefi nden und den Therapieerfolg auswirken. Mit individuell zugeschnittenen Ernährungskonzepten können die Ärzte gegensteuern. 

Die meisten Krebspatienten vertragen die Strahlentherapie gut, erklärt Professor Dr. med. Fredrik Wenz, der die Klinik für Strahlentherapie und Radioonkologie am Universitätsklinikum Mannheim leitet. „Nebenwirkungen sind erfreulicherweise rückläufi g, dank neuer Bestrahlungstechniken, die den Tumor punktgenau treffen.“ Bei bestimmten Tumoren im Hals-, Nasen-, Ohrenbereich, der Speiseröhre, bei gynäkologischen Tumoren, Blasen oder Prostatakrebs ist das „Mitbestrahlen“ des Verdauungstraktes aber fast nicht zu verhindern, weil er an den Tumor angrenzt oder gar direkt im Tumorbereich liegt. Professor Wenz: „Das größte Problem der Radiotherapie im oberen Teil unseres Verdauungsapparates ist, dass die meisten Patienten bereits vor Beginn jeglicher Behandlung durch die Tumorerkrankung selbst mangelernährt sind.“ Wenn dann bei der Bestrahlung der besonders empfi ndliche Bereich zwischen Bauchnabel und Rippenbogen nicht ausgespart werden kann, sind Übelkeit und Erbrechen mögliche Nebenwirkungen. Nimmt der Patient in dieser Zeit zu wenige Nährstoffe auf, entwickelt er eine Mangelernährung oder verstärkt die bereits bestehende – das psychische und körperliche Wohlbefi nden leiden. „Es ist aber nicht nur die Lebensqualität, die uns dann Sorgen macht“, erklärt der weiter. „Die Patienten sind mitunter infektionsanfälliger und Heilungsprozesse, insbesondere Reparaturmechanismen am Normalgewebe, können verlangsamt sein.“ „Wichtig ist es, ab der Erstdiagnose des Tumors regelmäßig eine ernährungsmedizinische Standarduntersuchung durchzuführen“, merkt der Präsident der DEGRO, Professor Dr. med. Jürgen Debus an. Ein spezieller Fragebogen, das Nutritional Risk Screening (NRS 2002), erfasst Anzeichen für Mangelernährung. Bei Tumoren im unteren Rumpfbereich wie bei gynäkologischen Tumoren oder Mastdarmkrebs sind Entzündungen des Darms möglich. Diese kann der Arzt mit antientzündlichen Medikamenten und Mikronährstoffen behandeln. „Der Patient sollte in dieser Zeit eher kein rohes Gemüse und wenig Ballaststoffe zu sich nehmen. Wir empfehlen eine leichte Vollkost, bei der auf Koffein, stark zucker- und fetthaltige Lebensmittel, scharfe Gewürze und schwer Verdauliches wie Hülsenfrüchte oder Pilze verzichtet wird“, empfi ehlt Professor Debus, Ärztlicher Direktor der Klinik für Radioonkologie und Strahlentherapie am Universitätsklinikum Heidelberg. Wenn Patienten aufgrund ihrer Krebserkrankung und der Therapie keine Nahrung zu sich nehmen können, verhindert eine Ernährungssonde oder eine Infusion mit Nährstoffl ösung einen weiteren Gewichtsverlust. Für die Strahlenexperten heißt die Herausforderung: Trotz verbesserter und schonenderer Bestrahlungsmethoden muss für jeden Patienten ein individuell passendes Ernährungskonzept gefunden werden. „Das geht natürlich nur interdisziplinär zusammen mit Ernährungsmedizinern und Ernährungsberatern“, betont Wenz.