Bundesweite Studie zur Hörsturztherapie

Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO leiden etwa 360 Millionen  Menschen weltweit unter einem beeinträchtigenden Hörverlust.  In der Europäischen Union sind geschätzte 434 000 Menschen  taub und weitere 44 Millionen haben eine Hörbehinderung.  Ein für die Betroffenen besonders beängstigendes Ereignis ist ein  ohne ersichtlichen Grund plötzlich eintretender Hörverlust, der  als Hörsturz bekannt ist. 

Neueste Zahlen zeigen, dass ein Hörsturz in Deutschland mit einer Häufigkeit von 100 bis 400 pro 100 000 Personen pro Jahr auftritt. Obwohl  dieses Krankheitsbild seit Langem bekannt ist, sind weder die Ursache und die zugrunde liegenden Mechanismen vollständig erforscht, erklärt  Professor Dr. Stefan Plontke, Direktor der Halleschen Universitätsklinik  und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohren-Heilkunde, Kopf- und  Halschirurgie. Er leitet seit Frühjahr 2015 eine bundesweite Studie,  welche sich mit der Therapie des Hörsturzes beschäftigt. Finanziert  wird das ehrgeizige Projekt durch das Bundesministerium für Bildung  und Forschung (BMBF) im hoch kompetitiven Programm „Klinische  Studien mit hoher Relevanz für die Patientenversorgung“ mit circa 1,9  Millionen Euro. „Wenn die medikamentöse Therapie zur Wiederherstellung  des Hörvermögens nicht oder nicht ausreichend zum Erfolg  führt, bleibt den Betroffenen oft nur eine teilweise Verbesserung ihrer  Beeinträchtigung durch ein Hörgerät oder gar durch eine Innenohrprothese,  ein sogenanntes „Cochlear-Implantat“ betont Professor Plontke,  der mit seinem interdisziplinären Team viele solcher Patienten betreut.  Weil trotz dieser Hilfsmittel für die Betroffenen große Einschränkungen  in der Klangqualität und der Möglichkeit, mit anderen Menschen  zu kommunizieren, bleiben, werden das soziale Leben der Patienten,  das heißt, die Teilhabe im Beruf und die Kontakte im Alltag beeinträchtigt.  Daneben stellen die Kosten der Versorgung mit Hörgeräten  und elektronischen Hörimplantaten auch eine große gesundheitsökonomische  Herausforderung dar. In bisherigen klinischen Studien zur  Hörsturztherapie haben Forscher weltweit verschiedene medikamentöse  Therapieformen getestet. „Ein Beweis für eine eindeutig wirksame  Therapie konnte bisher nicht gefunden werden“, fasst Professor  Plontke diese Ergebnisse zusammen. Einige der Daten weisen aber  darauf hin, dass der Erfolg der Hörsturztherapie mit der Dosis der verwendeten  Kortikosteroide steigt. In der von der Universitätsklinik für  Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie der Martin- Luther-Universität Halle-Wittenberg soll nun untersucht werden, ob  eine Hochdosis-Steroidtherapie wirksamer ist als eine Therapie mit  einer niedrigeren Dosis, die derzeit international als Standard einer  Steroidtherapie angesehen wird. „Damit soll eine valide Datenlage geschaffen  werden, die es erlaubt, Menschen, die unter einem plötzlichen  Hörverlust („Hörsturz“) leiden, wirksam zu behandeln“, beschreibt der  Hallesche HNO-Professor das Ziel der Studie. Die Patienten, die in  diese Studie eingeschlossen werden, erhalten entweder eine der beiden  zu prüfenden Hochdosis-Steroidtherapien, welche den bisherigen  Standard in Deutschland darstellen, oder die internationale Standard- Therapie mit niedrigerer Dosis. Um subjektive Beeinflussungsmöglichkeiten  auszuschließen, weiß bis zum Ende der Studie niemand  vom Studienteam (weder Patient, noch Prüfarzt, noch Statistiker, der  die Daten auswerten wird), welcher Patient welchem Therapiearm zugeordnet  ist. Neben dem Ziel, eindeutige Daten für oder gegen eine  Hochdosis-Steroidtherapie zu generieren, erhofft sich das Team um  Professor Plontke auch Hinweise darauf, ob bei Vorliegen einer Überlegenheit der Hochdosistherapie, eine orale Gabe in Tablettenform der intravenösen Gabe über eine Infusion gleichwertig ist. Dies würde eine zusätzliche Erleichterung für die Patienten darstellen und die Therapie einfacher und für alle Betroffenen verfügbarer machen. „Diese Studie wird durch eine multizentrische und interdisziplinäre Zusammenarbeit getragen, an der verschiedene Universitäten und Fachdisziplinen (zum Beispiel Innere Medizin in Halle, Koordinierungszentrum für klinische Studien ‚KKS Halle‘, Institut für Klinische Epidemiologie und angewandte Biometrie in Tübingen und Studienzentrum Freiburg) sowie Patientenverbände beteiligt sind“, unterstreicht der Studienleiter. So wurden bei der Planung der Studie, die von circa 40 Zentren im gesamten Bundesgebiet getragen wird, Vertreter des Deutschen Schwerhörigenbundes e.V., der Deutschen Gesellschaft für Hörgeschädigte e.V. und der Deutschen Cochlear Implant Gesellschaft e.V. einbezogen. Der Lenkungsausschuss des neu gegründeten Deutschen Studienzentrums für HNO-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie (DSZ-HNO), einer Kooperation der Deutschen Gesellschaft für HNOHeilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie und des Deutschen Berufsverbandes der Hals-Nasen-Ohren-Ärzte, unterstützt das Projekt durch die methodische Beratung des Studienleiters durch das DSZ-HNO. Bei der Antragstellung wurde Professor Plontke maßgeblich durch das KKS Halle der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, welches auch die Durchführung der Studie gemäß Guter Klinischer Praxis federführend begleitet, unterstützt. 

 

Gutes Gehör bewahren– Lärm vermeiden!

 

Hörprobleme sind nicht nur eine Angelegenheit älterer Generationen 

Auch junge Menschen leiden zunehmend unter Hörverlust. Gemäß einer Studie des Bayerischen Landesamtes für Gesundheit sind Jugendliche seit Jahren einer wachsenden Lärmbelastung ausgesetzt. Teenager weisen heute in ihrem Alltag einen Lärmanstieg von 47 Prozent auf, im Vergleich zum Beginn der Studie im Jahr 2009. Das Risiko für spätere Hörschäden ist damit deutlich erhöht. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) weist auf das in allen Industrieländern wachsende Risiko Jugendlicher hin, durch zu laute Musik in Diskotheken und über MP3-Player ihr Gehör nachhaltig zu schädigen. Über eine Milliarde junger Menschen sind demnach weltweit gefährdet. Allein in Deutschland hat sich die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die unter einer Hörstörung leiden, in den vergangenen 24 Jahren verdoppelt, wie die Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde mitteilt. Dr. Stefan Zimmer, BVHI-Vorstandsvorsitzender, hebt darüber hinaus die Bedeutung regelmäßiger Hörtests hervor: „Neben der Aufklärung ist auch die regelmäßige Vorsorge von großer Bedeutung – für Kleinkinder, Kinder und Jugendliche ebenso wie für Erwachsene: Denn je früher ein Hörverlust erkannt wird, desto besser kann er behandelt und eine Hörminderung – etwa durch ein modernes Hörgerät – wieder ausgeglichen werden.“